Forschung mit Aussicht: RAY leistet einen Beitrag für mehr evidenzbasierte Jugendarbeit

Seit 2009 forscht das RAY-Netzwerk für JUGEND IN AKTION. Ein Ziel ist es, fachliche und politische Entscheidungen an wissenschaftlich abgesicherte Erkenntnisse binden zu können. Zum Überleben der non-formalen EU-Jugendförderung wenigstens im Rahmen von Erasmus+ hatte das Netzwerk 2013 einen wichtigen Beitrag geleistet.

Ende 2013, mit Blick auf das Ende von JUGEND IN AKTION, stellte sich die Frage, was aus dem Netzwerk wird, das dereinst zur wissenschaftlichen Begleitung des Programms gegründet worden war. Seit 2009 hatte das RAY-Netzwerk (RAY = Research-based analysis and monitoring of the Youth in Action  Programme), eine Initiative von damals 15 Nationalagenturen in Zusammenarbeit mit der Universität Innsbruck, das Programm JUGEND IN AKTION regelmäßig wissenschaftlich evaluiert und sich unter anderem mit der Frage beschäftigt, welche Wirkungen die geförderten Maßnahmen auf die Beteiligten hat. Allein zwischen Oktober 2009 und Mai 2013 waren europaweit mehr als 30.000 Teilnehmende und Projektleitungen befragt worden; mit „Unter der Lupe“ gab es in Deustchland jährliche qualitative Studien zu den Effekten des Programms vor allem auf die Trägerlandschaft.

Neues Programm – neue Forschung?

Die geballte Erfahrung im Netzwerk und die guten Erfahrungen aus den regelmäßigen Untersuchungen sollten erhalten bleiben, so viel war klar. Günstig dafür war, dass das neue Programm Erasmus+ so genannte Transnationale Kooperationsaktivitäten (TCAs) von Nationalagenturen vorsieht. TCAs sollen die Programmumsetzung unterstützen, indem sie zur Qualitätsverbesserung beitragen und die Wirkung des Programms „auf Systemebene“ und im Hinblick auf übergreifende bildungspolitische Strategien wie EU 2020 und EU Jugendstrategie fördern. Damit hatten alle Nationalagenturen die Möglichkeit, mit ins Netzwerk einzusteigen. Aktuell sind es 31 Nationalagenturen und ihre Forschungspartner in 29 Ländern.

Dass es weitergeht, war also Konsens, die Frage war, wie? Anfang 2014 fragte RAY daher die Partner nach dem Forschungsbedarf. Man einigte sich darauf, neben den bisher laufenden Befragungen - jährlich werden in allen beteiligen Programmländern TeilnehmerInnen und Projektleiter mit einem Online-Fragebogen über Ihre (Lern-)Erfahrungen und (Lern-)Entwicklungen befragt – zwei weitere, neue Vorhaben durchzuführen.

Partizipation und aktive Bürgerschaft

Biografische Langzeiteffekte sollen mit einer Studie „Partizipation und aktive Bürgerschaft“ untersucht werden. Dafür will man fragen, wie Erasmus+ - JUGEND IN AKTION zur Entwicklung von Bürgerkompetenzen beiträgt, d.h. zu Bewusstsein, Haltungen, Wertvorstellungen, Fertigkeiten und Wissen und (wie) die Befragten als aktive Bürgerinnen und Bürger politisch, bürgerschaftlich, kulturell, privat und im Arbeitsleben partizipieren können. Um Langzeiteffekte (ein bis drei Jahre nach einer Maßnahme) soll es gehen, wenn danach gefragt wird, ob die ggf., erworbenen Kompetenzen zu einem veränderten Verhalten oder Handeln geführt haben, und ob dies Wirkungen auf das Umfeld der Befragten, also z.B. auf Organisationen, Strukturen und „Communities“, hat.

Das Forschungsdesign ist wesentlich aufwändiger und valider als bisher angelegt. In 10 Ländern, darunter auch Deutschland, werden mindestens 2.500 ehemalige Teilnehmende und Projektleitungen per Fragebogen und Interviews befragt, einige davon dreimal, nämlich vor dem eigentlichen Beginn des Projekts, zwei Monate nach dessen Beendigung und dann noch einmal ein Jahr nach Beendigung. Eine Vorstudie soll die Fragen und Indikatoren schärfen und eine begleitende Arbeitsgruppe übernimmt das Monitoring. Außerdem sollen Kontrollgruppen befragt werden, also Personen, die nicht im Programm mitgemacht haben. Gespannt darf man auf die Indikatorenliste sein, mit der nach Kompetenzen für Partizipation und Bürgerschaft gefragt werden soll.

Kompetenzentwicklung und „Capacity Building“

Im zweiten Proforschungsprojekt stehen die Multiplikatorinnen und Multiplikatoren im Fokus. Deren fachliche Kompetenzen sollen im Rahmen des Programms durch Fachaustausch, Fortbildungen, Trainings und in Strategischen Partnerschaften gefördert werden. Ob und wie dies gelingt, will man ebenso untersuchen, z.B. ob sich ein eventueller Kompetenzzuwachs in der Praxis zeigt, aber auch, ob er Einfluss auf die Entwicklung von Organisationen, dem lokalen Umfeld oder auf die Anbieter von Fortbildungen wie die Nationalagenturen hat. Außerdem will man danach fragen, welche indiziellen Bildungs- und Professionalisierungswege Multiplikatoren im Jugendbereich gehen. Darüber hinaus interessiert es die RAY-Forscher, ob sich Verbindungen zwischen den verschiedenen Fortbildungsaktivitäten in unterschiedlichen Erasmus+-Bereichen hat, zum Beispiel in Strategischen Partnerschaften, die mehr als einen Bereich umfassen.

Auch bei diesem Forschungsprojekt wird es eine der zentralen Herausforderungen sein, Indikatoren für Schlüsselkompetenzen (angelehnt an die acht Schlüsselkompetenzen der EU) und „Jugendarbeitskompetenzen“ (angelehnt an das Kompetenzmodell für Fachkräfte, entwickelt von SALTO im Rahmen der Europ. Trainingsstrategie der EU-Kommission) zu formulieren und im Rahmen der Fachausbildung anzuwenden.

Die Liste der differenzierten Forschungsfragen lässt erahnen, dass auch dieses Vorhaben umfangreicher ist als die bisherigen Evaluationsstudien. So sollen auch hier mit Instrumenten qualitativer Sozialforschung durch Interviews und Fallstudien Entwicklungen nachvollzogen werden, die sich über einen Zeitraum von fünf Jahren erstrecken werden. Auch bei dieser Studie ist Deutschland dabei.

Und mehr

Für Guido Kaesbach, der JUGEND für Europa im RAY-Netzwerk vertritt, zeigen sich in diesen Plänen neue Perspektiven. Die EU-Jugendstrategie böte dafür die Basis, meint er, da sie eine „evidenzbasierte Jugendarbeit“ verlangt. Sie rechtfertigt es, neben der Evaluation des Programms auch weitergehende Fragen zur Jugendarbeit allgemein zu untersuchen. Ziel sei es auch, die Sichtbarkeit von (europäischer) Jugendarbeit zu erhöhen und fachliche und politische Entscheidungen an wissenschaftlich abgesicherte Erkenntnisse zu binden. Wie wichtig das sei, habe 2013 die Auseinandersetzung um das  Design des Erasmus+-Programms, mithin das Überleben der EU-Förderung für das non-formale und informelle Lernen junger Menschen, gezeigt.

Solche Überlegungen waren auch Gegenstand des letzten RAY-Treffens 2015 in Wien, bei dem sich 80 Forscherinnen und Forscher, Praktiker und Politiker über das Selbstverständnis von RAY und über Forschungsdesiderate austauschten. Beim nächsten Treffen soll ein „Mission Statement” verabschiedet werden. „Wir wollen schauen, wo über die unmittelbaren Programmfolgen hinaus Wissen zur Weiterentwicklung der Jugendarbeit fehlt“, sagt Kaesbach. Er hofft darauf, dass möglichst viele der angeschriebenen deutschen Projektträger an den Untersuchungen teilnehmen. „Sie profitieren letztendlich davon, wenn es durch die Untersuchungen gelingt, die Wirkweise und den Wert von Jugendarbeit zu verdeutlichen.“

Weitere Informationen zu RAY gibt es unter: https://www.jugendfuereuropa.de/ueber-jfe/projekte/unter-der-lupe-ray/ und www.researchyouth.net/

(JUGEND für Europa)

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