Artikel vom 26.07.2006Allgemeine und Berufliche Bildung

Fit für die Weltgesellschaft. Oder: Was ist Interkulturelle Kompetenz?

Die Bertelsmann-Stiftung hat in einem anregenden Diskussionspapier "Interkulturelle Kompetenz" definiert – und damit ein schwieriges Terrain betreten.

via Bertelsmann Stiftung

Als Ergebnis eines mehrmonatigen Reflektionsprozesses zum Thema "Interkulturelle Kompetenz" hat die Bertelsmann Stiftung ein gleichnamiges Thesenpapier veröffentlicht, das sich als Einladung zur Diskussion versteht. Um es gleich zu sagen: Eine Diskussion lässt sich über dieses Papier trefflich führen, offenbart es doch so manche ungelöste Frage.

Die 13 Thesen, die das Papier auffächert, beruhen im Wesentlichen auf den Diskussionen eines Workshops, zu dem die Bertelsmann Stiftung im Januar 2006 die US-Wissenschaftlerin Dr. Darla Deardorff sowie führende Experten aus Deutschland, Holland und Belgien eingeladen hatte. Vorausgegangen war eine von Darla Deardorff durchgeführte Delphi-Umfrage bei 23 US-Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern zu der Frage, wie "Interkulturelle Kompetenz" definiert werden könnte.

Was ist Interkulturelle Kompetenz?

Interkulturelle Kompetenz, so das Papier, befähige zum "konstruktiven Umgang" mit kultureller Vielfalt. Sie gehöre auf Grund der wachsenden Pluralisierung aller Lebensbereiche zu den Schlüsselkompetenzen der Zukunft. Als Quintessenz der Diskussionen wird Interkulturelle Kompetenz als die Fähigkeit von Individuen definiert, um auf Grundlage bestimmter Haltungen und Einstellungen sowie besonderer Handlungs- und Reflexionsfähigkeiten in interkulturellen Situationen "effektiv und angemessen" interagieren zu können. "Angemessene Kommunikation bedeutet dabei, dass wichtige kulturelle Regeln, die die Akteure für verbindlich erachten, nicht verletzt werden. Effektive Kommunikation heißt, dass die Akteure die Ziele ihrer Interaktion auch tatsächlich erreichen."

Vier Aspekte sind an dieser Definition auffällig:

  • Erstens wird Interkulturelle Kompetenz einzig Individuen zugeschrieben; sie "bezieht sich auf die Interaktion von Individuen und nicht von Systemen, etwa Unternehmens- oder Nationalkulturen".
  • Zweitens wird auf die Kompetenz auf Grund von tatsächlichen Handlungswirkungen geschlossen. Viele andere Modelle definieren Kompetenzen dagegen als "Dispositionen", die unabhängig von ihrer Realisierung vorhanden sind. Damit wird hier die Performanz zum Erfolgskriterium. Eine knifflige Sache, hängt die Realisierung doch auch an Bedingungen, die das Individuum nicht gänzlich kontrollieren kann.
  • Drittens wird Interkulturelle Kompetenz rein formal, und zwar zweckrational definiert: Was im Einzelfall als "effektiv und angemessen" bewertet werden kann, bleibt unbestimmt. Es fehlt eine an Werten orientierte Bestimmung, wie sie in vielen anderen Definitionen Interkultureller Kompetenz ex- oder implizit mitgedacht wird, wenn zum Beispiel der respektvolle, gleichberechtigte Umgang miteinander als Erfolgsindikator oder das gemeinsame Handeln bzw. der Konsens als Ziel der gelungenen Interkulturellen Interaktion gilt. Dieser Punkt ist sicherlich der heikelste, allerdings auch der interessanteste. Denn statt wie viele andere Definitionen unbefragt und teilweise politisch korrekt unbefragbar eine ethische Dimension mit zu transportieren, wird diese hier eigens thematisiert: Wer setzt die Ziele einer interkulturellen Interaktion, auf die hin dann von "Effektivität" und "Angemessenheit" gesprochen werden kann?
  • Viertens wird die Verantwortung dafür nicht in die Individuen, sondern in die gesellschaftliche Rahmung der Interaktion verlegt: Denn obwohl sich Interkulturelle Kompetenz auf die Interaktion von Individuen und nicht von Systemen bezieht, so das Papier, erfolgt sie immer innerhalb eines Rahmens, der durch die Willensbildung und Normgebung in den jeweiligen Systemen gestaltet wird. Dieser kann hinderlich oder förderlich sein; immer aber ist Interkulturelle Kompetenz davon abhängig: "Ohne gesellschaftspolitischen Rahmen keine Interkulturelle Kompetenz", heißt es im Papier. "Wenn der systemische Rahmen etwa Herrschaftsbeziehungen beinhaltet, die Assimilation unter bestimmte Identitätskonzepte einfordert oder Verteilungs- und Anerkennungskonflikte nach sich zieht, kann die Interaktion selbst interkulturell höchst kompetenter Akteure erschwert, unmöglich gemacht oder gar in das Gegenteil, d.h. konfrontatives Handeln, verkehrt werden." Jeder kennt das: strukturelle Dominanz beispielsweise kann eine gut gemeinte Handlungsoption in ihr Gegenteil verkehren.

    Anstatt jedoch Interkulturelle Kompetenz erst Recht als das Vermögen zu definieren, das eingesetzt wird, um entsprechende Rahmungen zu reflektieren und ggf. zu überschreiten oder gar neu zu gestalten, wird die Verantwortung für die Bedingungen, interkulturelle Kompetenz zu verwirklichen, überindividuell angelegt, denn: "Diesen Rahmen in einem kulturell vielfältigen oder auch konflikthaften Umfeld zu gestalten, unterliegt der Führungsverantwortung in Unternehmen bzw. ist gesellschaftspolitische Aufgabe, aber keinesfalls der Gegenstand Interkultureller Kompetenz."

Da muss man schlucken. Nicht nur, dass Interkulturelle Kompetenz sich nur an ihrer Realisierung festmachen lässt, und gleichzeitig die individuelle Interaktion abhängig ist von der systemischen Rahmung, darüber hinaus ist diese Rahmung auch schwierig. Denn sie ist selbst abhängig von kulturellen Vorstellungen und Realitäten. Kultur aber – auch erweitert als umfassenden Zusammenhang menschlichen Verhaltens verstanden – wird "nicht als statisches, in sich geschlossenes System, sondern als ein Fluss von Bedeutungen angesehen, der fortwährend alte Beziehungen auflöst und neue Verbindungen eingeht". Kultur unterliegt also einem "beständigen Aushandlungsprozess von Normen, Werten und Lebensweisen". Daraus folgt nicht nur "ein dynamisches und damit schwerer vermittelbares Verständnis von Interkultureller Kompetenz", sondern auch die Frage, wem entsprechende Aushandlungsprozesse obliegen und ob interkulturelle Interaktion nicht jeweils an diesen Prozessen mitwirkt.

Das Papier legt statt dessen eher nahe, dass es auf der einen Seite die interagierenden Individuen gibt, die innerhalb eines unternehmerischen oder gesellschaftspolitischen Rahmens handeln, auf der anderen Seite kulturelle und gesellschaftliche Aushandlungsprozesse, die davon streng unterschieden werden. Diese Vorstellung taugt wenig für ein politisches Verständnis von Interkultureller Kompetenz als Problemlösekompetenz. Dafür müsste auch Individuen – nicht nur Systemen – die Fähigkeit attestiert werden, auf der Grundlage partizipativer Prozesse und auf der Grundlage demokratischer Regeln die relevanten Normen, Werte und Lebensweisen miteinander zu verhandeln.

Wie kann man Interkulturelle Kompetenz lernen?

So oder so – auch nach dem Bertelsmann-Papier – müssen die handelnden Individuen in der Lage sein, sich an veränderte Bedingungen anpassen zu können. Dafür müssen sie die Fähigkeiten für Prozesse erlernen und beherrschen. Die Entwicklung Interkultureller Kompetenz ist demnach komplex, mehrdimensional, je nach interkultureller Situation vielgestaltig und ein lebenslanger Lernprozess. So geht es dann letztlich doch um Dispositionen, nämlich um Voraussetzungen für Interkulturelle Kompetenz – wie kulturelles Wissen, Haltungen und Einstellungen (Wertschätzung von Vielfalt, Ambiguitätstoleranz, Empathiefähigkeit), Kommunikationsfähigkeiten und Konfliktlösungsfähigkeiten. Das Papier entwickelt dafür – ähnlich einem Spiralcurriculum – eine "Lernspirale", die gespeist wird von Kernfähigkeiten, welche die stetige Weiterentwicklung des umfassenden kulturellen Wissens ermöglichen, insbesondere das Zuhören, das (aufmerksame) Beobachten und Interpretieren sowie das Analysieren, Bewerten und Zuordnen kultureller Elemente.

Anders als der streng performative Ansatz nahe legt, bei dem der Erfolg interkultureller Kompetenz abhängig ist von der unterstützenden Rahmung, können die individuellen Voraussetzungen doch beschrieben werden. Nach dem oben Gelesenen kann man schließen, dass der Erwerb von Voraussetzungen für Interkulturelle Kompetenz ganz wesentlich erfahrungsabhängig ist. Zwar sind ihre Kernelemente eher kognitiver Natur, ein umfassendes kulturelles Wissen, das Verstehen fremder Weltsichten, ein Verständnis für die historische bzw. religiöse Begründung von Normen, Werten und Lebensweisen sowie das soziolinguistische Bewusstsein für das Verhältnis von Sprache und Bedeutung in der Kommunikation. Diese Elemente sind aber nur bedingt durch reine Wissensaneignung zu erlangen: "Nur wenn Lernende verschiedene Angebote für ein sinnvolles interkulturelles Interagieren erhalten, sei es durch Veränderung ihrer Lerngruppen, lokale Interaktion mit Menschen unterschiedlicher Werthaltungen, Auslandsaufenthalte o.ä., kann Interkulturelle Kompetenz entstehen." Damit dient die Definition zumindest dazu, die Voraussetzungen und Inhalte für das Erlernen – und damit für das Lehren (vielleicht auch das Messen?) von interkultureller Kompetenz zu bestimmen.

Interkulturelle Kompetenz oder Global Culture Competence?

Letzen Endes jedoch stolpert das Papier über seine eigenen wohl sortierten systemtheoretischen Füße. Wenn nämlich Interkulturelle Kompetenz rein zweckrational und performant bestimmt wird, wenn zugleich stimmt, dass Kultur nur als Prozess zu verstehen ist und damit höchst dynamisch, vielfältig und fragil ist, dann fällt es schwer, die Grundbedingungen für eine erfolgreiche Realisierung Interkultureller Kompetenz zu begründen. So wird in der 13. (sic!) These „das Nebeneinander von relativen Gegebenheiten“ eher beklagt und bezweifelt, dass dieses "ausreicht, um menschliche Koexistenz auf globaler Ebene zu gewährleisten." Indem das Modell in interkulturellen Situationen die Relativierung von Referenzrahmen fordere, werde zwischen den Akteuren kein gültiges und damit verbindendes Werteset ausgehandelt und entwickelt.

Also doch, möchte man sagen, ist Interkulturelle Kompetenz die Fähigkeit, über kulturelle Grenzen hinweg jeweils zu einer Einigung zu kommen, indem man sich gegenseitig nicht nur kennt, sondern auch anerkennt, nicht nur eigene Ziele erfolgreich durchsetzt, sondern gemeinsame Ziele sucht und erreicht. Ob die Autoren das mit der Vorstellung "von Interkultureller Kompetenz zu Global Culture Competence" meinen, sei allerdings dahin gestellt. Denn die Entscheidung darüber wird nicht in die (Interaktions-)Praxis verlegt, sondern, der Logik des Anfangs entsprechend, in übergeordnete Instanzen, dieses Mal in die Hände der Weltgesellschaft: "Die Interaktion der Akteure auf globaler Ebene sowie der Mangel an einer gemeinsamen Wertebasis stellt das Konzept Interkultureller Kompetenz vor schwierige Fragen. Wir stellen zur Diskussion, inwieweit unsere Weltgesellschaft eine Einigung auf einen Set verbindlicher Werte benötigt, die als Basis für das Miteinander in der einen Welt vorausgesetzt werden müssen." Diese Diskussion wird in der Tat spannend, fragt sie doch gleichzeitig nach der Legitimation der Aushändler und der Reichweite des Ausgehandelten.

In einem zumindest kann man dem Papier zustimmen: Interkulturelle Kompetenz sollte sicherlich schon heute zur Grundausstattung der Persönlichkeitsentwicklung gehören. Das Papier schlägt dafür innovative, integrierte Bildungskonzepte vor: "Deren Entwicklung gehört zu den wichtigsten Aufgaben der Zukunft."

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