European Youth Forum: Positionen und Denkanstöße zu DiscoverEU

Die Vorteile der Reisefreiheit nutzen, Europas Vielfalt erleben, seinen kulturellen Reichtum genießen und neue Freundschaften schließen, das sind die Ziele, mit denen die Initaitve "DiscoverEU" Teil des nächsten Erasmus-Programms werden soll. Das Europäische Jugendforum wahrt kritische Distanz und macht Veränderungsvorschläge.

12 Millionen Euro stehen in diesem Jahr für das Pilotprojekt des Europäischen Parlaments zur Verfügung, eine Summe, mit der bis Dezember 2018 Interrail-Tickets für 27.000 junge Menschen gefördert werden. Die erste Verlosungsrunde war sehr erfolgreich, mit 100.480 Bewerbungen für lediglich 15.009 Tickets. Mit großem Abstand gingen aus Deutschland die meisten Bewerbungen ein, gefolgt von Spanien, den Niederlanden und Italien. Am 29. November 2018 beginnt die zweite Bewerbungsrunde um mindestens 12.000 Tickets.

Vorgestellt wird DiscoverEU derzeit als eine neue Maßnahme im Vorschlag der EU-Kommission zum Erasmus+-Nachfolgeprogramm ab 2021 („Aktivitäten im Rahmen von DiscoverEU“, Leitaktion 1 Lernmobilität ). Hier wird DiscoverEU mit einem Budget von 700 Millionen bedacht, sprich 23% des Erasmus+-Jugendkapitels.

Denkanstöße von YFJ für DiscoverEU

Das European Youth Forum (YFJ) hat Denkanstöße zur Zukunft der Initiative DiscoverEU und ihrer Möglichen Integration ins Bildungsprogramm  konkretisiert. Mit seinen 104 Mitgliedorganisationen ist das European Youth Forum (YFJ) ein wichtiger Akteur in der europäischen Jugendpolitik. YFJ fordert grenzübergreifende Teilnahme von jungen Menschen an politischen Prozessen nicht nur konsequent ein, sondern lebt die Teilnahme seiner Mitglieder - 41 nationale Jugendräte und 63 Nichtregierungsorganisationen - auch vor.

YFJ begrüßt die Pläne der Europäischen Kommission für die Zukunft von Erasmus+ und den Willen, die Reichweite dieses EU-Programms auf noch mehr junge Menschen auszuweiten. Laut YFJ berge DiscoverEU die Chance, gerade solche jungen Menschen zu erreichen, die bisher noch nichts von Erasmus+ hatten. Ein einfacherer Zugang und weniger Bürokratie mache dies möglich. Positiv zur Kenntnis nimmt YFJ auch, dass DiscoverEU junge Menschen darin stärken will, die Vielfalt der europäischen Identität wahrzunehmen und ihr Engagement für das europäische Aufbauprojekt stärken soll.

In einem Positionspapier zu DiscoverEU liefert YFJ konkrete Vorschläge, wie sich die Initiative weiterentwickeln und in das nächste Erasmus-Programm ab 2021 integriert werden könnte.

Vorrangig sollte der Schwerpunkt darauf liegen, wie sich junge Menschen in Europa aktiv in die Gesellschaft einbringen können (Stichwort „youth activism“). Und welche Rolle die Zivilgesellschaft in und für Europa spielt, wie unterschiedlich sich diese Rolle von Land zu Land und von Thema zu Thema ausgestaltet. Den interkulturellen Lerneffekt könnte DiscoverEU am besten durch eine kurzzeitige, ehrenamtliche Tätigkeit bei einer Partnerorganisation im Reiseland erzielen.

Prioritär sollten (1) alle jungen Menschen mitmachen können, (2) interkulturelles Lernen und die europäische Identität inhaltlich verankert werden, (3) in einen stärkeren Jugendbereich in Europa investiert werden und eine (4) neue Aktion für junge Menschen von jungen Menschen entstehen. Konkret hieße dies:

  • Vereinfachte Online-Bewerbung über Erasmus+ Nationale Agenturen (NA) und die Exekutivagentur Bildung, Audiovisuelles und Kultur der Europäischen Kommission (EACEA), auch unter Berücksichtigung der Richtlinie (EU) 2016/2102 des Europäischen Parlaments und des Rates vom 26. Oktober 2016 über den barrierefreien Zugang zu den Websites und mobilen Anwendungen öffentlicher Stellen.
  • Individualreisende, oder auch Gruppen, sollten einreichen: eine Reiseroute mit Städten und Ländern (Minimum: 2 Länder), eine Liste von Organisationen, in denen sich Reisende ehrenamtlich einbringen möchten, die geschätzte Reisedauer und das Reisebudget sowie die Angabe eines Themenbereiches, mit dem sie sich befassen möchten.
  • Reisende sollten eine Organisation wählen können, die beratend zur Seite steht und erworbene, nicht-formale Lernkompetenzen bestätigt, ähnlich wie bei den Solidaritätseinsätzen im Europäischen Solidaritätskorps (ESK).
  • Auch zivilgesellschaftliche Organisationen sollten Reiserouten vorschlagen dürfen, für die sich Reisende anmelden können. Zusammen mit den Organisationen in den Reiseländern wären sie verantwortlich für die Bestätigung der erworbenen Lernkompetenzen.

Damit alle jungen Menschen Zugang zu DiscoverEU erhalten, dürfen nicht nur Zugreisen gefördert werden, sondern müssen auch andere öffentliche und nachhaltige Verkehrsmittel gefördert werden. Dies ist besonders wichtig, um junge Menschen in Regionen zu erreichen, die im wahrsten Sinne des Wortes abgekoppelt leben, eben weil es dort kaum Zuganbindungen gibt. Zudem ist eine zusätzliche Förderung der Unterkunft wichtig, um finanziell benachteiligten jungen Menschen diese Mobilitätserfahrung zu ermöglichen, nicht nur denen, die Kost und Logis aus eigener Tasche zahlen können.

Zugang für alle bedeutet aber auch, dass eine Teilnahme über das 18. Lebensjahr ermöglicht werden muss, zumindest in einem Zeitraum von zwei Jahren nach dem Erreichen des 18. Lebensjahrs. Diese Forderung ergibt sich aus den unterschiedlichen mitgliedstaatlichen Modellen und Verpflichtungen (Schule, Ausbildung, nationaler Dienst) in der Phase des Übergangs. Junge Menschen mit besonderen Bedürfnissen, z.B. aufgrund körperlicher oder geistiger Einschränkungen, Pflegebedürftigkeit, oder einem aktiven Flüchtlingsstatus, sollten eine zielgruppengerechte Unterstützung erfahren und mit einem eigenen Budgetansatz bedacht werden. 

Als Teil und wesentliche Maßnahme des EU-Programms Erasmus, sollte DiscoverEU auch auf alle Erasmus-Länder und Erasmus-Partnerländer ausgeweitet werden. Letztlich sollte ein europaweites Netzwerk aufgebaut werden, zusammen mit zivilgesellschaftlichen und Jugendorganisationen, das die Teilnehmer und Teilnehmerinnen der Maßnahme online und offline unterstützt.

Laut YFJ müsse das zukünftige EU-Programm Erasmus das breiter gefasste Ziel verfolgen, die ganzheitliche persönliche Entwicklung junger Menschen als aktive Bürger / -innen in vielfältigen demokratischen Gesellschaften zu stärken.

DiscoverEU kann dies unterstützen, indem es zu einer Mobilitätsaktion wird, die junge Menschen konkret mit der Vielfalt der Zivilgesellschaft in Europa bekannt macht. Und indem es ihnen Werkzeuge an die Hand gibt, um engagierter, sich ihrer Rechte bewusster und besser vorbereitet zu sein auf ihren eigenen Beitrag zum europäischen Aufbauprojekt.

Um das zu erreichen, muss DiscoverEU jedoch an einem Strang ziehen mit dem Erasmus+-Jugendkapitel, überhaupt dem ganzen Nachfolgeprogramm von Erasmus+, dem Europäischen Solidaritätskorps (ESK) und dem Europäischen Sozialfonds+.

Und DiscoverEU muss den Aspekt des interkulturellen Lernens stärken. Es könnte Reisende zu einem Einsatz bei zivilgesellschaftlichen Organisationen vor Ort  bewegen und würde auch so die europäische Identität stärken. Ohne diese Anbindung vor Ort, am Reiseziel, könnten sich gängige Vorurteile bei Reisenden auf der Durchfahrt sogar noch verstärken. Die geforderte finanzielle Unterstützung für Übernachtung, eventuell über ein Netzwerk von Freiwilligen und Organisationen, kann mit interkulturellem Lernen im Zusammenhang mit einem Themenschwerpunkt verbunden werden. Die persönliche Erfahrung mit der Zivilgesellschaft vor Ort ins Auge zu fassen, ermöglicht es auch, den Entwurf einer handfesten Lernerfahrung über Organisationen und unter Einbindung junger Menschen zu planen, und informelle und non-formale Lernkompetenzen durch existierende Instrumente wie Youthpass und Open Badges zu bestätigen. Laut YFJ sollten junge Menschen vor allem schwerpunktrelevante Städte besuchen, wie die Europäische Jugendhauptstadt, die Europäischen Kulturhauptstädte oder Europas Grüne Hauptstadt.

Mitarbeiten statt abnicken. Jugendorganisationen müssen mitreden

Diese Denkanstöße für eine effektive Einbindung von DiscoverEU in das EU-Programm Erasmus machen Sinn. Als neue Maßnahme im EU-Programm muss DiscoverEU die Erasmus-Ziele verfolgen. Dies wiederum darf es darf nicht zu einer Kürzung der Mittel für andere erfolgreiche Bereiche des Jugendkapitels Erasmus+ JUGEND IN AKTION führen. Denn diese wesentlichen Mittel liegen bereits unter dem erforderlichen Niveau, obwohl die finanzierten Aktivitäten nachweislich die Erasmus-Ziele erreichen.

YFJ sieht einen Budgetansatz für DiscoverEU von 700 Millionen Euro, immerhin 23% des Jugendkapitels Erasmus+ JUGEND IN AKTION, als nicht gerechtfertigt. Vor allem nicht ohne eine inhaltliche Weiterentwicklung der neue Maßnahme. Eine Aufstockung des Budgets wäre eher sinnvoll für andere Formate des EU-Programms, hier vor allem die, die sich bereits als effektiv und effizient erwiesen haben.

Wie der Strukturierte Dialog der EU-Jugendstrategie (2010-2018) mit Erfolg bewiesen hat, ist es wichtig und möglich, junge Menschen und Jugendorganisationen bei der Konzeptualisierung, beim Management und bei der Umsetzung von Jugendprogrammen einzubeziehen.

Deshalb ist es aus Sicht von YFJ inakzeptabel, dass dies im Fall von DiscoverEU nicht geschehen ist. Bei der Planung einer komplett neuen Maßnahmen mit derart enormen Auswirkungen auf das nächste EU-Programm Erasmus muss man junge Menschen und den Jugendbereich breiter einbeziehen. Dies hätte bereits vor Veröffentlichung des Vorschlags der EU-Kommission geschehen müssen. Das erste DiscoverEU Stakeholders' Meeting im Mai 2018, bei dem die Initiative lediglich vorgestellt wurde, war dafür nicht der richtige Weg. Man hätte der guten Praxis der EU-Jugendpolitik folgen sollen, indem man einen ähnlichen Konsultationsprozess aufgelegt hätte.

Twitter European Youth Forum - 2nd DiscoverEU Stakeholders# Meeting

Quelle: YFJ, https://twitter.com/EuropeanYouthEU/status/1052492564392275968

Von Interesse ist in diesem Zusammenhang das zweite DiscoverEU Stakeholders‘ Meeting, das am 17. Oktober 2018 die Debatte um die inhaltliche Aufwertung von DiscoverEU weiterführt hat. Die Aufzeichnung des Treffens kann unter folgendem Link aufgerufen werden (https://webcast.ec.europa.eu/discovereu-stakeholders-meeting).

Die ausführliche Position von YFJ zu DiscoverEU können Sie hier direkt nachlesen:

(JUGEND für Europa)

Kommentare

    Bislang gibt es zu diesem Beitrag noch keine Kommentare.

    Kommentar hinzufügen

    Wenn Sie sich einloggen, können Sie einen Kommentar verfassen.