"Europawahl? Junge Menschen sollten früher wählen dürfen"

Rund 60 junge Politikbegeisterte zwischen 16 und 26 Jahren haben sich in Bremen auf die Europawahl vorbereitet. Vier Tage lange schlüpften die Akteure während der Bremer Jugendkonferenz "Take V" in die Rollen von Parteien, NGOs, Bürgerinitiativen und Medien. Die klare Erkenntnis: Diese Europawahl ist wichtig! Jede Stimme zählt! - Warum darf man dann aber mit 17 Jahren nicht wählen gehen?

Mit dabei auf der Jugendkonferenz: Wendla Schaper aus Bremen. Die 17-Jährige besucht die 11. Klasse einer Bremer Schule.

JfE: Wendla, warum hast Du dich entschieden, an dem Planspiel teilzunehmen?

Wendla Schaper: Ich war im vergangenen Jahr zum ersten Mal bei der Jugendkonferenz "Take V" dabei. Die Begegnung mit so vielen interessierten Menschen und die Vermittlung von aktiver, greifbarer und keineswegs abstrakter, theoretischer Politik hat mich dazu motiviert, mich ein weiteres Mal mit dem Thema Europa auseinander zu setzen. Das diesjährige Format eines Rollenspieles fand ich besonders spannend.

Was musstest Du in deiner Rolle denn machen?

Ich war Mitglied in einer von sechs Parteien, bei denen kein Profil vorgegeben war. Wir hatten die Aufgabe, Themenschwerpunkte für unsere Partei zu finden und ein Wahlprogramm zu entwerfen. Außerdem gaben wir unserer Partei einen Namen, ein Logo, einen Wahlslogan und gestalteten Plakate und Flyer. Auch für meine eigene Person erfand ich individuelle Eigenschaften. Nur Name und Alter waren vorgegeben.

Im Laufe des Spiels betrieb ich Öffentlichkeitsarbeit und Wahlkampf für meine Partei. Ich nahm an TV-Duellen teil, gab Presseinterviews und trat mit Bürgerinitiativen und NGOs in den Dialog. Auf einer eigens für das Spiel entworfenen Website präsentierten wir unsere aktuellen Positionen. Dort konnte ich eigene Texte veröffentlichen.

Wie hat sich die Rolle angefühlt?

Ich hätte mir keine bessere Rolle und keine bessere Partei vorstellen können. Wir waren sozial-ökologisch, bürgernah und engagiert. So, wie ich es mir in Wirklichkeit auch wünsche.

Welche Dynamik hat sich bei dem Spiel entwickelt? 

Mit der Zeit war es weniger eine Rolle, die ich spielte, als meine eigene Meinung, die ich vertrat und meine Ziele, für die ich kämpfte. Dadurch war das Spiel überraschend emotional. Besonders die Wahlen waren enorm spannungsgeladen.

Was macht aus Deiner Sicht einen guten Politiker denn aus?

Direktheit und Konkretheit. Gute Politiker/-innen bringen Dinge auf den Punkt und sind aktuell informiert. Sie sind bürgernah, stellen sich Diskussionen und können Gespräche auf Augenhöhe führen. Sie sind nicht auf Grund von Alter, Geschlecht oder Herkunft überheblich. Sie setzen angekündigte Dinge um bzw. kämpfen ernsthaft für die Umsetzung ihrer Ziele.

Gab es Überraschungen beim Planspiel?

Die Rollen wurden zufällig verteilt. Daher gab es erst kleine Unstimmigkeiten, unsere Partei klar zu positionieren. Nach einigen Diskussionen entstand aber eine inhaltlich sehr ausgereifte und durchdachte Partei. Überrascht hat mich, wie intensiv alle in ihre Rollen eingetaucht sind. Das Spiel wurde mit einer tiefen Ernsthaftigkeit betrieben. Es war eine unglaublich produktive Zusammenarbeit.

Wie warst Du mit dem Ausgang des Planspiels zufrieden?

Die Wahlen gewann die rechtspopulistische Partei mit absoluter Mehrheit. Es war schockierend. Dieses Ergebnis machte mir bewusst, dass ich mich in einer Blase aus Menschen bewegt hatte, die genauso engagiert in ihre Rolle eingetaucht waren.

Wir hatten eine große Teilnehmermenge übersehen, die nicht so gut in dem Spiel integriert war. Obwohl die Gewinnerpartei die ganze Zeit über unbeliebt war und durch ihre Lautstärke und Derbheit negativ auffiel, gelang ihr der Sieg. Enormen Einfluss auf das Wahlergebnis hatte auch eine Boulevard-Zeitung, die eine verdeckte Zusammenarbeit mit den Rechtspopulisten führte, ebenso wie eine von sechs Bürgerinitiativen.

Was würdest Du sagen: War das Planspiel am Ende mehr Fiktion oder mehr Realität?

Ganz klar: Die vier Tage waren kein fiktives Rollenspiel, sie waren Abbild der Realität. Große Bevölkerungsmengen werden offenbar von den Parteien nicht angesprochen, sondern fühlten sich übersehen. Sie ließen sich von populistischen, flachen Argumentationen überzeugen. Es ist wichtig, dieses Ergebnis ernst zu nehmen und zu reflektieren, sowohl im Spiel als auch in der Realität.

Wie schaust Du nach dem Planspiel auf die Europawahl?

Ich wünsche mir sehr, dass viele Menschen ihre Stimme nutzen und wählen gehen. Ich hoffe auch, dass genug Menschen aufgeklärt und informiert genug sind, keine rechtspopulistischen Parteien zu wählen.

Wie würdest Du Menschen überzeugen, wählen zu gehen? 

Durch aktive Projekte, in denen Politik und die Bedeutung von Wahlen vermittelt wird. Viele Menschen sind uninformiert und deshalb unentschlossen. Es ist wichtig, bewusst zu machen, dass jede und jeder eine Meinung hat, die eingebracht werden muss. Jede Stimme zählt. In unserer Schule haben wir grade eine Politikwoche zur Bürgerschaftswahl organisiert, da wir in Bremen schon mit 16 Jahren wählen dürfen.

Was interessiert Dich derzeit politisch besonders?

Umweltschutz. Das Thema ist mir schon lange ein Anliegen. Ich bin gespannt, ob sich mit Nachdruck der Fridays For Future-Proteste entscheidend etwas ändern und endlich radikal gehandelt wird. Mich interessieren außerdem Flüchtlings-, Geschlechter- und Europapolitik.

Was regt dich in der Politik besonders auf? 

Dass über viele dringende Themen seit Jahren diskutiert wird. Es wird erkannt, dass einiges bislang falsch läuft, aber nicht konsequent gehandelt. Mich macht fassungslos, dass Menschen, die auf der Flucht sind, abgeschoben werden. Und das, obwohl wir teilweise Mit-Auslöser dieser Flucht sind. Mich ärgert, dass junge Menschen in der Politik so wenig Mitspracherechte haben. Mit 21 Jahren werde ich das erste Mal in Europa wählen, das kann nicht sein.

Hat Dich das Planspiel verändert?

Ich habe gemerkt, dass es viele Menschen gibt, die ähnliche politische Ansichten haben und die bereit sind, sich für die gleichen Ziele zu engagieren. Das hat mich unglaublich bestärkt weiterzumachen. In Zukunft werde ich vielmehr auf die Darstellung der Medien achten und Nachrichten immer hinterfragen. Und: Ich möchte mehr direkte Gespräche mit Politiker/-innen führen, um mir eine eigene, unmittelbare Meinung zu bilden.

(Das Interview führte Marco Heuer im Auftrag von JUGEND für Europa / Foto mit freundlicher Genehmigung des Bremer Jugendringes)

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Weiterführende Informationen

Link: Die Jugendkonferenz "Take V" wurde organisiert vom Bremer Jugendring. Mehr Informationen zu dem Event gibt es unter www.take-v.eu.

Link: Gefördert wurde das Projekt über die Leitaktion 3 des EU-Programms Erasmus+ JUGEND IN AKTION. Alle Informationen hierzu finden Sie auf unserer Programmseite zu Erasmus+ JUGEND IN AKTION...

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