Europäisches Peer-Learning zur Jugendpolitik: "Es ist wichtig, kritische und provokante Fragen zu stellen."

JUGEND für Europa sprach mit Laura Bacinskiene, Vertreterin Litauens aus der Jugendabteilung des Litauischen Ministeriums für Arbeit und Soziales im Peer-Learning-Projekt zur Jugendpolitik und Teilnehmerin in Berlin und Rotterdam.

JfE: Frau Bacinskiene, was sind derzeit die dringendsten Herausforderungen für die Jugendpolitik in Litauen?

Laura Bacinskiene: Die Jugendpolitik in Litauen ist gegenwärtig an mehreren Stellen gefordert: Jugendarbeitslosigkeit, die Einführung eines Zertifizierungssystems für Mitarbeiter der Jugendarbeit,  die Entwicklung eines Jugendinformations- und Beratungssystems, die Entwicklung von Jugendfreiwilligendiensten, die Stärkung der Jugendorganisationen, Aktivitäten mit im Ausland wohnenden litauischen Jugendlichen. In diesem Zusammenhang sind die Aktivitäten auf der lokalen Ebene besonders wichtig. Alle Kommunen in Litauen stellen gerade „Problemlösungs-Pläne im Jugendbereich“ auf. In der Vorbereitung und künftigen Umsetzung werden gemeinsame Aktivitäten verschiedener Institutionen, Organisationen und Professionen zusammengefasst.

JfE: Wer arbeitet da zusammen?

Laura Bacinskiene: Die lokale Ebene führt jugendpolitische Strukturen ein: Jugendräte, Jugendkoordinatoren, Runde Tische mit Jugendvertretern, Vertretern aus Organisationen und Verbänden der Jugendarbeit, kommunale Mitarbeiter aus verschiedenen Abteilungen – Bildung, Kultur, Soziales, Kinderschutz und so weiter - , örtliche Unternehmen, Jugendorganisationen, Kommunalvertreter und andere lokale Akteure.

Dies alles zielt darauf ab, die unterschiedlichen Institutionen und ihre Aktivitäten zu bündeln,  und zwar nicht nur im Hinblick auf die Erstellung der „Problemlösungs-Pläne“, sondern auch auf deren Umsetzung. Wir erhoffen uns davon die Initiierung und Verbesserung vielfältiger Formen von Kooperation im Bereich der Jugendpolitik zwischen dem öffentlichen und dem freien Sektor.

JfE: Was gab den Anstoß für diese Entwicklung?

Laura Bacinskiene: Die Idee für solche Aktionspläne kam vor drei Jahren auf, deswegen klingt der Name auch eher negativ, nicht so sehr nach positiver Jugendpolitik. Aber ich kann sagen, dass die in den schon fertigen Plänen aufgeführten Maßnahmen den Schwerpunkt darauf legen, das Potenzial von Jugendlichen zu stärken und fördernde Bedingungen für ihre Entwicklung zu schaffen. Die Pläne könnten ein großartiges Beispiel „positiver Jugendpolitik“ werden, da sie auf sektorübergreifender Kooperation basieren, nicht nur horizontal, sondern auch vertikal.

JfE: Wie erleben Sie bisher den Peer-Learning-Prozess? Konnten Sie etwas mitnehmen oder für Ihre eigene Politik übertragen?

Laura Bacinskiene: Peer-Learning-Prozesse führen ja Länder mit unterschiedlichen Erfahrungen in der Umsetzung von Jugendpolitik zusammen und ganz gleich, ob ein Land längere oder kürzere Erfahrungen darin hat, sie alle wollen voneinander lernen. Die in Litauen entwickelte Jugendpolitik kann also genauso als Erfolgsmodell betrachtet werden. Vielleicht erscheint es manchmal so, als ob unsere Arbeit noch nicht so gut ist, wie wir es uns erhoffen, aber wir wollen uns verbessern. Und das möchten wir auch durch unser Engagement im laufenden Peer-Learning-Prozesses. Es ist schwer, jetzt schon eine definitive Antwort zu geben, was wir für unsere eigene Politik nutzen können. Nach meiner persönlichen Meinung ist es wichtig, für die Entwicklung einer „positiven Jugendpolitik“ die Haltung zu verändern – von einer problemorientierten Sichtweise hin zu einer, die Möglichkeiten für junge Menschen schafft, ihr Potenzial zu entwickeln; und von einer Orientierung auf bestimmte Zielgruppen hin zu Angeboten für alle Jugendlichen. Je mehr Menschen diese Haltung teilen, umso leichter wird es sein, einen Perspektivwechsel zu erreichen.

JfE: Was hat Ihnen in Rotterdam am besten gefallen? Haben Sie etwas vermisst?

Laura Bacinskiene: Mir hat gefallen, dass wir angeregt wurden, darüber nachzudenken, was eine “positive Jugendpolitik” sein kann. Warum sollte sie „positiv“ sein? Aus den Ergebnissen der Diskussionen schließe ich, dass es schwierig ist, hier zu einem gemeinsamen Verständnis zu kommen, was „positiver Jugendpolitik“ ausmacht. Allerdings ist es möglich, die Ecksteine einer solchen Politik zu definieren, ihre „Zutaten“. Wir können voneinander durch Praxis lernen – das haben wir im Seminar im Rahmen der Praxisbesuche gemacht. Ich fand es aber nicht so gut, dass wir uns nur auf die spezifischen Beispiele bezogen haben. Ich glaube dass andere auch konkrete Beispiele präsentieren könnten. Es wäre schön gewesen, wenn es mehr Zeit in den Arbeitsgruppen gegeben hätte, diese unterschiedlichen Erfahrungen zu diskutieren.  

JfE: Was wünschen Sie sich vom dritten Seminar im Frühjahr in Prag?

Laura Bacinskiene: Aus meiner Sicht ist es nicht so wichtig, was wir uns erhoffen oder erwarten. In einem Peer-Learning-Prozess ist wichtiger, was wir anderen geben können, wie wir voneinander lernen können – und das beinhaltet nicht nur Erfolge, sondern auch Fehler und Scheitern. Voneinander lernt man nicht nur durch Präsentationen. In Präsentationen stellt man die Aktivitäten immer gut dar. Ich meine nicht, dass das nicht auch richtig wäre. Aber es ist genauso wichtig, kritische und vielleicht auch provokative Fragen zu stellen, die helfen, tiefer in die Maßnahmen der Partnerländer einzusteigen.

(Das Interview führte Dr. Helle Becker im Auftrag von JUGEND für Europa)

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