Europäisches Peer-Learning zur Jugendpolitik: "Die Herausforderung ist, zu einem ganzheitlichen Ansatz in der Jugendpolitik zu finden."

JUGEND für EUROPA sprach mit Ralph Schroeder, Conseiller de Direction 1re classe, Abteilung Kinder, Jugend und Familie im Luxemburger Ministerium für Familie und Integration.

Ralph Schroeder, langjähriger Kenner der jugendpolitischen Zusammenarbeit in Europa, nahm als Beobachter der Benelux-Partnerschaft (Niederlande, Belgische Gemeinschaften, Luxemburg) am zweiten Seminar des Peer-Learning-Projekts zur Jugendpolitik in Rotterdam teil.

JfE: Herr Schroeder, was denken Sie über das Thema des Peer-Learning-Prozesses?

Schroeder: Das ist für mich sehr interessant, weil die Frage nach einer eigenständigen Jugendpolitik auch unseren Alltag in der Jugendabteilung hier im Luxemburger Ministerium bestimmt. Dabei ist die Übersetzung in „independent youth policy“ für mich ein bisschen problematisch. Der Begriff suggeriert, dass es da etwas gibt, was ohne die anderen Politikfelder existiert, während der deutsche Begriff „eigenständig“ eigentlich treffender ist. Unser entsprechendes Instrument in Luxemburg heißt „Jugendpakt“. Damit versucht die Regierung, alle Maßnahmen, die die Jugendlichen betreffen, aus im Prinzip allen Politikfeldern zusammenzufassen, so dass idealerweise eine Kohärenz des Regierungshandelns sichtbar wird. „Eigenständig“ meint damit auch, dass man davon wegkommt, dass verschiedene Ministerien verschiedene Bilder von Jugendlichen haben und demnach auch verschiedene Zielsetzungen verfolgen. Im Extremfall kann das dazu führen, dass Initiativen des einen die Initiativen der anderen sozusagen neutralisieren.

JfE: In Deutschland wird häufig die Vielfalt von Gesetzen und Zuständigkeiten vor allem auf der kommunalen Ebene, in direktem Kontakt zu betroffenen Jugendlichen, kritisiert.

Schroeder: In Luxemburg hat die nationale Ebene ganz direkten Einfluss auf die kommunale Ebene. Aber das Problem ist im Prinzip das gleiche.

JfE: Was haben Sie unternommen, um sektorübergreifend zu arbeiten?

Schroeder: Wir haben ein Jugendgesetz von 2008, das einen Nationalen Aktionsplan Jugend auf der Basis eines Nationalen Jugendberichts vorschreibt. Wir haben versucht, diesen Bericht als ein horizontales Instrument zu konzipieren, das nicht nur die klassische Jugendpolitik widerspiegelt, die wir im Familienministerium betreiben, sondern alle Akteure auf Regierungsebene zusammen betrachtet und so einen Gesamtüberblick gibt. Das Gesetz hat auch ein interministerielles Komitee eingesetzt, in dem sich 10 Ministerien zum Thema Jugend beraten.

JfE: Welche Erfahrungen haben Sie damit bisher gemacht?

Schroeder: Ich glaube, dass es wichtig ist, dass Jugendpolitik, die als eine Art Mainstreaming gedacht wird, auch einen eigenen Bereich mit klar definierten Konturen hat, ein eigenes Interventionsfeld, von dem aus man Jugendbelange in andere Politikfelder hineinbringt.

JfE: Was wäre so ein eigenes Interventionsfeld?

Schroeder: Ich gebe mal ein Beispiel. Wir haben seit ein paar Jahren ein Programm, in dem wir mit Methoden der non-formalen Bildung mit jungen Schulabbrechern arbeiten. Sie lernen, eine Bilanz ihrer Situation zu ziehen und ein neues, eigenes Bild für ihre Zukunft zu entwerfen. Das kann beinhalten, dass sie wieder zurück zur Schule wollen oder auch direkt auf den Arbeitsmarkt oder sonst eine Maßnahme mitmachen wollen. Die Stärke von diesem Programm ist, dass man, anders als in klassischen Arbeitsmaßnahmen, die Jugendlichen ins Zentrum stellt, ihnen die Optionen aufzeigt und den Jugendlichen die Wahl lässt bei der Gestaltung der Maßnahme. Dieses Vorgehen schafft die Motivation bei den Jugendlichen, sich die gewählte Maßnahme anzueignen. Daher ist die Erfolgsquote auch ziemlich hoch. So eine eigene Entwicklung von Maßnahmen im Bereich der non-formalen Bildung erlaubt es uns, in der Diskussion mit Leuten im Feld der Arbeitsmarktpolitik ganz anders aufzutreten. Deswegen denke ich, dass neben einer transversalen Politik auch immer ein eigenes Feld da sein muss, in dem man sich eine Legitimität aufbaut, mit der man dann auch besser argumentieren kann.

JfE: In Rotterdam wurde eine „positive Jugendpolitik“ gefordert, ein Paradigmenwechsel in Bezug auf die Haltung gegenüber Kindern und Jugendlichen. Können Sie mit dem Begriff etwas anfangen?

Schroeder: Es ist ja schwierig, gegen so einen Begriff zu argumentieren. Die andere Schwierigkeit ist, den Begriff zu fassen. Man muss sich erst einmal eine Zeitlang darüber unterhalten, was damit eigentlich gemeint ist. In Rotterdam haben wir ein Projekt gesehen, bei dem mit Jungen gearbeitet wurde, die Schulprobleme hatten. Aber es wurde mit ihnen nicht problemorientiert gearbeitet, sondern es wurden ihre Talente gefördert. Ich frage mich: Ist das schon positive Jugendarbeit? Und darüber hinaus: Wenn ich jetzt viele und gute Projekte der Jugendarbeit – und man findet ja überall gute Projekte – nebeneinander lege, habe ich noch keine Jugendpolitik. Die hat etwas mit politischen Strategien zu tun und die entstehen nicht dadurch, dass man viele gute Einzelprojekte macht. Darüber zu sprechen ist dann wahrscheinlich der nächste Schritt.

JfE: Was wäre dann für Sie „positive Jugendpolitik“?

Schroeder: Ich gebe ein Beispiel aus Luxemburg. Wir arbeiten zurzeit an einer Strategie zur sexuellen Gesundheit bei Jugendlichen. Wir arbeiten zusammen mit den Ministerien für Bildung, für Gesundheit und für Chancengleichheit. Wir sind dabei, eine politische Strategie auszuarbeiten. Das Ziel dieser Strategie ist nicht die Verhütung von ungewollten Schwangerschaften und Vermeidung von sexuell übertragbaren Krankheiten, sondern die sexuelle Selbstbestimmung der Jugendlichen. So könnte ich mir das Beispiel einer „positiven“ politischen Strategie vorstellen. Aber, natürlich, wenn das in meinem Kopf existiert, existiert es noch nicht in der Realität. Bei den Diskussionen mit den Abgeordneten unseres Parlaments war schnell klar, dass es denen vor allem um die Verhinderung ungewollter Schwangerschaften und sexuell übertragbarer Krankheiten ging. Ich glaube, es hat damit zu tun, wie Politik funktioniert. Es werden gern Probleme identifiziert, weil man das Gefühl hat, eigentlich erst dann eine sichtbare politische Steuerung vornehmen zu können.

JfE: Aber ist denn dieser positive Denkansatz nicht zumindest in der Jugendarbeit schon weit verbreitet?

Schroeder: Ja, aber weil die Politik ja auch Geldgeber ist, besteht immer das Risiko, dass die Problemorientierung der Politik auch in der Jugendarbeit übernommen wird.

JfE: Und man reagiert auf Öffentlichkeit und Medien. Wenn etwas Schlimmes passiert, will man Antworten der Politik.

Schroeder: Genau! Insofern ist ein positiver Ansatz nicht nur ein politisches Problem, sondern eine gesamtgesellschaftliche Frage, eine des Blicks, den man auf die Jugend hat. Jugend wird entweder wahrgenommen wenn sie ein Problem hat oder eines ist. Das ist auch eine Herausforderung für die gemeinsame Jugendpolitik in Europa.

JfE: Inwiefern?

Schroeder: Mir scheint die große Herausforderung zu sein, zu einem ganzheitlichen Ansatz in der Jugendpolitik zu finden. Im Moment ist es ja so, dass durch die Krise das Thema Beschäftigungsfähigkeit ganz stark in den Vordergrund rückt. Das ist einerseits wichtig. Aber seit zwei bis drei Jahren geraten dadurch andere Aspekte aus dem Blick. Da muss man schon aufpassen, denke ich, dass man sich in der Jugendpolitik nicht immer nur um das Tagesthema kümmert. 

JfE: Können Sie ein Beispiel nennen?

Schroeder: Nehmen wir Fragen der politischen Beteiligung. Als wir 2005 in Luxemburg das Referendum zum EU- Verfassungsvertrag hatten, haben über 50% der unter 30-jährigen gegen diesen Vertrag gestimmt. Da war auf einmal die politische Bildung ein großes Thema. Es gibt im Lissabon-Vertrag jetzt den Artikel 165, in dem die verstärkte Beteiligung der Jugendlichen am politischen Leben in Europa festgeschrieben ist. Und dann kam 2008 die Krise und damit war dieses Thema im Jugendministerrat ganz schnell vom Tisch. Wir dürfen aber gerade in der Krise, in der bei Einigen plötzlich Randgruppen als Ursache für alle Probleme herhalten müssen, das demokratische und interkulturelle Fundament der europäischen Gesellschaften nicht aus den Augen verlieren. Manchmal wird ja sogar so getan, als sei es irgendwie die Schuld der Jugendlichen, dass wir so weit gekommen sind. Umso mehr scheint es mir die Herausforderung für die nächsten Jahre zu sein, zu einem Gleichgewicht zu finden und zum Beispiel beschäftigungspolitische Maßnahmen und Maßnahmen der politischen Bildung als gleichwertig anzusehen.

JfE: Aber die Aufwertung nicht formaler Bildung ist immer noch ein Thema auf EU-Ebene.

Schroeder: Ja, im Moment wird ja auch im Rat in Brüssel die Empfehlung zur Validierung des non-formalen Lernens diskutiert. Aber auch da sehe ich ein Risiko, weil im Jugendbereich, vor allem in der offenen Jugendarbeit, der Fokus stark auf den Prozessen und weniger auf dem Output liegt. Sogar wenn man mit einem Bildungsbegriff operiert, muss man aufpassen, dass man sich im Endeffekt nicht vor eine andere Karre spannen lässt. Man darf Bildung und Beschäftigungsfähigkeit nicht verwechseln!

JfE: Sie sehen also eigenständige und positive Jugendpolitik als gesamteuropäisches Thema?

Schroeder: Absolut. Ich habe in Rotterdam mit vielen Kollegen gesprochen und war überrascht, dass viele Länder an einem gleichen Punkt angekommen sind. Ich bin sehr gespannt, wie dann das Endprodukt von dem ganzen Zyklus aussehen wird.

(Das Interview führte Dr. Helle Becker im Auftrag von JUGEND für Europa)

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