"Europäische Initiativen? Da denken manche, wir treiben wieder eine neue Sau durchs Dorf"

Ein Interview mit Matthias Hoffmann. Er ist Referent im Brandenburger Ministerium für Bildung, Jugend und Sport - Referat Jugendarbeit, Jugendsozialarbeit, Hilfen zur Erziehung, Jugendhilfeplanung und Sozialpädagogische Berufe.

Herr Hoffmann, welchen Stellenwert hat die EU-Jugendstrategie bislang in Brandenburg?

Erfahrungsgemäß dauert es ja immer ein bisschen, bis eine neue Initiative ins Laufen kommt. Bei uns geht es noch immer darum, Träger und Fachkräfte zu Anliegen und Zielen der EU-Jugendstrategie zu informieren und sie zu sensibilisieren. Bislang haben mehrere Gespräche und Veranstaltungen mit dem Landesjugendring, Verbänden, Jugendbildungsstätten, den Landesarbeitsgemeinschaften und anderen landesweiten Fachorganisationen stattgefunden.

Darüber hinaus war es Thema bei den Jugendamtsleitern sowie bei den für die Jugendarbeit und Jugendsozialarbeit zuständigen Fachkräften in den Jugendämtern.

Was läuft denn schon besonders gut?

Die Bereitschaft, das Thema aktiv aufzugreifen, ist dort am Größten, wo wir deutlich machen können, dass die Umsetzung der EU-Jugendstrategie nicht mit einem zusätzlichen Mehraufwand verbunden ist. Das Hauptaugenmerk in Brandenburg liegt daher darauf, die eigene pädagogische Arbeit europäischer zu denken und zu gestalten. Heißt konkret: Wenn es sinnvoll ist, laden wir für Fachtagungen auch Fachreferenten aus anderen europäischen Ländern ein. Das ermöglicht den Blick über den Tellerrand und fördert zudem den Peer Learning-Ansatz auf der Ebene der Fachkräfte. Weil wir nationale und europäische Arbeit stärker miteinander verbinden wollten, haben wir übrigens auch zwei bislang getrennte Richtlinien in einer neuen zusammengeführt. Die nationale und internationale Jugendbildung und Jugendbegegnung wird seit 1. Januar 2012 im Sinne eines integrierten Ansatzes gefördert.

Und wo drückt der Schuh noch am meisten?

Erwartungsgemäß schwierig gestaltet sich die Implementierung auf der kommunalen Ebene. Dort glauben viele immer noch, dass es sich bei der EU-Jugendstrategie um ein reines EU-Thema oder um internationale Jugendarbeit handelt. Die drei zentralen Themen (gelingende Übergänge von Schule in Ausbildung in Beruf, Jugendbeteiligung/ Partizipation sowie Sichtbarmachung/ Anerkennung non-formaler Bildungsprozesse) werden zu wenig als jugendpolitische Schwerpunktthemen gesehen, bei denen die EU-Jugendstrategie Motor und Katalysator zur qualitativen Weiterentwicklung ist.

Wie kann die EU-Jugendstrategie stärker in den Regionen verankert werden?

Da sind wir wohl noch alle Suchende. Ein paar Vorschläge hätte ich trotzdem:

Die öffentliche Förderung im Land Brandenburg basiert auf der Leitidee: "Stärken stärken." Dieses Motto könnte unter Umständen auch für die Implementierung der Jugendstrategie auf kommunaler Ebene herhalten. Es ist ja auch nicht so, dass in diesem Bereich überhaupt keine europäisch gedachte und mit den eigenen Arbeitsansätzen verzahnte Jugendarbeit stattfindet. Aber es ist notwendig, die Akteure in ihrer bisherigen Arbeit und bei der Ausarbeitung von Konzepten und Strategien stärker zu unterstützen. Das könnte dann zu einem "Nachahmeeffekt" bei anderen führen.

Auch das oben genannte Beispiel mit europäischen Referenten bei Fachveranstaltungen ist ein möglicher Weg. Wenn die Tagungsteilnehmer erkennen, wie die Aufgaben in anderen europäischen Ländern erfüllt werden und sie dadurch ihre eigene Arbeit reflektieren, dann mag der eine oder andere auch auf den Gedanken kommen, dass der Blick über den eigenen Horizont hinaus durchaus Sinn macht und einen erheblichen Mehrwert bietet.

Einen weiteren Ansatz sehe ich in den überall bestehenden Städte-, Kreis- und Gemeindepartnerschaften. Diese Partnerschaften könnten als Vehikel genutzt werden, um den europäischen Gedanken der Jugendstrategie in die interkommunale Kooperation zu transportieren. Das hat den schönen Nebeneffekt, dass die Partnerschaften auch mit neuem Leben und neuem Inhalt ausgestaltet werden könnten.

Ansonsten setze ich große Hoffnungen auf die InterCITY-Konferenz, die im Oktober 2012 in Leipzig stattfindet. Die hohe Zahl an Anmeldungen ermutigt mich jedenfalls.

Sie sind ein Überzeugungstäter für Europa?

(lacht) Ich denke, alle Kollegen, die in europäischen Zusammenhängen unterwegs sind, kennen die Erfahrung, dass man es mitunter sehr schwer hat, mit europäischen Themen im Alltag durchzudringen. Da heißt es dann schnell: "Lass mal! Ich hab ganz andere Sorgen." Oft werden europäische Initiativen dann vorschnell als neue Sau wahrgenommen, die durchs Dorf getrieben werden. Meine Wahrnehmung ist, dass uns das alles überspannende Leitziel abhanden gekommen ist – warum es sich lohnt, sich engagiert für Europa einzusetzen und warum die grenzüberschreitende Kooperation für das Zusammenleben der Völker auch, aber eben nicht nur in Europa so wichtig ist.

Wir leben in Europa seit Jahrzehnten in einer Phase des Friedens und der Kooperation. Viele Generationen sind in diese Zeit hineingeboren, sind in ihr groß geworden. Sie kennen nichts anderes und nehmen den Frieden in Europa als etwas Selbstverständliches wahr. Die Geschichte Europas lehrt jedoch, dass dies für viele Generationen keineswegs so war.

Welche Schritte plant Brandenburg jetzt als Nächstes?

In Berlin und Brandenburg wollen wir die EU-Jugendstrategie mit einer gemeinsamen Arbeitsgruppe umsetzen. Neben uns als Ministerium sind die Berliner Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Wissenschaft, das Landesjugendamt Brandenburg, die Landesjugendringe Berlin und Brandenburg sowie das Sozialpädagogische Fortbildungsinstitut Berlin-Brandenburg beteiligt. Derzeit denken wir über ein spezielles Informationsangebot für die Fachkräfte der Jugendarbeit und Jugendsozialarbeit nach.

Außerdem überlegen wir, wie wir die Städte-, Kreis- und Gemeindepartnerschaften für die Umsetzung der Jugendstrategie nutzbar machen können.

Bei allem aber, und so ehrlich muss man auch sein, ist zu beachten, dass die Kollegen in allen Bundesländern auch zahlreiche weitere Aufgabenbereiche bearbeiten müssen. Die Umsetzung der EU-Jugendstrategie ist da nur ein Thema unter vielen.

Wie wird die Bund-Länder-Zusammenarbeit aus Brandenburger Sicht bewertet?

Die Zusammenarbeit in der Bund-Länder-AG ist geprägt durch eine ausgesprochen konstruktive und partnerschaftliche Zusammenarbeit. Das empfinde ich als eine ganz wichtige Qualität.

Welche Rolle spielt der Strukturierte Dialog im eigenen Bundesland?

In Brandenburg gibt es vielfältige Anstrengungen zur Förderung der Jugendbeteiligung und Partizipation. So verfügt das Land über eine Landesstelle Jugendbeteiligung und seit diesem Jahr gibt es auch ein Landesprogramm Jugendbeteiligung. Die Methode des Strukturierten Dialogs aber spielt in Brandenburg bislang noch keine große Rolle. Allerdings gibt es inzwischen Kontakte zwischen dem Landesjugendring Brandenburg, dem Landesjugendring Berlin und LiJOT, dem Nationalen Jugendrat der Republik Litauen.

(Das Interview führte Marco Heuer im Auftrag von JUGEND für Europa)

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