EU-Jugendkonferenz in Zypern: „Wir haben miteinander und nicht übereinander gesprochen“

„Jugendbeteiligung und soziale Inklusion von Jugendlichen mit Migrationshintergrund“ – so lautete das Thema der EU-Jugendkonferenz, die vom 11. bis 13. September im zyprischen Nikosia stattfand.

Drei Tage lang diskutierten Jugend- und Ministeriumsvertreter aus allen 27 EU-Mitgliedsländern in sieben Workshops miteinander. Das Ergebnis sind 14 Empfehlungen, die Ende November dem EU-Jugendministerrat vorgelegt werden. In Deutschland werden sich unter anderem die Mitglieder der Bund-Länder-Arbeitsgruppe zur Umsetzung der EU-Jugendstrategie mit den Ergebnissen beschäftigen und den Teilnehmenden ein Feedback geben.

In der deutschen Jugenddelegation waren Florian Nowack (23) von der Arbeitsgemeinschaft der evangelischen Jugend in Deutschland (aej), Daniel Adler (23) von der Landesvereinigung kulturelle Kinder- und Jugendbildung Sachsen-Anhalt und Ksenia Reyn (Landesjugendring Mecklenburg-Vorpommern). Für das BMFSFJ hat Axel Stammberger (Ständige Vertretung der Bundesrepublik Deutschland in Brüssel) an der Konferenz teilgenommen.

Florian, Dein Vater stammt aus dem Kosovo, Du selbst hast einen Migrationshintergrund. Welchen Stellenwert hatte es für Dich, an dieser Konferenz teilzunehmen?

FLORIAN: Ich engagiere mich seit vielen Jahren in Jugendorganisationen und kenne natürlich die Probleme dieser jungen Menschen. Insofern konnte ich meine Erfahrungen auch gut in die Diskussion einbringen. Das hat mich stolz gemacht. Und ich vertrete die Meinung: Eine europäische Identität kann sich nur bilden, wenn junge Menschen von Europa überzeugt sind, sie gerne reisen, verschiedene Sprachen sprechen, sich gerne begegnen und möglichst viele Gemeinsamkeiten feststellen. Für all das hat die Jugendkonferenz eine gute Gelegenheit geboten.

Was war Euch denn besonders wichtig?

FLORIAN: Dass versucht wird, MIT jungen Menschen zu sprechen und nicht ÜBER sie. Das hat auch meistens geklappt. Viele Generaldirektoren haben sich bemüht, mit uns Jugendlichen auf Augenhöhe zu diskutieren und unsere Meinungen und Positionen durchaus ernst genommen. Vor allem hat mich gefreut, dass einige Teilnehmende selbst einen Migrationshintergrund haben und die Debatten mit ihrem eigenen Erfahrungshorizont bereichern konnten.

DANIEL: Leider lässt sich der Fokus auf Jugendliche mit Migrationshintergrund nur nicht in allen Empfehlungen wiederfinden. Das ist schade. Der Grund ist offensichtlich. Die Ergebnisse dieser Konferenz müssen auch zum aktuellen Thema der Trio-Präsidentschaft und somit zum zweiten Zyklus des Strukturierten Dialogs passen. Das sehe ich kritisch. Auch diese Konferenz hat nämlich gezeigt, dass die Verwendung von so genannten Unterthemen durch die jeweilige EU-Ratspräsidentschaft nicht gerade dazu beiträgt, dass an dem Hauptthema leichter weitergearbeitet werden kann.

Welche Empfehlungen würdet Ihr besonders herausheben?

DANIEL: Ich habe ja im Workshop „Supporting Mechanisms and Tools“ mitgewirkt. Wir haben uns mit der Verbesserung von Politiken, Programmen und Praktiken beschäftigt und Beispiele aus den Mitgliedsstaaten ausgetauscht. Den größten Zuspruch hat unsere Empfehlung erhalten, in der wir intensive ressortübergreifende Kooperationen von Jugendorganisationen und NGOs fordern, die mit Jugendlichen mit Migrationshintergrund arbeiten. Die sollen nämlich Programme entwickeln, die den besonderen Bedürfnissen dieser Zielgruppe gerecht werden.

FLORIAN: Bei mir war es der Workshop „Equal Opportunities – from combating discrimination to equal access to labour market and social welfare“. Da gab es eine hitzige Debatte darüber, ob die Empfehlungen eher pragmatischer oder visionärer Natur sein sollten. Besonders die Generaldirektoren waren der Meinung, dass nur pragmatisch formulierte Empfehlungen eine Chance hätten, ernst genommen und implementiert zu werden. Am Ende hatten wir uns für zwei Empfehlungen entschieden. Zum Einen soll sich die EU besser vernetzen, um die Jugendarbeitslosigkeit zu bekämpfen. Dazu fordern wir einen best-practice-Austausch der Mitgliedsstaaten – sowohl, was den Zugang zum Arbeitsmarkt betrifft als auch die Diskussion um faire Arbeitsbedingungen. Zum Anderen wollen wir einen Zugang zur Gesundheitsfürsorge für alle jungen Menschen, das heißt auch für illegale Einwanderer und auch in nicht-dringenden Fällen. Das ist eine radikale Forderung, aber wir halten sie für notwendig.

Und wie sieht es mit den Empfehlungen aus den anderen Arbeitsgruppen aus?

DANIEL: Mir sind noch die Forderungen des Workshops „Youth Organisations“ wichtig. Da geht es um die langfristige finanzielle, administrative und logistische Unterstützung für Jugendorganisationen. Auch ihre Aufgaben als Anbieter von non-formaler Bildung sollen gestärkt werden. Übrigens: Mittlerweile ist die Anzahl der Empfehlungen so übersichtlich, dass sich ein Blick in die 14 Punkte für jede Person lohnt. Ich habe seit März 2011 jede EU-Jugendkonferenz besucht und dabei stets eine Weiterentwicklung festgestellt. Jetzt sollte natürlich aber auch mal ein offizielles Feedback der EU-Kommission kommen.

FLORIAN: Für mich haben noch die folgenden drei Forderungen eine besondere Relevanz:

  1. Die Einführung von „citizenship“ und interkulturellem Dialog als Teil des Kurrikulums in Schulen;
  2. die Weiterbildung von Lehrern, um soziale Inklusion und die aktive Teilhabe von Jugendlichen zu verbessern;
  3. die Bereitstellung von kostenlosen Sprachkursen für Migranten in der Sprache des Einwanderungslandes.

Ich würde mir wünschen, dass die Empfehlungen auf ihre Implementierbarkeit hin überprüft und dann ehrgeizig angegangen werden. Der Turnus der Trio-Präsidentschaft neigt sich ja bald dem Ende. Soziale Inklusion wird aber auch das zentrale Thema der kommenden Trio-Ratspräsidentschaft sein, so dass wir weiter an diesem politisch wichtigen Thema arbeiten können.

Wie schätzt Ihr die aktuelle Debatte um ein neues Jugend-Programm ein?

DANIEL: Ich finde, dass es mittlerweile ein bisschen ruhig geworden ist. Alle warten jetzt erst mal die offizielle Reaktion des Europäischen Parlaments ab. Aber danach wird es richtig interessant. Dann müssen Kommission, Rat und Parlament ja zu einer gemeinsamen Lösung kommen.

FLORIAN: Natürlich war das auch auf dieser Konferenz ein Thema. Wir Jugendvertreter haben die Gelegenheit genutzt, um noch einmal für ein eigenständiges und starkes Jugendprogramm zu werben. Die deutsche Delegation hat mit „Europe YES! Youth, Education and Sport“ auch einen neuen Namen ins Spiel gebracht. Was mich freut: Der Präsident des Europäischen Jugendforums, Peter Matjasic, hat den Vorschlag in seinem Report zu den Entwicklungen bei „Erasmus für Alle“ aufgenommen. Es bleibt spannend.

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Die 14 Empfehlungen der zyprischen EU-Jugendkonferenz können hier nachgelesen werden.

(Das Interview führte Marco Heuer im Auftrag von JUGEND für Europa)

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