"Es ist nötig, JUGEND IN AKTION auch zukünftig als wichtigen Baustein in Erasmus+ sichtbar zu machen“

Wie soll es weitergehen mit Erasmus+ JUGEND IN AKTION? JUGEND für Europa fragte Katja Dörner, stellv. Vorsitzende Bundestagsfraktion Bündnis 90/Die Grünen.

JfE: Frau Dörner, wie bewerten Sie die Umsetzung von Erasmus+ Jugend in Aktion? Wie sollte sich das Programm entwickeln?

Dörner: Die Integration von JUGEND IN AKTION in das Erasmus+-Projekt ist ein Erfolg. Denn das Programm erreicht viele Jugendliche, insbesondere auch so genannte benachteiligte Jugendliche. In Zeiten, in der Europaskepsis immer weiter um sich greift, müssen wir den freien Austausch innerhalb Europas stärken. Rechtspopulistischen, europafeindlichen und nationalistischen Strömungen, die europäische Werte und unser gemeinsames Europa zunehmend infrage stellen, begegnen wir am besten mit der Förderung nicht formalen Lernens, sozialer Inklusion, Partizipation und demokratischer Teilhabe, der Auseinandersetzung mit Intoleranz, Rassismus und Radikalisierung. Daher ist es wichtig, JUGEND IN AKTION auch zukünftig als wichtigen Baustein in Erasmus+ sichtbar zu machen. Denn es lässt die Idee der Europäischen Union bei jungen Menschen Realität werden. Diese Idee können die Teilnehmer*innen weitertragen und daraus ein Wiederaufleben der europäischen Gemeinschaft und Idee bewirken.

JfE: Wie bewerten Sie das neu geplante Europäische Solidaritätskorps?

Dörner: Jungen Europäer*innen die Möglichkeit zu geben, aktiv in Notlagen zu helfen und dabei europäische Gemeinschaft hautnah erleben zu können, ist grundsätzlich eine gute Idee – das kann inspirierend sein und stärkt den solidarischen Gedanken. Leider ist das von der EU-Kommission gestaltete Programm nur halbherzig. Der Europäische Freiwilligendienst wird in die neue Struktur des ESK integriert und soll dabei in seinem Anwendungsbereich erweitert werden und über jugendbezogene Projekte hinausgehen. Die EU-Kommission hat dafür weniger neue Mittel zur Verfügung gestellt als durch Umschichtung aufgebracht werden. Es ist nun Aufgabe der Regierungen der EU-Mitgliedstaaten, den Weg für neues Geld frei zu machen. Gleichzeitig muss der bestehende Europäische Freiwilligendienst in das neue Programm gut integriert werden. Ein Fokus sollte auf Jugendlichen in Berufsausbildung liegen. Das Europäische Solidaritätskorps sollte Anreize auch für diejenigen schaffen, die typischerweise nicht an europäischen Austauschprogrammen teilnehmen, die aber durch einen Austausch mit anderen Kulturen und ein Sprachtraining ihre Berufskenntnisse erweitern könnten. Ich finde es gut, dass künftig Gruppen von Freiwilligen selbstständig Programme auf die Beine stellen können. Das fördert Kreativität, Engagement und Motivation vieler Jugendlicher in Europa.

JfE: Wie kann die Europäische Bürgerschaft junger Menschen am besten gefördert werden?

Dörner: Der europäische Bildungs-, Forschungs- und Innovationsraum ist kein ferner Traum. Viele Menschen haben den freien Austausch in Europa als Freiwillige, als Azubis, als Studierende, als Lehrende und Forschende erlebt, ob im Hörsaal, am Schreibtisch oder am Küchentisch ihrer internationalen Wohngemeinschaft. Genau durch diese Begegnungen werden demokratische Ideale zu ganz persönlichen Erfahrungen und bilden so das Fundament für eine europäische Bürgerschaft. Erasmus+ war und ist hier ein wichtiger Baustein.

Wichtig ist auch die aktive Einbeziehung von Jugendlichen in europäische Prozesse. Mit dem Strukturierten Dialog werden Jugendliche „von unten nach oben" in die Gestaltung europäischer Politik einbezogen.

Charmant finde ich auch die Idee des Europaparlaments, allen EU-Bürger*innen zum 18. Geburtstag ein Interrail-Ticket zu schenken. Wie lässt sich die Vielfalt Europas besser erleben, als durch Reisen? Leider hat die Kommission sich nur zu einer abgespeckten Version durchringen können. Ich finde, da sollte man dran bleiben. Denn Interrail hat das Potenzial, Mauern einzureißen, Vorurteile abzubauen und vor allem fremde Menschen zu Freunden werden zu lassen.

JfE: Was werden Sie politisch tun, um mehr benachteiligten Jugendlichen eine Teilnahme an internationalen Maßnahmen zu ermöglichen?

Dörner: Klar ist, das „Erlebnis Europa“ darf kein Eliten-Projekt sein, für Menschen, die es sich leisten können. Eine stärkere Beteiligung von Kinder und Jugendlichen, deren Eltern nur einen kleinen Geldbeutel haben, ist dringend geboten. Daher ist es gut, dass das Budget für Erasmus+ in den nächsten Jahren vereinbarungsgemäß steigen wird. Dies ermöglicht insgesamt mehr Jugendlichen einen europäischen Austausch. Jetzt liegt es an der nationalen Ebene, dieses steigende Budget zu nutzen, um auch so genannten „benachteiligten“ Kinder und Jugendlichen das Erlebnis Europa zu ermöglichen. Das wird immer wichtiger in einer EU, deren Lebensverhältnisse sich weiter auseinanderentwickeln. Es wäre daher von Vorteil, wenn es auch Austauschprogramme gäbe, die sich nicht nur auf Gymnasialschüler*innen der Sekundarstufe 2 beziehen, sondern Real-, Haupt-, oder Gesamtschüler*innen in der Sekundarstufe 1 Auslandsaufenthalte ermöglichen. Analog dazu müsste es auch ein Auslands-Bafög für diese Zielgruppe geben, um auch Jugendlichen aus ärmeren Familien die Teilnahme zu ermöglichen.

Erasmus+ JUGEND IN AKTION leistet hier bereits einen wichtigen Beitrag, indem sie die Akteure in der deutschen Kinder- und Jugendhilfe bei der Umsetzung einer stärker europabezogenen Ausrichtung ihrer Arbeit unterstützen. Auch die Bund-Länder Arbeitsgruppe zur Umsetzung der EU-Jugendstrategie legt einen deutlichen Fokus auf die Jugendsozialhilfe. Und wir dürfen nicht vergessen: Jugendaustausch funktioniert in beide Richtungen. Auch als Gastgeber*in kann man Europa erleben. Eine Würdigung des ehrenamtlichen Engagements von Gastfamilien in Deutschland, sowohl finanziell als auch nicht-materiell, kann zu einer Erhöhung der Anzahl von Jugendlichen und damit zu mehr Europa am eigenen Küchentisch führen.

Das Interview führte Lisa Brüßler im Auftrag von JUGEND für Europa
Foto: http://katja-doerner.de/kontakt/presse-service/

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