"Es ist ein Fehler, die Jugendarbeit zu entpolitisieren" – Botschaften vom 13. Forum zu Perspektiven Europäischer Jugendpolitik

Die transnationale Jugendarbeit muss deutlich politischer werden – dies ist wohl das wichtigste Fazit des 13. Forums zu Perspektiven der Europäischen Jugendpolitik am 28. Januar in Berlin. Die Unterstützung der kommunalen Ebene bei einer europäischen Öffnung der Kinder- und Jugendhilfe war neben der Auseinandersetzung über die Integration junger Geflüchteter Schwerpunkt der Workshops im Forum.

Dr Herbert Wiedermann, Abteilungsleiter beim Landesjugendamt der Hansestadt Hamburg, machte in seinem Eröffnungsreferat beim 13. Forum deutlich, worum es gehen sollte.

Ohne eine Aufnahme des Themas Integration (junger) Flüchtlinge, so Wiedermann, mach es keinen großen Sinn mehr, die EU-Jugendstrategie in der bisherigen Form fortzuführen.

„Mehr Europa in die Kommunen bringen“ sei deshalb bei weitem kein Selbstzweck, sondern vielmehr die Antwort auf vielfältige Zwänge. Diese brächten eine Europäisierung, ja Globalisierung, auch von kleineren Kommunen mit sich: die Bevölkerungsstruktur verändert sich, wir brauchen ein interkulturelles Verständnis und dementsprechend Aus- und Fortbildungsangebote, Unternehmen arbeiten international, global. Die Kommunen müssen sich dem öffnen und genauso die Kinder- und Jugendhilfe.

Wiedermann unterstrich, dass Einigkeit bestehe über die Vorteile transnationaler Mobilität für die Persönlichkeitsentwicklung junger Menschen, die soziale Integration marginalisierter Gruppen, die Vermittlung europäischer Werte und darüber hinaus für die gelungene Integration junger Menschen in den Arbeitsmarkt, und das nicht erst seit der Veröffentlichung des 3. EU-Jugendberichts. Doch hätten noch längst nicht alle Jugendlichen Zugang zu den Angeboten. Den Bekenntnissen politischer Entscheidungsträger müssten ernst gemeinte politische Handlungen folgen, um diese Vorteile allen jungen Menschen zuteil werden zu lassen, den europäischen Gedanken mit Leben zu füllen und nicht zuletzt, um der Globalisierung zu begegnen.

Partizipation Jugendlicher schwer gemacht

„Wie kann man Jugendliche ohne Aufenthaltsstatus, sogenannte Geduldete, in außerschulische, internationale Jugendbegegnungen einbinden?“ fragte Mohammed Jouni von der Initiative „Jugendliche ohne Grenzen“ beim Eröffnungspodium des 13. Forums aus dem Publikum und macht emit dieser Frage die Brisanz des Ziels „Mehr Europa in die Kinder- und Jugendhilfe“ deutlich. Jugendlichen, die in Deutschland keinen Aufenthaltsstatus besitzen, wird eine Reise in ein anderes Bundesland oder gar in ein anderes europäisches Land extrem erschwert, meistens gar verwehrt. Es hängt von der Einzelfallentscheidung der örtlichen Ausländerbehörde ab, ob diese Menschen temporär ausreisen dürfen oder nicht.

„Und wenn sie im Rahmen einer internationalen Jugendbegegnung in ein anderes Land reisen dürfen, heißt das noch lange nicht, dass sie nach der Begegnung auch wieder nach Deutschland zurück können“, fügte Jouni später hinzu. Die Vergabe von Mitteln aus Erasmus+ JUGEND IN AKTION an kommunale Einrichtungen und Träger sollte mit der Auflage verbunden sein, dass für jugendliche Geduldete die Residenzpflicht für die Zeit der Jugendbegegnung aufgehoben wird, so eine der Forderungen der Teilnehmenden des Workshops „Integration von jungen Flüchtlingen europäisch gedacht“, um auch diesen Jugendlichen die Teilnahme an internationalen Maßnahmen im Ausland zu gewährleisten. Da die EU-Kommission diese Mittel vergäbe, müsse sie solch eine Forderung aussprechen können, so die Überlegung der Teilnehmenden. Die obersten Landesjugendbehörden bei den Innenministerien sollten darüber hinauslfür den gesellschaftlichen Mehrwert und das öffentliche Interesse von internationalen Begegnungen in der außerschulischen Jugendbildung werben, so wie es im Schüleraustausch schon passiert.

Ein anderes Problem sah Iris Wibbeler, Fachberaterin für Kinder- und Jugendförderung beim Kreisjugendamt Steinfurt, in der Einbindung Jugendlicher bei der Planung von Erasmus+ JUGEND IN AKTION - geförderten Jugendbegegnungen und damit der Umsetzung der Forderung nach mehr Jugendpartizipation. „Die schlechte Beteiligung Jugendlicher ist ein Fehler im System der Erasmus+ Antragstellung“, so Wibbeler. Die langen Vorlaufzeiten, der hohe Zeitaufwand bei der Beantragung der Mittel und schließlich die Unsicherheit über eine Förderzusage würden sich negativ auf die Motivation Jugendlicher auswirken, bei der Planung internationaler Maßnahmen mitzuwirken. Hier wäre eine Vereinfachung der Antragstellung und eine Flexibilisierung der Bewilligungsfristen und der Fristen zur Durchführung der Maßnahmen wünschenswert, um nicht nur die teilweise Einbindung Jugendlicher zu gewährleisten, sondern auch, um z.B. Jugendinitiativen ohne feste Struktur zu ermutigen, selbst mehr Anträge zu stellen und Maßnahmen eigenverantwortlich durchzuführen.

Teilnehmer des Workshops „Hilfen zur Erziehung“ forderten eine Änderung der Förderformate internationale Begegnungen, um die Beteiligung aus diesem Handlungsfeld zu stärken. Auch hier müsse ein Schwerpunkt auf die Wirksamkeit und der Nutzen der Auslandserfahrungen für Kinder und junge Menschen gelegt werden, so die Teilnehmenden.

Das Alltagsgeschäft geht vor“

Angesichts drängender, aktueller Probleme vor allem bei der Unterbringung und Versorgung von jungen Geflüchteten stecken allerdings viele Kommunen und Träger der Jugendhilfe bei der politischen und internationalen Arbeit momentan sowieso zurück. „Das Alltagsgeschäft geht vor“, meinte Jürgen Reuther, Abteilungsleiter für Kinder- und Jugendarbeit beim Jugendamt der Stadt Nürnberg und beschrieb damit ein Problem, welches viele der Einrichtungen und Akteure teilen. Das hat ganz praktische und strukturelle Gründe: Wenn es nur einen Mitarbeiter in einem Jugendtreff gibt, kann dieser schwer das Angebot für die Dauer der internationalen Begegnung einstellen, um mit einer kleinen Gruppe ins Ausland zu fahren, ganz zu schweigen von der Vor- und Nachbereitungszeit, die eine solche Begegnung kostet.

Mike Corsa, stellvertretender Vorsitzender der AGJ, sah vor allem im internationalen Fachkräfteaustausch einen entscheidenden Faktor: „Die EU und Europa müssen als wichtiger Reflexionsrahmen verstanden werden. Speziell beim Fachkräfteaustausch kann man schauen: Wie machen das die anderen Länder und Kommunen? Konkrete Kontakte, konkrete Projekte ermöglichen ein gelebtes Europa und das ist für Träger und Kommunen keine Belastung – im Gegenteil: Das Voneinanderlernen trägt zur Entlastung bei.“

Stellenausbau ja, aber nicht ohne Politikgestaltung

Natürlich wäre auch ein Stellenausbau im Bereich der (internationalen) Kinder- und Jugendarbeit wünschenswert. Doch ist es allein mit mehr Stellen nicht getan, so die Meinung von Jens Oppermann, Abteilungsleiter beim Amt für Jugend, Familie und Frauen in Bremerhaven. „Neue Stellen schaffen ist gut, darüber hinaus müssen wir aber auch Politik aktiv gestalten“, so Oppermann.

„Es ist ein Fehler, die Jugendarbeit zu entpolitisieren“, stimmte Mohammed Jouni von „Jugendliche ohne Grenzen“zu. Ob es um Möglichkeiten zur Partizipation Jugendlicher geht, den Aufenthaltsstatus junger Geflüchteter, oder den Tagessatz für Austauschmaßnahmen – es handele sich dabei um politische Entscheidungen, die man nicht hinnehmen müsse, die man gestalten könne. Und genau dies sollte auch Aufgabe der (internationalen) Jugendarbeit mit ihrem internationalen Weitblick, mit ihrem Voneinanderlernen sein. Seine Zusammenfassung: „Zwar sind politische Prozesse zäh und dauern lange, besonders auf europäischer Ebene, doch wenn wir nicht damit beginnen, diese Prozesse zu gestalten, werden wir auch keine Veränderungen erzielen“.

Hans-Georg Wicke, Leiter von JUGEND für Europa, formulierte es so: Wir müssen die EU, Europa, wieder mehr als ein politisches Projekt verstehen. Genau deshalb muss das Thema Europa auf die politische Agenda der internationalen Jugendarbeit. Im Moment gibt es auf der Ebene der politischen Verantwortlichen wenige, die die Idee Europa leben, die Stärken ausbauen, die Schwächen beheben. Vielmehr ist eine Tendenz zur Renationalisierung auch bei vielen politischen Vertretern zu beobachten. Auf Ebene der Jugendlichen wiederum gibt es viele Menschen und Initiativen, die sehr wohl Europa mitgestalten wollen. Dazwischen fehlt augenblicklich eine Zivilgesellschaft, die die Verbindung zwischen beiden herstellt. Wir brauchen also neben den politischen Protagonisten auch eine aktive Zivilgesellschaft, die politischen Druck ausübt. Wir brauchen dazu auch eine öffentliche Debatte über die europäische Jugendpolitik in Deutschland und Europa, wer auch immer diese organisiert.

(Babette Pohle für JUGEND für Europa)

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