Interview vom 09.03.2010Strukturierter Dialog mit der Jugend

Entscheidend ist die Umsetzung, „damit Jugendpartizipation keine Alibiveranstaltung wird.“

Über das neue Europapolitische Konzept der Hansestadt sprach JUGEND für Europa mit Christa-Berta Kimmich und Remo Küchler von e.p.a. (european playwork association). e.p.a. trägt das Europa JUGEND Büro, das in Hamburg Informationen und Beratung zu allem bietet, was mit internationaler Mobilität zu tun hat. e.p.a. selbst betreut seit über 20 Jahren internationale Jugendbegegnungen und Weiterbildungsseminare.

via JUGEND für Europa

JfE: Frau Kimmich, wie kam es zu dem „Europapolitischen Jugendkonzept in Hamburg“?

Christa-Berta Kimmich: Bis vor wenigen Jahren gab es in Hamburg überhaupt kein Konzept zum Thema Europa und Jugend. Im Europaausschuss wurde nie über Jugend gesprochen und im Jugendausschuss nicht über Europa. Zum ersten Mal gab es dann vor fünf Jahren, durch den Einfluss des Europa JUGEND Büros und der Träger der internationalen Jugendarbeit, eine interfraktionelle Initiative: „Internationale Jugendarbeit stärken“, getragen von allen drei im Hamburger Rathaus vertretenen Parteien.

JfE: Hatte diese Initiative praktische Folgen?

Christa-Berta Kimmich: Eine wichtige und sehr wirksame Folge ist das so genannte Empfehlungsschreiben - wir haben es „Blue card“ genannt -, mit dem die Senatskanzlei bei den deutschen Botschaften Visagesuche unterstützt. Das Schreiben hat mehr Gewicht, als wenn es vom Jugendamt kommt. Damit haben Landesjugendamt und Senatskanzlei eine Forderung der Träger umgesetzt.

JfE: Ist auch das aktuelle Konzept eine Folge dieser Initiative?

Christa-Berta Kimmich: Das Konzept ist eine Auftragsarbeit, weil vor zwei Jahren in den Koalitionsvertrag zwischen der CDU und Bündnis 90 / Die GRÜNEN im Hamburger Senat unter dem Stichwort „Europa“ ein lapidarer Satz geschrieben wurde: „Es soll ein Konzept entwickelt werden mit dem Ziel, die Jugendpartizipation zu stärken und Jugendliche an das Thema Europa heranzuführen.“ Zwar waren diejenigen Träger, die damals versucht haben, Einfluss auf die Parteien zu nehmen, schon etwas traurig, dass zum Thema Europa und Internationales so wenig übrig geblieben ist. Es hat auch etwas gedauert; aber jetzt gibt es das Konzept.

JfE: Waren Sie an der Entwicklung des Konzepts beteiligt?

Remo Küchler: Ich war mit meiner Kollegin Jonna Tikkanen für das Europa JUGEND Büro bei den Vorbereitungstreffen. Es gab im Vorfeld insgesamt 3-4 Treffen in der Senatskanzlei, hauptsächlich von Behördenvertretern, Vertretern der Senatskanzlei, Träger und einzelne Jugendliche, zum Beispiel von den Jungen Europäischen Föderalisten. Wir haben gemeinsam und in Gruppen die Vorlage für das Konzept diskutiert und die Kollegen von der Senatskanzlei haben dann versucht, unsere Anmerkungen und Ideen in eine neue Fassung einzuarbeiten. Zusätzlich gab es einen Workshop mit Jugendlichen. Damit wollte man vor allem diejenigen einbeziehen, die nicht organisiert sind. Auch sie haben sich dann mit dem Thema Jugendpartizipation und den Bezug zu Europa bzw. mit dem vorgelegten Konzept beschäftigt. Einige Aspekte, die sie aus ihrer Lebenswelt einbrachten, sind auch aufgenommen worden.

JfE: Welchen Stellenwert hat dieses Konzept?

Christa-Berta Kimmich: Das hängt von mehreren Faktoren ab. Es hat schon deswegen eine größere Relevanz, weil es von vielen Fachbehörden mitentwickelt worden ist. So wissen diese auch, dass es Interesse gibt, die versprochene Partizipation immer wieder einzufordern. Wie groß die Bereitschaft bei der Stadt dafür ist, müssen wir testen. Was auf Bezirks- und Landesebene tatsächlich umgesetzt wird, wird aber auch davon abhängen, wie weit Hamburger Jugendverbände, Organisationen, auch das Europa JUGEND Büro, die Stadt immer wieder daran erinnern. Partizipation kann nicht von oben verordnet werden, sondern muss dann auch wahrgenommen werden.

JfE: Welche praktischen Folgen erwarten Sie?

Christa-Berta Kimmich: Da sind wir sehr gespannt! Denn gleichzeitig zur Verabschiedung dieses Konzept haben wir erfahren, dass bei uns im nächsten Jahr 15.000€ gestrichen werden sollen. Es gibt zwar viele Forderungen in diesem Politikbereich, die nicht unbedingt mit Geld zu bezahlen sind, die eben auch vom guten Willen abhängen, Macht zu teilen, aber es ist schon bedenklich, wenn genau an dieser Stelle gekürzt wird. Sie können sich also vorstellen, dass wir etwas skeptisch sind.

Remo Küchler: Man kann in dem Konzept deutlich die Handschrift der Behörden erkennen. Letztendlich geht es ja auch um Geld, darum, wie es von den Behörden eingesetzt wird und um die Frage, worauf die Behörden ohne Mehrausgaben zurückgreifen können. Es ist daher auch auffällig, dass das Konzept sehr schullastig ist. Zum Beispiel sollen an den Hamburger Schulen Lehrkräfte in einer Funktion als sogenannte EU-Verantwortliche eingesetzt werden. Ansonsten sind ein paar gute Ideen dabei. Aber es ist eben immer entscheidend, wie es in die Tat umgesetzt wird, damit Jugendpartizipation keine Alibiveranstaltung wird. So haben wir schon im Vorwege kritisiert, dass Jugendliche, die noch keinen Zugang zu solchen Themen haben, kaum Chancen haben mit einzusteigen. Und statt der geplanten Jugendkonferenz im Mai 2010 würde ich mir wünschen, dass auf Stadtteilebene mehr Mitspracherechte für Jugendliche eingeräumt werden. Es gibt tolle Beispiele anderswo. Ich wünsche mir, dass nur eines dieser Beispiele mal auf Hamburg übertragen wird.

Christa-Berta Kimmich: Wir würden es in diesem Zusammenhang auch für sinnvoll halten, eine Bestandsaufnahme der internationalen Jugendarbeit zu machen und zu würdigen, was schon passiert. Hamburg gibt sich gern ein Weltstadt-Flair. Aber wenn Initiativen sich ein Bein ausreißen, um tolle internationale Begegnungen auf die Beine zu stellen, die mit Jugendlichen zusammen initiiert worden sind, dann wird das kaum zur Kenntnis genommen. Und außerdem sollte ein europapolitisches Konzept nicht ausschließlich ein „EU-Konzept“ sein, wir sollten auch über den Tellerrand gucken. Europa ist so viel größer als die EU.