"Ein Freifahrtschein durch Europa löst nicht auf einen Schlag alle Probleme" – (jugend)politische Stimmen zu #FreeInterrail

Ein kostenloses Interrail-Ticket für alle Europäer bei Vollendung ihres 18. Lebensjahres soll dazu beitragen, Jugendliche wieder mit der Vision eines geeinten Europas zu versöhnen. Allein – genügt das, um ein solch hehres Ziel zu erreichen? Und Ist das gerecht? JUGEND für Europa sprach mit Vertreterinnen und Vertretern politischer Jugendverbände über Vor- und Nachteile einer solchen Maßnahme.

Hinlänglich und in unterschiedlichen Zusammenhängen ist nachgewiesen worden, dass der grenzüberschreitende Austausch junger Menschen jenen einen Zuwachs an Fremdsprachen- und kulturellen Kompetenzen sowie eine Stärkung ihrer Persönlichkeit bringt, die daran teilnehmen. Er kann zum Abbau von Vorurteilen gegenüber anderen Ländern und Kulturen und zur Eindämmung von Rassismus beitragen – in Zeiten der Rufe nach Renationalisierung, Grenzschließung und Ausweisung Fremder ist dieser grenzüberschreitende Austausch unbestritten eine von mehreren wichtigen Maßnahmen, die an Stellenwert noch gewinnen sollte.

Genau diesem Gedanken entspringt die Initiative der Europäischen Kommission, ein Interrail-Ticket auf den Weg zu bringen, welches allen Europäerinnen und Europäern mit Vollendung ihres 18. Lebensjahres zur Verfügung gestellt wird – und zwar kostenlos. Vorgestellt wurde die Idee von Manfred Weber (CSU), dem Fraktionschef der Europäischen Volkspartei, am 14. September vor dem EU-Parlament.

Lernmobilität versus Tourismus – die Strukturiertheit und das Begleitprogramm machen den Unterschied

Julius Zukowski-Krebs, Bundessprecher der Linksjugend [’solid] sieht das so: „Das Interrail ist eine großartige Gelegenheit für junge Menschen, unserer Generation, Europa auf eigene Faust zu erkunden, die Menschen und die verschiedenen Kulturen kennen zu lernen und nicht zuletzt Freundschaften zu schließen“, jedoch erinnere das von-Stadt-zu-Stadt-Fahren schon eher an Tourismus. Wichtig sind daher ein pädagogisches Begleitprogramm, Begegnungsstätten und Netzwerke junger Europäerinnen und Europäer, die sich bei der Erkundung des Kontinents gegenseitig unterstützen.

„Die pauschale Vergabe kostenloser Tickets ohne jedwede pädagogisch-strukturierte Begleitung halten wir zwar für eine spannende Idee, aber in unserer politischen Prioritätensetzung würden wir uns zuerst dem Ausbau strukturierter Programme widmen“, meint auch Florian Philipp Ott, Sprecher der Jungen Liberalen (JuLis). Er hat nicht zuletzt das EU-Programm Erasmus+ im Sinn, von dem die JuLis „große Anhänger“ seien. „Junge Menschen reisen also nicht einfach kreuz und quer durch Europa, sondern haben durch ihren meist längeren Aufenthalt in einem anderen Land die Gelegenheit, tatsächlich einen Einblick in die jeweiligen Lebensrealitäten zu bekommen, mit Menschen im Gastland in Kontakt zu kommen und gegenseitigen Austausch zu kultivieren.“ Dies sei nach Meinung der JuLis mit einem kostenlosen Interrail-Ticket zwar prinzipiell möglich, aber deutlich unwahrscheinlicher – Grund dafür seien die kürzere Dauer und die individuelle Ausgestaltung der Reisen.

Käme das kostenlose Interrail-Ticket auf den Weg, wäre zudem die internationale Arbeit von Jugendverbänden per se in Frage gestellt. Sollte mit Hilfe eines kostenlosen Bahntickets möglich sein, was Jugendverbände im internationalen Austausch, mit Hilfe pädagogischer Methoden und durch langwährende Beziehungsarbeit zu Jugendlichen, Partnerorganisationen und in Lobbyarbeit leisten – bräuchte man sie dann noch? Aber all das ist aber mit einem kostenlosen Bahnticket nicht möglich und so lautet die Antwort: Wir brauchen die internationale Jugendarbeit mehr denn je und freie Gelder wären hier besser angelegt als in #FreeInterrail.

Moritz Heuberger, Bundessprecher der GRÜNEN JUGEND pflichtet dem bei: „Jugendarbeit, die vielfach ehrenamtlich organisiert wird und chronisch unterfinanziert ist, bietet Jugendbegegnungen und Austausche sowie politische Bildungsarbeit an. Jugendarbeit bringt junge Menschen nicht nur in andere Ländern, sondern bringt sie zusammen.“

Die Finanzierung reicht nicht für alle

Dennoch: Die EU-Kommission, allen voran die Kommissarin für Transport Violeta Bulc „likes this idea“ des kostenlosen Interrail-Tickets, wie es in ihrer Rede vom 4. Oktober heißt. Derzeit werden bereits Umsetzungsmöglichkeiten geprüft.

Roland Mittmann, stellvertretender Vorsitzender der JUNGEN UNION, steht ihr ähnlich positiv gegenüber: „Gerade eine Bahnreise durch die Länder unseres Kontinents macht umso plastischer deutlich, wie sehr wir inzwischen zusammengewachsen sind und wie bedeutend es ist, dass das so bleibt.“ Seiner Meinung nach sei dieses Ticket eine deutlich sinnvollere Investition in die Zukunft der Jugendlichen als manch anderer Posten der EU-Kommission. Das mag schon sein. Eine leise Einschränkung ist aber selbst von ihm zu hören, kam doch die Anregung zur Umsetzung von einem Vertreter der CSU – eine der Mutterparteien der JUNGEN UNION –: Wichtig sei, so Mittmann, dass alle 18-Jährigen gleichermaßen dazu eingeladen würden.

Klar wird aber schon bald: Allen 5,5 Millionen Jugendlichen, die jedes Jahr 18 Jahre alt werden, ein solches Ticket kostenlos zur Verfügung zu stellen, ist finanziell gar nicht möglich. Das weiß auch die EU-Kommission und Violeta Bulc schlägt darum eine Lotterie vor, bei der die Jugendlichen ein Ticket gewinnen können. Gleichzeitig lautet die Prämisse, der Zugang dazu solle so inklusiv wie möglich sein. Doch ist nicht allein eine Lotterie schon mit verschiedenen Zugangshürden verbunden?

Auch das festgelegte Alter von 18 Jahren ist eine dieser Hürden. Wenn man mit 18 Jahren die Schule verlässt und freie Zeit zum Reisen zur Verfügung hat, hat man in aller Regel das Abitur erlangt und gehört damit zu denjenigen Jugendlichen, die ohnehin bessere Chancen auf einen Ausbildungs- oder Studienplatz und später auf einen Job haben. Was passiert mit all jenen, die die Schule bereits mit 16 Jahren abschließen? Bei Erhalt des Interrail-Tickets wären sie womöglich gerade mitten in ihrer Ausbildung. Andere brauchen länger in der Schule – könnten sie später auf das Ticket zurückgreifen?

„Wenn man es ernst meint mit dem Austausch und der Verständigung von jungen Menschen, dann sollte [das kostenlose Interrail-Ticket] nicht nur auf 18 Jahre beschränkt sein. Vielmehr sollte es eine Zeitperiode von 16 bis 21 sein, denn durch den Leistungsdruck an Schule und Uni können es sich nicht alle zeitlich leisten, einfach mal so einen Monat Auszeit zu nehmen“, so die Linksjugend [’solid].

Die Finanzierung von Unterkunft und Verpflegung ist nicht inbegriffen

„Damit aber alle Jugendlichen davon profitieren, braucht es mehr als das Ticket“ so Johanna Uekermann, Bundesvorsitzende der Jungsozialistinnen und Jungsozialisten in der SPD (Jusos). Sonst zögen am Schluss nur die los, die immer schon mit ihren Eltern unterwegs gewesen seien, sich das Reisen zutrauten, Fremdsprachen sprächen und das nötige Kleingeld hätten. „Unterkunft, Essen und Kultur müssen ebenso finanziert werden, da braucht es Hilfe. Außerdem werden viele junge Leute Unterstützung bei der Planung brauchen; es braucht Ansprechpartner auf dem Weg.“

Das sieht auch Moritz Heuberger, Bundessprecher der GRÜNEN JUGEND: „Mit welchem Geld sollen sich Kinder das leisten, wenn ihre Eltern in prekären Jobs arbeiten oder Hartz IV beziehen, wenn sie selbst eine abgeschlossene Ausbildung, aber keinen Arbeitsplatz haben? Am Ende werden die Mittelschichts-Abiturienten aus München ihre Abi-Fahrt an den Strand von Rimini davon kostenlos bekommen, dass die Griechin, die keinen Job und immer weniger Sozialleistungen hat, im selben Maß die freie Fahrt nutzen wird, das bezweifle ich.“

Johanna Uekermann ergänzt: „Der Weg zum Ticket muss unbürokratisch sein“. Es dürfe keine Anträge, keine Bescheinigungen geben. Wie die organisatorische Umsetzung der Idee und die Verteilung des Tickets dann konkret aussehen werden, ist noch nicht abzusehen. Eine Lotterie ist allerdings nicht der beste Weg. Violeta Bulc scheint sich über die Umsetzbarkeit dieser auch noch nicht sicher zu sein, denn zieht sie einen Wettbewerb in Betracht, bei dem junge Europäerinnen und Europäer ihre Ideen zur Ausgestaltung von #FreeInterrail einbringen sollen. Und hofft damit vielleicht auf bessere Lösungen.

Nachhaltiger Verkehr in Europa sollte vorangebracht werden

Dass mit dem kostenlosen Interrail-Ticket die Debatte um nachhaltige Verkehrsmöglichkeiten angefeuert werden kann – Züge statt Flüge – ist ja ein positiver Nebeneffekt. Unabhängig von #FreeInterrail „ist es wichtig, dass europäische Fernverkehrsnetze geschaffen werden, mit mehr grenzüberschreitenden Verbindungen, Tarifen und Buchungsmöglichkeiten“, so die GRÜNE JUGEND. Da gäbe es zum Beispiel den von ihr verfochtenen Vorschlag „des ticketlosen, gemeinschaftlich finanzierten Personennahverkehrs“ – dies sei eine entscheidende Vision für den Verkehr des 21. Jahrhunderts und brächte Gerechtigkeit und Solidarität in die Verkehrspolitik.

Da Mobilität eine Grundvoraussetzung für soziale Teilhabe sei, müsse dafür gesorgt sein, dass der ÖPNV ausgebaut, dessen Betrieb durch Steuern finanziert werde und „dass diejenigen, die mehr verdienen, auch einen größeren Teil zur Finanzierung unserer öffentlichen Infrastruktur beitragen“, so die GRÜNE JUGEND weiter.

Für mehr Unterstützung bei Bekämpfung der wirklichen Probleme und den Ausbau der Programme zur non-formalen Lernmobilität

„Ein Freifahrtschein durch Europa löst nicht auf einen Schlag alle Probleme“, so Johanna Uekermann. Junge Leute bekämen so keinen Job und keine gesicherte Zukunftsperspektive. „Damit Europa für Jugendliche endlich wieder mehr ist als Krise, verkrustete Institutionen, Nationalismus und Abschottung, muss die Europäische Union ihrem Versprechen nach Freiheit und einem guten Leben für alle Menschen – und nicht nur für einige Wenige – nachkommen“, so die Einschätzung der Jusos. Die Bekämpfung der Jugendarbeitslosigkeit gehören für sie ebenso dazu wie eine solidarische Lösung bei Herausforderungen wie der Flüchtlingspolitik.

Keine Frage – neben der Bekämpfung von Jugendarbeitslosigkeit und dem Umgang mit der Flüchtlingssituation sind internationale Mobilitätserfahrungen ein probates und unverzichtbares Mittel, um die „existentielle Krise“ Europas anzugehen, Nationalismen und Vorurteilen entgegenzuwirken, Jugendlichen die europäische Idee erlebbar zu machen, ein stärkeres bürgerschaftliches Engagement für Europa unter ihnen zu kultivieren. Ein europaweiter Freifahrtschein für alle 18-jährigen Europäerinnen und Europäer „wäre gerade in diesen Zeiten ein Signal gegenüber jenen, die die Freizügigkeit in Europa in Frage stellen und Grenzen hoch ziehen möchten“, meint Moritz Heuberger.

Starker Gegenwind kommt hingegen von der Europa-SPD. Petra Kammerevert, MdEP, Expertin für Erasmus+ und langjähriges Mitglied im Ausschuss für Bildung und Kultur, lässt keinen Zweifel an ihrer Meinung: “Ersten Schätzungen zu Folge könnte die Interrail-Initiative bis zu 1,5 Milliarden jährlich kosten. Das ist mehr als die Hälfte des Jahresbudgets für ERASMUS+ in 2017. Wo dieses Geld herkommen soll, ist zudem unklar. Sollten die Mitgliedstaaten bereit sein, 1,5 Milliarden Euro mehr jedes Jahr in den Haushalt zu geben, wäre es in jedem Falle in ERASMUS+ besser aufgehoben und würde dort auch dringender benötigt. Ich bin nicht bereit Initiativen zu unterstützen, weil sie sexy klingen und damit denjenigen einen Schlag ins Gesicht zu verpassen, die sich seit langem, größtenteils ehrenamtlich, um die Mobilität junger Menschen bemühen und dabei um jeden Cent ein endloses Ringen veranstalten müssen“, so die Europa-Abgeordnete in ihrem Statement.

Dass es eine kostenlose Möglichkeit für junge Menschen geben wird, sich in Europa frei zu bewegen, scheint mittlerweile gesetzt. Die konkrete Umsetzung und Anwendung macht, wie so oft bei EU-Initiatven, den Unterschied. Hier ist zu hoffen, dass die Stärken von #FreeInterrail mit den Stärkungen und Wirkungen nicht formaler internationaler Jugendarbeit in Einklang gebracht werden können.

(JUGEND für Europa)

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