"Dieses Programm ist für Bildung, Weltoffenheit und Toleranz unersetzbar“

Wie soll es weitergehen mit Erasmus+ JUGEND IN AKTION?
JUGEND für Europa fragte Norbert Müller, Kinder- und Jugendpolitischer Sprecher der Linksfraktion im Deutschen Bundestag.

JfE: Herr Müller, wie bewerten Sie die Umsetzung von Erasmus+ Jugend in Aktion? Wie sollte sich das Programm entwickeln?

Müller: Erasmus+ hat zahlreichen Menschen ermöglicht, Erfahrungen in vielen europäischen Ländern und darüber hinaus zu sammeln. Es fördert damit sowohl die persönliche Entwicklung der Teilnehmenden, als auch die Verständigung und das friedliche Zusammenleben in Europa. Allerdings bleibt seit der Zusammenführung zu Erasmus+ die Sichtbarkeit der ehemals selbstständigen Teilprogramme hinter dem dominierenden Programm für Studierende zurück. Auch kam es für JUGEND IN AKTION durch die Einführung von Pauschalen zu einer niedrigeren Gesamtförderung von Projekten. Nach wie vor ist die Antragsstellung sehr bürokratisch und die Fördersätze reichen nur bedingt aus, um die Kosten zu decken. Hier muss bei der Weiterentwicklung des Programms angesetzt werden. Die Sichtbarkeit von JUGEND IN AKTION muss durch eine bessere Einbindung von Jugendstrukturen und -verbänden verbessert werden. Außerdem bedarf es einer finanziellen Aufstockung und Entbürokratisierung des Programms, damit insgesamt mehr junge Menschen davon profitieren können.

JfE: Wie bewerten Sie das neu geplante Europäische Solidaritätskorps?

Müller: Ich befürchte, dass es für den Bereich JUGEND IN AKTION zu einem deutlichen Einschnitt kommen würde, wenn der Europäische Freiwilligendienst aus Erasmus+ herausgelöst und mit dem Europäischen Solidaritätscorps zusammengelegt würde. Damit würde ein Bildungsdienst durch einen Arbeitsdienst abgelöst. DIE LINKE spricht sich daher für einen Erhalt von JUGEND IN AKTION im Rahmen von Erasmus+ aus.

JfE: Wie kann Ihrer Meinung nach die Europäische Bürgerschaft junger Menschen am besten gefördert werden?

Müller: Um die EU für breite Bevölkerungsschichten attraktiv zu machen, bedarf es eines grundsätzlichen Politikwechsels. Wir brauchen einen Vorrang von sozialen Rechten und Prinzipien wie Gleichheit, Antidiskriminierung, Partizipation und Beteiligung vor wirtschaftlichen Interessen. Das heißt, dass junge Menschen nicht als Risikogruppe oder Humankapital für den Arbeitsmarkt sondern als Bürger*innen mit Rechten betrachtet werden. Auch bedarf es einer weiteren Demokratisierung der Europäischen Union und eines Ausbaus der Jugendbeteiligung auf allen Ebenen. Nicht zuletzt muss die hohe Jugendarbeitslosigkeit endlich wirksam bekämpft werden.

JfE: Was werden Sie politisch tun, um mehr benachteiligten Jugendlichen eine Teilnahme an internationalen Maßnahmen zu ermöglichen?

Müller: Reisen muss man sich auch leisten können. Dieses Austauschprogramm ist für Bildung, Weltoffenheit und Toleranz unersetzbar. Damit niemand aus finanziellen Gründen darauf verzichten muss, muss der Etat deutlich aufgestockt werden. Im Rahmen der jeweiligen Nationalen Agenturen muss nach geeigneten Unterstützungsmöglichkeiten gesucht werden, damit auch trotz der komplizierten Antragstellung bisher benachteiligte Zielgruppen erreicht werden können.

Maßnahmen mit sozial benachteiligten Menschen benötigen einen höheren sozialpädagogischen Aufwand bei Vorbereitung, Durchführung und Nachbereitung. Dieser muss sich in einer höheren finanziellen Förderung widerspiegeln.

Um eine umfassende Inklusion zu ermöglichen, muss der Betrag für den Mehraufwand auch nach Antragsstellung angepasst werden können. Die besondere Förderung von Menschen mit Behinderung darf nicht auf die Höchstfördersumme angerechnet werden. Desweiteren muss ermöglicht werden, dass Träger, Initiativen und Organisationen, die mit sozial benachteiligten Jugendlichen oder mit jungen Menschen mit Behinderungen arbeiten, hauptberufliches Personal abrechnen können. Nur so ist eine Kontinuität in der Begleitung, die für diese jungen Menschen besonders wichtig ist, zu gewährleisten.

Das Interview führte Dr.Helle Becker im Auftrag von JUGEND für Europa
Foto:
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