Die wahren Europäer: Jugendliche sind politischer, als man denkt

Die EACEA hat die Ergebnisse einschlägiger Eurobarometer zur politischen Partizipation ausgewertet. Ergebnis: Die Jungen sind die neuen Europäer, die die Gruppe derjenigen ablöst, die Europa als Friedensprojekt nach dem Weltkrieg lange die Stange gehalten haben.

Jugendliche sind nicht unpolitisch, sie sind nur anders. Und sie sind die wahren Europäer. Auf diese Nenner kann man die Ergebnisse einer Sekundäranalyse von Eurobarometer-Daten bringen, die nun von der EACEA (Exekutivagentur für Bildung, Audiovisuelles und Kultur) vorgelegt wurde und sich exakt in das Bild fügt, das auch eine zweite Studie der EACEA entwirft (siehe NEWS).

Die Auswertung mehrerer Eurobarometer-Untersuchungen des Jahres 2012 zeigt interessante Ergebnisse. Sie widerlegt die übliche Vorstellung, Jugendliche seien überwiegend politikfern oder verdrossen. Haben bisher auch schon einzelne Eurobarometer-Befragungen diesem Vorurteil widersprochen, wird dies in der Gesamtschau  bestätigt und aufgeschlüsselt. Jugendliche politische Partizipation, so die Autorinnen und Autoren der Studie, sei nicht auf dem Rückzug, sondern im Wandel.

Je jünger, umso alternativer

Interessant ist der durchgängige Vergleich mit anderen Alterskohorten. Hier wird deutlich, dass es zwar insgesamt ein eher geringes Interesse an politischer Beteiligung gibt, dabei aber Jugendliche im Vergleich zu Erwachsenen keineswegs hervorstechen. Im Gegenteil: Während die Wahlbeteiligung der 15- bis 24-Jährigen (schon aufgrund des Alters) zwar geringer ist, sind sie wesentlich aktiver in alternativen Formen politischer Beteiligung. So bilden die Jüngeren mit über 40% die Spitze derjenigen, die ihre politische Meinung über soziale Netzwerke im Internet kundtun. Und das, obwohl nur 8% der Meinung sind, dass dies politische Entscheidungen beeinflusst.

Gleichzeitig haben die bis 24-Jährigen von allen Altersgruppen das größte Vertrauen in politische Parteien und den Sinn von Wahlen. Aber sie  glauben offensichtlich nicht, dass ihre Belange durch die gewählten Vertreterinnen und Vertreter ausreichend berücksichtigt werden. Denn man findet bei ihnen gleichzeitig die geringste Bereitschaft, tatsächlich wählen zu gehen. Jugendlichen liegen, stärker als allen Erwachsenengruppen,  direktere Protest- und Beteiligungsformen näher, von denen sie glauben, dass sie darüber mehr Einfluss haben. So favorisieren sie nach Wahlen vor allem Demonstrationen (18 %) und Streiks (17 %), gefolgt von der Mitgliedschaft in Parteien (13 %) und dem Unterzeichnen von Petitionen (13 %).

Auch in dieser Auflistung ist ein Widerspruch zwischen Einschätzung und Handeln zu erkennen: Junge Menschen messen zwar den politischen Parteien einen vergleichsweise großen Einfluss zu, werden aber eher selten selbst Mitglied einer Partei. Sie haben auch die wenigsten Kontakte zu ihren Abgeordneten. Und noch etwas ist auffällig: Nimmt man alle Beteiligungsformen zusammen, sind die 25- bis 34-Jährigen die aktivsten Bürgerinnen und Bürger. Hier gilt: Je älter, umso weniger. Ab dem 65. Lebensjahr nutzt die Mehrheit der Menschen in der EU gar keine politischen Beteiligungsinstrumente – einschließlich Wahlen - mehr.

Widerspruch zwischen Wollen und Dürfen?

Bezüglich der Gründe für solche Widersprüche verweist die Studie auf das, was sie ein „verändertes Konzept von Bürgerschaft“ nennt. Wählen zu gehen oder sich mittels traditioneller Formen von politischer Beteiligung einzubringen wird nicht länger als staatsbürgerliche Pflicht empfunden und von Ad-hoc-Aktionen, themenspezifischen und individuellen Aktivitäten abgelöst.

Daneben muss vor allem für junge Menschen das Gefühl vorhanden sein, wirklich ernst genommen und gehört zu werden. Sie erleben eine Gemengelage von „objektiven und empfundenen“ Partizipationshindernissen. So ist das Alter ein objektiver Grund des Ausschlusses von Wahlen oder Parteienzugehörigkeit. Gleichzeitig wird es aber auch als Grund für das subjektive Erleben gewertet, zum Beispiel in einer politischen Diskussion nicht ernst genommen zu werden. Für eine solche Deutung der Forscher spricht beispielsweise auch die unterschiedliche Einschätzung der Beteiligung an Debatten auf lokaler Ebene („town hall meetings“).  Hier steigt der Glaube an deren Wirksamkeit – und die reale Beteiligung - mit dem Alter deutlich.

Wahre Europäer!

Vor allem die supranationalen Politikentwicklungen werden für einen „Wandel des Bürgerschaftskonzepts“ in allen Altersklassen verantwortlich gemacht. Abstrakte Politikthemen und eine als fern und unbeeinflussbar geltende Entscheidungsmaschinerie werden häufig als Gründe für eine generelle Abwendung von Politik genannt, vor allem von europäischer.

Jugendliche aber vollziehen den Wandel offenbar positiv nach. Die Formel: je lebensweltnäher die Politik, umso interessierter und aktiver die Jugendlichen, und umgekehrt, je abstrakter, umso desinteressierter, geht nicht auf. Die Jungen sind die neuen Europäer, die die Gruppe derjenigen ablöst, die Europa als Friedensprojekt nach dem Weltkrieg lange die Stange gehalten haben. Die 15- bis 24-Jährigen reklamieren für sich am stärksten ein Gefühl „Europäischer Bürgerschaft“. Fast 50% haben ein positives Bild von der EU; zwei Drittel sehen Europa neben der nationalen Zugehörigkeit als Teil ihrer Identität. Sie sind die Gruppe, die sich am besten informiert fühlt, die das meiste Vertrauen in die Wahlen auf europäischer Ebene hat (63 % der Jungen gegenüber 51 % der über 55-Jährigen) und sich am ehesten an öffentlichen Debatten auf europäischer Ebene beteiligt. Die 15- bis 34-Jährigen sind es, die vor allen anderen etwas über ihre Rechte in der EU wissen und zugleich mehr erfahren möchten.

Vorurteil überprüfen

Nicht berücksichtigen konnte die Studie die nationalen Unterschiede. Dies ist insofern bedauerlich, als die Formen politischer Partizipation abhängig von der jeweiligen politischen Kultur und von den realen Partizipationsmöglichkeiten in den jeweiligen Ländern sind. Dies konnte sowohl die „International Civic and Citizenship Education Study (ICCS)“ wie auch die Studie „Jugendpartizipation in Finnland und Deutschland. Statusanalyse und evidenzbasierte Handlungsempfehlungen" (siehe NEWS) zeigen.

Auch Differenzierungen zwischen den befragten Gruppen, zum Beispiel nach Alter, Geschlecht oder sozioökonomischen Status, geben die Eurobarometer-Untersuchungen nicht her. Dennoch geben die Ergebnisse Anlass, das Vorurteil von den generell politikfernen Jugendlichen weiter zu überprüfen.

(JUGEND für Europa)

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