27.07.2012Nicht formale Bildung

"Die Politik muss mehr tun"

Diskussion um Anerkennungsinstrumente von nicht formaler und informeller Bildung – aus Sicht der Caritas.

Ein Interview mit Roland Fehrenbacher.

Roland Fehrenbacher ist Leiter des Referats Kinder- und Jugendhilfe bei der Caritas in Freiburg.

Herr Fehrenbacher, was hat Ihnen das Expertengespräch gebracht?

Wichtig ist mir zunächst mal die Klarstellung, dass EQR und DQR reine Übersetzungsinstrumente sind und keine Verfahren vorgeben. Von daher ist die Validierung non-formaler und informeller Bildung außerhalb des DQR zu gestalten. Es wurde zurecht noch einmal darauf hingewiesen, wie bedeutend die informell erworbenen Kenntnisse eigentlich sind. Immerhin machen sie ja rund 70 Prozent der Lernerfahrungen aus. Und dass Auslandsaufenthalte und Mobilitätserfahrungen für die persönliche und berufliche Entwicklung wichtig sind, wurde deutlich. Hier fand insgesamt eine Aufwertung statt.

Und negativ?

Es gibt bislang immer noch keine empirischen Untersuchungen zu nicht-formalem Lernen im Sinne von „Was gibt es alles?“. Jedenfalls sind mir keine aussagefähigen Untersuchungen bekannt. Was fehlt, sind auch Anschlussfähigkeiten von Lernerfahrungen im Ausland, zum Beispiel bei Praktika.

Aus Sicht der Caritas, was muss jetzt passieren?

Wir müssen die fachpolitische Anerkennung grenzüberschreitender Lernerfahrungen stärken. Wichtig ist, dass wir über empirisch abgesichertes Wissen zu Wirkungen von Maßnahmen grenzüberschreitender Mobilität besser kommunizieren. Letztlich ist es auch eine Frage des Geldes. Die finanzielle Ausgestaltung entsprechender Angebote muss vor allem auf der kommunalen Ebene verbessert werden. Ich denke da an eine verstärkte Einbettung in die Jugendhilfeplanung. Und natürlich müssen die Mitarbeiter in der Jugendhilfe auch fortgebildet werden. Nur so können internationale Austauschmaßnahmen in unserem Sinne gelingen.

Mit welchen Instrumenten lassen sich die Lernergebnisse aus der internationalen Jugendarbeit denn am besten identifizieren und validieren?

Am besten konzentrieren wir uns auf die eingeführten und bewährten Instrumente, wie zum Beispiel den Youthpass. Diese Instrumente können wir dann ja anhand einheitlicher Qualitätselemente weiterentwickeln. Dabei sollten wir aber unterscheiden – zwischen den individuell orientierten Verfahren (ohne Berufsorientierung) und den beruflich bzw. berufsausbildungsvorbereitenden Verfahren.

Welcher Validierungsprozess ist vorstellbar, um diese Lernergebnisse an den DQR anschlussfähig zu machen?

Das fünfstufige Validierungsverfahren erscheint grundsätzlich geeignet, um die Lernergebnisse aus internationalen Kontexten an den DQR anschlussfähig zu machen. Allerdings braucht es ein ganzheitliches bzw. umfassendes Bildungsverständnis, damit die Ergebnisse der Zertifizierung non-formaler und informeller Bildung im Rahmen der Beschreibung und Einordnung von Kompetenzen im DQR berücksichtigt werden können.

Formulieren Sie doch bitte mal Ihre Wünsche an die Politik.

Die Politik könnte und müsste eine Menge leisten:

1. Anpassung und Flexibilisierung von Förderprogrammen, die die Notwendigkeit der intensiven Betreuung benachteiligter Gruppen von jungen Menschen berücksichtigen – und zwar bei der Ansprache, Vorbereitung, Durchführung und Nachbereitung von Auslandsmaßnahmen.

2. Wir brauchen eine umfassendere empirische Forschung im Bereich non-formales und informelles Lernen.

3. Alle jungen Menschen sollten die Möglichkeit haben, Lernerfahrungen im Ausland zu sammeln und dort auch ihre Kompetenzen zu erweitern. Das geht nur durch eine gemeinsame Verantwortung von Bund, Ländern und Kommunen. So könnte der Bund zum Beispiel überprüfen, wie sich „Mobilitätskomponenten“ in bestehende Förderprogramme einbinden lassen.

4. Es braucht auch in Zukunft ein eigenständiges und transparentes Jugendprogramm auf europäischer Ebene. Gleichzeitig sollten Strukturfonds wie der ESF noch stärker für die Förderung von Mobilität genutzt werden können.

Wie sollte bzw. müsste es in diesem Anerkennungs-Prozess jetzt weitergehen?

Ich hoffe auf die Verknüpfung europäischer Prozesse – wie zum Beispiel die Umsetzung der EU-Jugendstrategie mit der Entwicklung einer eigenständigen Jugendpolitik. In diesem Kontext muss es auch gelingen, die Ankerkennung non-formaler und informeller Bildungsprozesse sichtbarer zu machen.

(Das Interview führte Marco Heuer im Auftrag von JUGEND für Europa)

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