Interview vom 24.09.2009Die EU-Jugendstrategie 2010 - 2018

" Die neue EU-Strategie muss schlanker und verständlicher gestaltet werden"

Interview mit Josef Boček, Programmkoordinator und ehemaliger Leiter der tschechischen Nationalagentur für das EU-Programm JUGEND IN AKTION.

via JUGEND für Europa

JfE: Herr Boček, hat sich die Reise von Prag nach Berlin gelohnt?

Boček: Das würde ich schon sagen. Die Tagung hat mich inspiriert. Wir wollen in Tschechien ebenfalls einen öffentlichen Dialog mit allen Akteuren der Jugendpolitik organisieren. So weit wie in Deutschland sind wir allerdings noch nicht. Es fehlt an passenden Strukturen. Wir sind uns aber über die Ziele im Klaren. Wir müssen künftig alle Partner erreichen und dem Ministerium dann eine klare Botschaft überbringen.

JfE: Welche Rolle spielt die Europäische Jugendpolitik derzeit in ihrem Land?

Boček: Wir verfolgen die neuen Vorschläge der Europäischen Kommission sehr intensiv. Auch unser Ministerium ist interessiert und grundsätzlich positiv eingestimmt. Leider werden bei uns aber bislang meistens nur die etablierten Partner wie der Nationale Jugendrat, die Nationalagentur oder das in Tschechien eine große Bedeutung spielende „Netzwerk der Jugendzentren“ nach ihren Standpunkten befragt. Was gegenwärtig völlig rausfällt, sind die so genannten unorganisierten Jugendlichen oder die Organisationen, die nicht im Jugendrat vertreten sind. Deshalb wollen wir den nationalen Dialog breiter anlegen. Das ist eine große Herausforderung. Und dann gibt es bei uns ja noch ein ganz anderes Problem. Die tschechische Übergangsregierung ist nur noch bis zum Frühjahr im Amt. Der Wille zu neuen Initiativen ist deshalb …

JfE: … nicht besonders stark ausgeprägt?

Boček: Sie sagen es. Trotzdem schaue ich, wie wir in Tschechien unseren Einfluss stärker geltend machen können. Auf dem Fachforum wollte ich auch sehen, wie die deutsche Nationalagentur und andere Akteure ihr Ministerium beeinflussen können. Jetzt bin ich gespannt darauf, wie die deutsche Politik mit den hier gemachten Vorschlägen umgeht, ob sie sie wirklich einbezieht oder ob es am Ende doch nur eine nette Plauderei war.

JfE: Die Europäische Kommission hat in ihrer Mitteilung vom April 2009 acht Aktionsbereiche für eine künftige EU-Strategie für die Jugend vorgeschlagen. Sind Sie mit dem Papier zufrieden?

Boček: Der vorgeschlagene Rahmen ist grundsätzlich erstmal gut strukturiert. Die Themen sind sinnvoll. Mir gefällt auch, dass konkrete Forschungsergebnisse mit einbezogen wurden. Dennoch sollte an dem Papier weiter gefeilt werden. Der Rahmen ist noch zu komplex. Er sollte schlanker gestaltet, die Vorhaben verständlicher formuliert werden. Wir hatten ja schon mit den vier Förderprioritäten aus dem Weißbuch (Partizipation, freiwilliges Engagement, Information, bessere Kenntnis der Jugend) eine Menge zu tun. Jetzt wird es also noch mehr. Und ich sehe derzeit noch ein anderes Problem – die vielen abstrakten Formulierungen der Kommission. Am Ende sind es die Akteure vor Orte, die herausfinden müssen, was mit den Zielen gemeint sein könnte. Deshalb sage ich ganz deutlich: Wir brauchen mehr konkrete Hilfestellung.

JfE: Welche der von der Kommission vorgeschlagenen Themenbereiche würden Sie priorisieren?

Boček: Thema Nummer eins für Tschechien bleibt das freiwillige Engagement. Das hat historische Gründe. Während der kommunistischen Herrschaft war es schlichtweg verpönt und nicht geduldet, sich nach eigenem Gusto zu engagieren. Noch heute haben wir Probleme, Jugendliche für freiwilliges Engagement zu motivieren. Aus diesem Grund hatten wir das Thema zum zentralen Anlieger unserer EU-Ratspräsidentschaft gemacht.

Aber auch Partizipation und ein Strukturierter Dialog, der vor allem auf lokaler Ebene junge Menschen erreicht, sind mir als Themenschwerpunkte wichtig. Und ich setze in Zukunft auch stark auf das „peer-to-peer-learning“. Der Austausch guter Praxis sollte für unsere Arbeit auf allen Ebenen selbstverständlich werden.

(MH)