Interview vom 13.12.2007Europäischer Pakt für die Jugend

"Die Möglichkeiten sind noch nicht ausgeschöpft."

Interview mit Gerd Hoofe, Staatssekretär im Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend zur Umsetzung des Europäischen Pakts für die Jugend

via JUGEND für Europa

JUGEND für Europa : Herr Staatssekretär, was tut die Bundesregierung, um den Europäischen Pakt für die Jugend umzusetzen?

Hoofe : Wir haben eine ganze Reihe von Beispielen, wie wir den Europäischen Jugendpakt auf Bundesebene umsetzen. Erst vor kurzem haben wir einen Katalog mit 42 Projekten des Bundesfamilienministeriums und der anderen Ressorts auf der Homepage unseres Ministeriums veröffentlicht. Hier wird sehr deutlich, wie die Bundesregierung die soziale und berufliche Integration junger Menschen fördert. Unser Ziel ist es, allen jungen Menschen eine fundierte Bildung und Ausbildung und einen guten Berufsstart zu ermöglichen. Dabei unterstützen wir besonders Jugendliche mit schlechteren Ausgangschancen. Diese jungen Menschen haben mit sehr unterschiedlichen Problemen zu kämpfen. Vorgestanzte Angebote bringen hier wenig. Statt dessen brauchen wir eine passgenaue und individuelle Integration in den Arbeitsmarkt und das Berufsleben, bei denen die Jugendlichen aktiv mit einbezogen werden. Mit unseren durch den Europäischen Sozialfonds geförderten „Kompetenzagenturen“ sind wir hier auf einem sehr erfolgreichen Weg.

JUGEND für Europa : Die Lissabonner Strategie für Beschäftigung und Wachstum in Europa verfolgt auch jugendpolitische Ziele – aber muss hier nicht noch mehr passieren?

Hoofe : Unbedingt. Die positive Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt ging in den vergangenen Jahren leider oft an den jungen Menschen vorbei. Die Folge: Die Jugendarbeitslosigkeit ist in Europa doppelt so hoch wie die Arbeitslosigkeit insgesamt. Deutschland liegt im europäischen Vergleich bei der Arbeitslosigkeit unter dem EU-Durchschnitt. Das ist zum großen Teil unserem dualen Ausbildungssystem zu verdanken. Die Jugendarbeitslosenquote in Deutschland ist bereits 2006 um 1,7 Prozentpunkte gesunken und wird in diesem Jahr noch stärker zurückgehen. Mit dem Nationalen Pakt für Ausbildung und Fachkräftenachwuchs haben wir erreicht, dass die deutsche Wirtschaft bis 2010 im Durchschnitt pro Jahr 60.000 neue Ausbildungsplätze und 30.000 neue Ausbildungsbetriebe einwirbt und 40.000 Plätze für betrieblich durchgeführte Einstiegsqualifizierungen bereit stellt.

Die Lissabon-Strategie formuliert aber auch Bildungsziele und soll den sozialen Zusammenhalt stärken. Hier setzt unser Modellprogramm „LOS – Lokales Kapital für soziale Zwecke“ an, das lokale Initiativen in sozialen Brennpunkten fördert. Bislang konnten wir rund 12.000 Projekte mit mehr als 333.000 Teilnehmerinnen und Teilnehmern durchführen. Ein anderes Beispiel ist das ebenfalls durch den Europäischen Sozialfonds mit finanzierte Programm „Schulverweigerung - Die zweite Chance“. Damit wollen wir auch hartnäckigen Schulverweigerern den Weg zurück zu einer soliden Ausbildung ebnen und ihre Zukunftschancen wahren. Die Lissabonner Strategie verfolgt den so genannten Lebenszyklusansatz, der auch maßgeblich für die jugendpolitischen Grundsätze und Ziele der Bundesregierung ist: Wir müssen mit der Bildung früh anfangen, wir müssen qualitativ hochwertige Angebote machen und wir dürfen keinen jungen Menschen auf dem Weg zu einer fundierten Bildung und Ausbildung allein lassen. Wir haben schon gute Fortschritte bei der frühkindlichen Bildung und frühen Förderung gemacht. Und wir haben Zeichen bei der Anerkennung von nicht formal erworbener Bildung gesetzt, zum Beispiel mit den „Nachweisen International“ oder dem „Youthpass“ im Programm „JUGEND IN AKTION“.

JUGEND für Europa : Die portugiesische EU-Ratspräsidentschaft hat vorgeschlagen, dass der Jugendrat – also die europäischen Jugendministerinnen und Minister – kontinuierlich beurteilen soll, wie der Jugendpakt national und europäisch umgesetzt wird. Was halten Sie davon?

Hoofe : Ich teile die Ansicht, dass wir die Umsetzung des Europäischen Jugendpaktes verbessern müssen. Vor allem was die lokale und regionale Handlungsebene – also direkt bei den jungen Leuten vor Ort – angeht, sind wir noch nicht da, wo wir sein müssen. Das haben wir uns als Teampräsidentschaft gemeinsam mit Portugal und Slowenien vorgenommen. Dass es für das vorgeschlagene Monitoring-Verfahren einen europäischen Konsens gibt, bezweifele ich allerdings. Dazu haben wir in den 27 Mitgliedstaaten zu unterschiedliche jugendpolitische Konzepte und Strukturen. Zwar setzen sich in allen Mitgliedsländern die jugendpolitischen Akteure dafür ein, die Situation von Kindern und Jugendlichen und deren Familien nachhaltig zu verbessern, trotzdem gehen nicht alle 27 EU-Mitgliedstaaten in ihren nationalen Berichten auf den Jugendpakt ein. Aus deutscher und europäischer Sicht ist es deshalb erklärtes Ziel, die Förderung von Jugendlichen als Querschnittsfrage auf nationaler und europäischer Ebene angemessener zu verankern. Es ist eine Herausforderung, die drängenden Probleme und damit verbunden auch die Lösungsansätze, die ja existieren, kompakt, transparent und aussagekräftig darzustellen.

Welche Instrumente sind geeignet? Kann zum Beispiel – das wurde im Rahmen unserer EU-Präsidentschaft mit angestoßen - ein europäischer Jugendbericht ein kluges Instrument für eine wirkungsvolle Politik sein? Hier sehe ich spannende Diskussionen auf uns zukommen. Darüber hinaus – und auch das ist ein konkretes Ergebnis der deutschen Ratspräsidentschaft – kann ein europäischer Austausch für erfolgreiche lokale und regionale Praxis im Sinne des europäischen Jugendpaktes sehr effektiv sein. Die Möglichkeiten, die Europa hier bietet, sind noch nicht ausgeschöpft.

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