"Die Knesset ist heute weit offener für Dialoge von Entscheidungsträgern mit Jugendlichen als früher."

Im Interview: Dr. Roby Nathanson, Macro-Center for Political Economics, Tel Aviv

Dr. Roby Nathanson führte gemeinsam mit der Friedrich-Ebert-Stiftung die Untersuchung „All of the above: Identity Paradoxes of Young People in Israel“ durch und verfolgte in bisher drei Befragungswellen Einstellungen jüdischer und arabischer Jugendlicher und junger Erwachsener zwischen 15-18 und 21-24 Jahren u.a. zu Fragen ihres Vertrauens in die staatlichen Institutionen, zur Demokratie und zum Friedensprozess.

Dr. Roby Nathanson, Sie haben gemeinsam mit der Friedrich-Ebert-Stiftung 2010 die Untersuchung „All of the above: Identity Paradoxes of Young People in Israel“ durchgeführt. Dabei haben Sie sich für die Einstellungen jüdischer und arabischer Jugendlicher und junger Erwachsener zwischen 15-18 und 21-24 Jahren u.a. zum Vertrauen in die staatlichen Institutionen, zur Demokratie und zum Friedensprozess interessiert. Können Sie uns kurz beschreiben, wie sich die Einstellung der Befragten zur Demokratie in den bisher drei Befragungen 1998, 2004 und 2010 entwickelt hat?

Zunächst kann man sagen, dass im Vergleich zwischen den Zeitspannen die Entwicklung negativ ist. Man zieht eher stärkere Führer vor. Man glaubt zwar, und das ist unter den jüdischen Jugendlichen besonders ausgeprägt, Demokratie ist eine gute Sache. Aber wenn man fragt, ob man bereit ist, dass nicht-jüdische Abgeordnete in der Knesset vertreten sind, damit ist gemeint der arabische Sektor, dann ist eine große Mehrheit dagegen. Obwohl die arabischen Israelis natürlich alle die Staatsangehörigkeit haben und durch das Gesetz das Recht haben, in der Knesset vertreten zu sein. Das heißt, man hat ein Missverständnis von Demokratie.
Demokratie ist eher ein Schlagwort; man versteht nicht, dass Demokratie auch mit Menschenrechten, Toleranz, Respekt für Minderheiten zu tun hat. Da wird die Verbindung nicht unbedingt hergestellt zwischen dem, was Demokratie ist und einer demokratischen Gesellschaft. Wir haben ja etwa 1.600 Jugendliche und junge Erwachsene in allen Sektoren befragt. Die Befragten im arabischen Sektor verstehen Demokratie als ein System, das ihnen Rechte einräumt und sie schützt. Und das wird auch von den arabischen Jugendlichen so angesehen, dass das demokratische System in Israel die Rechte der Minderheiten schützt.

Sie haben die Untersuchung auf dem zweiten Peer-Learning-Seminar im Rahmen des Multilateralen Kooperationsprojekts zu Jugendpartizipation vorgestellt, zu dem das israelische Bildungsministerium nach Jerusalem geladen hatte. Was macht Israel Ihrer Ansicht nach zu einem guten Ort um über „Verantwortung der Jugend für Demokratie“ (so der Seminartitel) zu sprechen?

Es ist ein guter Ort, in dem Sinne, dass wir schon eine multikulturelle Gesellschaft sind und im Gegensatz zu anderen multikulturellen Gesellschaften sogar in Europa scheint das System ganz gut zu funktionieren, dass die Rechte der Minderheiten gewahrt und respektiert sind, trotz dieser negativen Tendenz, die wir in der Meinungsumfrage festgestellt haben.

Allerdings, da ist noch ein Informations-und Erziehungsdefizit bei den Jugendlichen in Israel, was eigentlich Demokratie bedeutet. Es aber auch so, dass Jugendliche in Israel stärker in Verantwortungsübernahme für die Gesellschaft einbezogen werden als in anderen Ländern. Das hat auch mit dem Militärdienst zu tun, den fast jeder junge Mann und jede junge Frau ab 18 Jahren hier leisten muss. Der Militärdienst wird als ein Beitrag zur Gesellschaft verstanden; dass wird auch von den Jugendlichen so aufgefasst. Das ist in Israel etwas Besonderes im Vergleich zu anderen modernen Gesellschaften. Das hat auch mit Verantwortung zu tun.

In Israel kommt den Youth Leadership-Programmen eine große Bedeutung zu, um Jugendengagement zu stärken und die jungen Erwachsenen zur Übernahme von Verantwortung in demokratischen Gemeinwesen zu motivieren. Wie funktionieren diese Programme? Halten Sie sie diesen Ansatz für übertragbar in andere Länder?

Ich kenne die Programme nicht im Detail, aber ich weiß, dass Jugendliche im Schulalter (wie z.B. meine Tochter) verpflichtet sind, in ihrer Schulzeit ab der 10. Klasse 60 Stunden jährlich für die Gesellschaft zu arbeiten, z.B. in der Jugendbewegung wie den Pfadfindern, im Altersheim, bei der Polizei. Das ist so verbindlich im Schulsystem geregelt, das ist Pflicht. Also, konkrete Erziehung zu gesellschaftlicher Mitverantwortung. Das ist schon eine ziemlich bedeutende Sache, um Jugendliche zu erziehen auch etwas beizutragen und gesellschaftlich eingebunden zu sein. Dieser Ansatz ist aber natürlich nicht unbedingt übertragbar auf jedes Land, da er nicht auf Freiwilligkeit beruht.

Im Seminar diskutierten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus Polen, Deutschland, dem Vereinigten Königreich und Israel über das Phänomen der „Bystanders“, also der Zuschauer, die sich kaum aktiv in demokratische Prozesse selbst in ihrem nächsten Lebensumfeld einbringen wollen und stattdessen indifferent oder ablehnend „der Politik“ gegenüber stehen. In den Interviews in Ihrer Untersuchung kommt bei vielen Jugendlichen und jungen Erwachsenen, egal ob religiös oder nicht-religiös und unabhängig davon, ob es sich um jüdische oder arabische Befragte handelt, ebenfalls eine große Distanz den Politikerinnen und Politikern gegenüber zum Vorschein. Was sagen diese Jugendlichen konkret – und
was könnte sie Ihrer Meinung nach bewegen, sich stärker für Demokratie und Politik zu interessieren?

Wir hatten 2011 einen größeren sozialen Protest in Israel, daran waren junge Erwachsene stark beteiligt; allerdings nicht unbedingt aus der Altersgruppe, die wir untersucht haben. Einer der Gründe des Ausbruchs war die Entfremdung der jungen Leute von den politischen Entscheidungsträgern. Das hatte meiner Ansicht nach zwei Gründe:
1. wurde das politische System als korrupt und nicht glaubwürdig angesehen.
2. wurden die Interessen der jungen Menschen nicht berücksichtigt und haben keinen Ansprechpartner.

Das zweite hat sich nach der letzten Wahl bereits etwas geändert. Ein Umbruch hat mit der Wahl einer größeren Gruppe junger Knesset-Abgeordneten begonnen. Das ist eine ganz neue Generation von Entscheidungsträgern, die unter Umständen besser in der Lage sein werden, die Bedürfnisse der
jungen Menschen besser zu berücksichtigen. Wir befinden uns in einer Umbruchphase: Viele Parteien haben sich geöffnet; die Arbeitspartei, die neue Partei Jesch Atid und auch andere Parteien fördern jetzt junge Menschen – eine neue Generation junger Führungspersonen wächst da heran, die sich jetzt beweisen muss. Das andere ist natürlich, Kommunikationsformen zu finden und fördern, eine Sprache und Mittel zu nutzen, die die jungen Menschen ansprechen. Mehr Social Network und Kommunikationswege auch bei öffentlichen Veranstaltungen benutzen, die junge Menschen nutzen. Das ist eine Herausforderung , aber man muss sie unbedingt einsetzen, wenn man die jungen Leute nicht verlieren will bei den Entscheidungsprozessen einer demokratischen Gesellschaft. Dabei ist die Wahlbeteiligung in Israel immer noch recht hoch im Vergleich zu anderen Industriestaaten; bei jungen Leuten geht sie allerdings ein wenig zurück. Und es gibt noch ein interessantes Phänomen: Bei den letzten Gemeindewahlen im Oktober, kurz vor Ihrem Seminar, sind viele junge Leute in die Gemeinderäte gewählt worden, zum Teil mit eigenen unabhängigen Parteien. Das ist noch mal ein Zeichen dafür, dass es möglich ist, die Partizipation junger Menschen in den Entscheidungsprozessen zu fördern, wenn man die Tür öffnet – und das ist etwas, das man unbedingt machen muss.

Ihrer Untersuchung von 2010 stellen Sie Aufsätze von Politikern entgegen, die auf wichtige Trends Ihrer Jugendstudie Antwort geben sollen. Inwieweit findet dieser Dialog zwischen Jugendlichen und politischen Entscheidungsträgern Ihrer Ansicht nach in Israel auch außerhalb von Büchern statt? Wir hatten beim Seminar z.B. die Gelegenheit, eine öffentliche Anhörung zum Thema Jugendzentren zu besuchen.

Der Dialog findet statt, die Knesset ist heute weit offener für Dialoge von Entscheidungsträgern mit Jugendlichen und anderen gesellschaftlichen Gruppen als das früher der Fall war. Es gibt Abgeordnete, die diese Initiativen aufnehmen, das ist alles sehr positiv. Die Frage ist allerdings, ob diese Initiativen auch Randgruppen erreicht. Da muss man noch ein großes Fragezeichen setzen. Es gibt viele Sektoren in der israelischen Gesellschaft, die ausgeschlossen sind von Entscheidungsprozessen, z.B. in Armutsvierteln, auch Neueinwanderer, Arbeitslose, Minderheiten, die sich nicht zugehörig fühlen. Man muss das erweitern, der Dialog kann nicht nur in der Knesset stattfinden, sondern muss mehr auf die kommunale und Basisebene gebracht werden. Vor allem was die Behandlung des sozialen Gefälles und Unterschiede zwischen Arm und Reich angeht, die zu den höchsten im OECD-Vergleich gehören. Das sind Dinge die man unbedingt behandeln muss, auch um hier den Partizipationsprozess zu fördern.

Eine letzte Frage: Das multilaterale Kooperationsprojekt unternimmt den Versuch, den Kontext der jeweiligen Partnerländer begreifbar zu machen, um nicht im banalen Vergleich („Hier ist es alles sehr anders“) stecken zu bleiben und mögliche Synergien und Kooperationsmöglichkeiten zur Verbesserung der Bedingungen von Jugendpartizipation in allen Ländern und der EU insgesamt herauszufinden. Auch vor dem Hintergrund Ihrer Erfahrung der Zusammenarbeit Ihres Institutes MACRO mit internationalen Partnern: Welche Chancen stecken in dieser Art des Peer-Learnings? Wo sehen Sie Stolpersteine?

Internationale Zusammenarbeit kann viel dazu beitragen, die eigenen politischen Instrumente weiter zu entwickeln. Wir vergleichen uns heute zum Beispiel sehr häufig im Rahmen der OECD, der Israel 2010 beigetreten ist. Wir lernen in der Kooperation, Methoden einzuführen, die in anderen Ländern erfolgreich waren, z.B. das duale Berufsausbildungssystem aus Deutschland, das derzeit bei uns stark diskutiert wird. Der Arbeitsmarkt hat einen Bedarf an Fachkräften die nicht da sind, weil das System das Ausbildungssystem nicht anpasst. Und da sind Jugendliche und junge Menschen, die nach neuen Chancen außerhalb des akademischen Systems suchen. Und das ist nur ein Beispiel. Andere Beispiele sind Formen des sozialen Dialoges, z.B. haben wir einen Rat für sozialen Dialog in Israel, der auch durch die EU gefördert wird und in der die Sozialpartner und die Regierung z.B. über die Zukunft des Arbeitsmarktes und qualitatives Wachstum miteinander einen Dialog führen. So werden Inspirationen aufgenommen, die durch die internationale Kooperation in die israelischen Debatten eingeführt wurden. Mit den nötigen Veränderungen, um zur israelischen Realität zu passen. Es gibt, z.B. durch die historische Gewerkschaftsbewegung Hisdratut eine Basis, die an die veränderten Herausforderungen heute angepasst werden muss. Wir werden durch die Kooperation inspiriert, Dinge in den Griff zu nehmen um bessere Chancen für Jugendliche zu schaffen, Einkommensunterschiede zu überwinden und einen effizienteren Arbeitsmarkt zu schaffen.

Herr Dr. Nathanson, wir danken Ihnen für das Gespräch!

(JUGEND für Europa - Service- und Transferstelle EU-Jugendstrategie)

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