Die EU-Kommission sieht Jugendarbeit als Ort für unternehmerisches Lernen

Es gab schon bessere Perspektiven für die Jugend. Zumindest was die Einstiegschancen in den Arbeitsmarkt betrifft. Um dem entgegenzuwirken, hat die EU-Kommission zahlreiche Maßnahmen ins Leben gerufen. Unter anderem möchte sie die Entwicklung der unternehmerischen Kompetenz junger Europäer fördern und legte dazu eine Studie vor.

Zwischen 2008 und 2013 ist die Jugendarbeitslosigkeit in der EU um 40% gestiegen. 2016 waren 18,7% der Erwerbspersonen zwischen 15 und 24 arbeitslos. Die Situation hat sich zwar seit 2013 gebessert, doch die Quote bleibt erschreckend hoch. Auch gibt es mit 10,7% frühzeitiger Schul- und Ausbildungsabgänger immer noch zu viele junge Europäer ohne Abschluss und mit erschwertem Einstieg in den Arbeitsmarkt. Das hat Folgen auf unsere Gesellschaft, denn der Zugang und das Zugehörigkeitsgefühl meist über eine Beschäftigung bzw. über die Ausbildung definiert werden.

Seit der Finanz- und Wirtschaftskrise hat die EU-Kommission Ziele vorgegeben, unter anderem mit der Strategie Europa 2020, und einige Maßnahmen und Programme ins Leben gerufen um der Jugendarbeitslosigkeit und der damit verbundenen Ausgliederung entgegen zu wirken. Viele davon betreffen die formale Bildung. Darüber hinaus verfolgt die Kommission seit 2006 den Ansatz die unternehmerische Kompetenz der Europäer zu entwickeln und zu fördern. Unternehmerisches Lernen findet nicht nur in der formalen Bildung statt, so der Ansatz der Kommission, sondern auch in non-formaler und informeller Bildung, also auch in der Jugendarbeit. Ob dies den Tatsachen entspricht, untersuchte eine europäische Studie, deren Ergebnisse kürzlich veröffentlicht wurden.

„Unternehmer“ als Unwort in der Jugendarbeit?

Die Studie basiert auf einer Erhebung von Daten über Jugendarbeit und unternehmerisches Lernen in allen EU-Mitgliedstaaten und der Untersuchung bewährter Praktiken. Die Ergebnisse zeigen: Der Begriff „unternehmerisches Lernen“ wird unterschiedlich aufgefasst, bzw. wird von Fachkräften in Jugendarbeit und Jugendhilfe oft zurückgewiesen und für den eigenen Bereich als nicht zutreffend bezeichnet. Dabei sieht die Studie Projekte der Jugendarbeit durchaus als konkrete Möglichkeiten für unternehmerisches Lernen. Dabei betrachtet sie im Rahmen von Jugendarbeit und Jugendhilfe erworbene gesellschaftliche Kompetenzen oder Lernmethoden und -ansätze als Teil der Förderung des Unternehmergeistes, insbesondere bei Projekten, die sektorübergreifend durchgeführt werden. Kompetenzen, die junge Menschen dabei helfen aktive Bürgerinnen und Bürger Europas zu werden, fielen hier durchaus auch unter dem Begriff „unternehmerisch“, so die Studie. Schließlich ginge es darum junge Menschen zu befähigen und dazu zu ermuntern selbst aktiv ihre Zukunft zu gestalten.

Über den Appell an die Jugendarbeiter hinaus sich mit dem Zielbegriff „Unternehmer“ anzufreunden, formulieren die Autoren Empfehlungen für Entscheidungsträger, Aus- und Fortbildungsanbieter und Jugendorganisationen. Es sollten u.a. sektorübergreifende Strategien für die unternehmerische Bildung entwickelt werden, bei denen die Beteiligung von jungen Menschen mit geringeren Chancen besonders berücksichtigt wird. Wohl wissend, dass sie mit ihren Analysen und Vorschlägen, die sich auf die Rolle nicht formalen und informellen Lernens beziehen, auf eher unsicherem Grund wandeln und grundlegende Prinzipien de facto in Frage stellen betonen die Autoren der Studie, dass nicht alle Aktivitäten der Jugendarbeit immer ein messbares Lernergebnis haben könnten oder sollten.

Wider die Verzweckung des Jugendbereichs

Versteht man mit „unternehmerisch“, dass junge Menschen Initiative ergreifen, sich trauen oder sogar kreativ sind, dann könnte man sich durchaus darauf einigen, dass Jugendarbeit den Unternehmergeist junger Menschen fördert. Es geht also weniger darum, dass die Jugendarbeit sich nicht auf den Begriff „unternehmerisches Lernen“ einlassen möchte, sondern dass der Erwerb oder die Förderung dieses Lernens nicht gemessen werden kann oder soll. Hierzu kann es keine Diplome oder Zertifikate geben. Darüber hinaus deutet „unternehmerisches Lernen“ auch auf die Beschäftigungsförderung junger Menschen. Von diesem Punkt an könnte Jugendarbeit als eine Lernmethode oder ein Instrument einer Beschäftigungspolitik betrachtet und behandelt werden. Das Verständnisrahmenwerk der Studie deutet allerdings explizit darauf hin, dass unternehmerische Lernergebnisse zur Senkung der Jugendarbeitslosigkeit beitragen sollten.

Wenn Jugendarbeit und die EU-Jugendprogramme, darunter auch Erasmus + JUGEND IN AKTION, in dieser Weise instrumentalisiert und als Förderer unternehmerischen Lernens betrachtet werden, erscheinen die Sorge und Zurückhaltung der Fachkräfte berechtigt. Jugendarbeit kann und wird sich diese Rolle wohl nicht zuschreiben lassen, denn eine solche aktive inhaltliche und ergebnisorientierte Zielvorgabe verletzt die Grundsätze nicht formalen und informellen Lernens im Jugendbereich zumindest im deutschen Verständnis gravierend.

(JUGEND für Europa)

Weiterführende Informationen

Die Studie in vollständiger Länge finden Sie hier (EN)...

Die deutsche Zusammenfassung der Studie finden Sie hier

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