Demokratisch leben: Jugendpartizipation hat "Luft nach oben"

Jugendliche ticken anders, zumindest, wenn es um Politik geht. Sie favorisieren neue Organisationsformen und Kommunikationswege und haben ein verändertes Verhältnis zur Bürgerrolle und zum Engagement. Dabei sind sie politisch interessiert – wenn man sie nur versteht.

Einmal mehr (siehe NEWS) zeigt das eine von der Londons School of Economics and Political Science erstellte und von der EACEA (Exekutivagentur für Bildung, Audiovisuelles und Kultur) in Auftrag gegebene Studie „Jugendpartizipation im demokratischen Leben“.

Sie erhebt zu Recht den Anspruch, „eine der tiefgehendsten Untersuchungen (zu sein), die je über Jugendpartizipation durchgeführt wurden“ und „einzigartige Informationen zu den Stärken und Schwächen der Partizipation junger Menschen in Europa“ zu liefern“. Sie gibt darüber hinaus Hinweise, wie Jugendbeteiligung quantitativ und qualitativ zu verbessern wäre.

Mittels vielfältiger Erhebungsinstrumente (neben Befragungen auch ein Experiment zum E-Voting und zu Medienkampagnen) wurden sechs Kernthemen untersucht:

  • die Vertretung junger Menschen, insbesondere in Jugendorganisationen,
  • die Beteiligung am politischen Dialog, vor allem am Strukturierten Dialog in der EU,
  • die Wahlbeteiligung,
  • die Partizipation außerhalb von Wahlen, vor allem in freiwilligen Aktivitäten,
  • die Rolle der (neuen) Medien sowie der Zusammenhang von Ausgrenzung und bürgerschaftlicher Beteiligung.

Der Fokus lag auf jungen Menschen im Alter zwischen 13 und 30 Jahren, analog zum Programm JUGEND IN AKTION.

Verkannt? Verkannt!

Ein grundlegendes Problem, das die Studie ausmacht, ist das mangelnde Verständnis für das Denken und Verhalten von Jugendlichen. Junge Menschen selbst fühlen sich keineswegs politikverdrossen oder apathisch. Aber sie glauben, dass die politischen Angebote weder ihren Bedürfnissen, Ideen noch ihrem Idealen von Demokratie entsprechen. Bei Politkern und politischen Partien sehen sie ihre Anliegen nicht gut aufgehoben. Sie wollen nicht nur eine Stimme, sie wollen auch gehört werden.

Sie beklagten sich, dass sie von den erwachsenen Politikerinnen und Politikern nicht ernst genommen würden. Diese Frage hängt für viele Jugendliche eng mit Problemen realer sozialer oder finanzieller Benachteiligung zusammen, aber auch damit, dass viele Politiker ebenso wie die „erwachsene“ Öffentlichkeit die Artikulationsformen Jugendlicher abseits eingetretener Pfade nicht registrieren.

Es gilt also, Wege der Übersetzung zu finden, um die politischen Anliegen junger Menschen als politische zu „dechiffrieren“.  Dafür schlagen die Forscher unter anderem mehr Face-to-Face-Situationen mit Politikern vor, den Einsatz von mehr Jugendrepräsentanten in formalen Politikstrukturen und ein besseres Wissen mehr Aufmerksamkeit und Wertschätzung für jugendliche Kommunikationsformen und Initiativen.

Ähnliches gilt für alles ehrenamtliche Engagement. Zwar führt dies nicht direkt zu einem politischen Bewusstsein, laut Studie aber wohl zu einem Gefühl für Gemeinschaft und Solidarität, letztendlich zu einer politischen Identität und damit zumindest zu mehr Bereitschaft für politisches Engagement. Allerdings braucht jedes Engagement Anerkennung, am besten solches, das die Wirksamkeit des freiwilligen Einsatzes – und damit die Selbstwirksamkeit der Jugendlichen - erfahrbar macht.   

Ein weiterer Faktor für die jugendliche Identitätsentwicklung, durchaus auch im Sinne der Ausbildung eines demokratischen Bewusstseins, sind kostenlose Freiräume, wie sie die Jugendarbeit bietet. Jugendclubs, Treffs oder informelle Gruppen gewähren Gelegenheiten, sich über die eigenen Themen auszutauschen. Das hohe Vertrauen in die dort arbeitenden erwachsenen Personen, das die in der Studie befragten Jugendlichen aussprachen, beugt Ausgrenzungsgefühlen vor und stärkt vor allem benachteiligten Jugendlichen den Rücken.

Mehr Jugendpartizipation

Jugendpartizipation hat Luft nach oben, das ist eine zentrale Schlussfolgerung der Studie. So fordern die Forscher mehr Einbeziehung junger Menschen durch jugendgerechte Debatten, populäre Medienformate, Internetplattformen und andere Beteiligungsformen in Organisationen, auch Jugendorganisationen. Bessere Wahlhilfen (im Sinne von Erklärungen), zum Beispiel als App fürs Handy, oder die Herabsetzung des Wahlalters auf unter 18 Jahre bei nationalen und EU-Wahlen gehören ebenfalls zu den Vorschlägen.

Die Studie legt außerdem nahe, dass es eine ungute Kluft zwischen Jugendorganisationen auf nationaler und europäischer Ebene sowie auf lokaler oder regionaler Ebene gibt. Während die einen über mehr Einfluss und mehr Geld verfügen, dafür aber das Image haben, weiter entfernt von den Interessen der Jugendlichen zu agieren, können „Grasswurzel“-Organisationen Jugendliche oft besser erreichen, haben aber weniger Mittel und Macht. Die Forscher empfehlen daher mehr Mittel für lokale und regionale Jugendorganisationen und -initiativen.

Strukturierter Dialog? Unbekannt

Enttäuschend sind die Ergebnisse der Befragungen in Sachen Strukturierter Dialog. 95% der Befragten kannten ihn nicht. Einige von denen, die ihn kannten, waren begeistert und priesen den „SD“ als wahren und gut organisierten Zugang zu jungen Menschen. Andere merkten kritisch an, dass es nicht nur darum gehe, junge Menschen anzuhören, sondern sie auch in den weiteren Politikprozess mit einzubeziehen. Dafür brauche es eine Anerkennung der „großen Bandbreite politischer Aktivitätsformen in Europa und neue innovative Mechanismen, die die verschiedenen und unterschiedlichen Inputs in den formalen Politikprozess einspeisen“.

Wählen ist o.k., aber schnell!

Auch diese Studie zeigt, dass junge Menschen Wahlen keineswegs als unnötig oder wirkungslos betrachten. Für Jugendliche unter wie über 18 Jahre sind Wahlen das wichtigste Beteiligungsinstrument, an das sie genauso glauben wie die Erwachsenengenerationen. Aber: Wahlen werden nicht als das einzige und letzte Instrument angesehen, wenn es um die Beeinflussung des politischen Entscheidungsprozesses geht und auch nicht als Schlüsselindikator für den Zustand einer Demokratie. Außerdem zeigt die Untersuchung, dass zwar das Interesse an Wahlen mit dem Alter steigt, zugleich aber auch der Zynismus gegenüber deren Wirksamkeit und der Glaube an Partizipationsformen jenseits von Wahlen.

Diese Haltung bildet sich offenbar früh aus. Die Forscher fanden heraus, dass diejenigen, die nicht an den ersten zwei Wahlen, zu denen sie berechtigt wären, teilgenommen haben, wahrscheinlicher „habitualisierte Nicht-Wähler“ werden, mit anderen Worten: auch in Zukunft verloren sind. Das ändert sich auch nicht, wenn das Wählen aufs Internet verlegt wird, wie das „E-Voting-Experiment“ der Forscher zeigte. Verwunderlich ist das nicht, konnte doch die Studie an mehreren anderen Stellen zeigen, dass es den Jugendlichen darum geht, inhaltlich besser adressiert zu werden. Da hilft auch keine Technik.

Wer ist benachteiligt?

Der Umgang mit Medien, Unterstützung bei der Meinungs- und Urteilsbildung und die Begegnung mit unterschiedlichen Interessensgruppen sind die Hauptpunkte, wenn es darum geht, benachteiligten Jugendlichen den Zugang zur Politik zu erleichtern. Alle befragten Expertinnen und Experten plädieren dafür, neue und soziale Medien komplementär in der Arbeit mit und für die Information von Jugendlichen zu nutzen. Produktionen, die einiges auf die Gruppe der 14- bis 19-Jährigen zielen, Online-Plattformen und vor allem einen besseren Zugang zum Netz verlangen sie vor allem für benachteiligte Jugendliche. Hier sollte auch Medienbildung ansetzen, wobei zu beachten ist, dass Jugendlichen schon selbst sehr kritisch sind – nur wenige trauen den einschlägigen Medien, wenn es um politische Berichterstattung geht.

Aber offenbar geht nichts über Partizipation und politische Bildung „live“, mit anderen, in gemischten (Interessens-)Gruppen und mit unterstützenden Erwachsenen. Daher ist eine Forderung der Forscher, diejenigen Betreuer, Jugendarbeiter und Lehrkräfte finanziell und durch Qualifizierung zu unterstützen, „die in das Potenzial verschiedener Gruppen und Kategorien ‘ausgegrenzter‘ junger Menschen vertrauen, ihren Beitrag als Bürgerinnen und Bürger zu leisten“.

Eigentlich, so einer der Schlusssätze der Studie, braucht es wenig, um junge Menschen einzubeziehen, ihren demokratischen Willen zu verstehen und ihre Partizipation zu erhöhen, denn „die Bereitschaft, sich zu beteiligen und das Gefühl von Wirksamkeit resultiert aus dem Gefühl, dazuzugehören.“ Eigentlich.

(JUGEND für Europa)

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