"Das Wichtigste wäre, dass alle beteiligten Stellen den Wert der Internationalen Jugendarbeit sehen." – Jugendsozialarbeit macht mobil

‚Jugendsozialarbeit macht mobil‘ heißt die Teilinitiative von JiVE, mit der auch der Kooperationsverbund Jugendsozialarbeit dazu beiträgt, dass sozial benachteiligte Jugendliche und junge Erwachsene an internationaler Arbeit partizipieren. Damit dies gelingt, müssen die Bedingungen Internationaler Jugendarbeit auf die Bedarfe und Lebenssituationen der Jugendlichen im Bereich der Jugendsozialarbeit angepasst werden.Gleichzeitig gilt es, die Fachkräfte zu qualifizieren und Angebote attraktiver, erreichbarer und passender zu machen.

Dafür führen vier der Organisationen im Kooperationsverbund Jugendsozialarbeit – die AWO, die BAG EJSA, die BAG ÖRT und der IB  – über 24 Monate jeweils eine prozessorientierte ‚Entwicklungswerkstatt‘ mit mehreren Workshops durch. 

Daniela Keess, Referentin für internationale Zusammenarbeit beim Internationalen Bund (IB), einem freien Träger der Jugend-, Sozial und –Bildungsarbeit, ist einer der vier Partner in der JiVE-Teilinitiative ‚Jugendsozialarbeit macht mobil‘. JUGEND für Europa fragte sie auf dem Fachkolloquium im Juni nach den Ambitionen der Jugendsozialarbeit.

JfE: Frau Keess, was machen Sie in der Teilinitiative ‚Jugendsozialarbeit macht mobil‘?

Keess: In dieser JiVE-Initiative sind vier bundeszentrale Akteure aktiv,  die jeweils eine thematische Entwicklungswerkstatt durchführen. Der IB ist verantwortlich für die Entwicklungswerkstatt ‚Methoden und Formate der internationalen Jugendarbeit für benachteiligte Zielgruppen‘. 

 JfE: Was hat man sich darunter vorzustellen?

Keess: Es treffen sich Fachkräfte über insgesamt zwei Jahre, erarbeiten neue Formate und Methoden und machen Empfehlungen dazu, wie Internationaler Jugendarbeit für benachteiligte Zielgruppen gestaltet werden sollte. Am Ende sollen die Ergebnisse aus allen vier Entwicklungswerkstätten zusammengebunden werden.

JfE: Was haben Sie bisher erarbeitet?

Keess: In einer Kick-off-Veranstaltung mit Fachkräften der Jugendsozialarbeit haben wir die drängendsten Themen definiert und unser weiteres Vorgehen abgestimmt. Dann hatten wir Anfang des Jahres ein Treffen mit Fachkräften, wo es um die besonderen Herausforderungen der Internationalen Jugendarbeit und deren Verankerung in Maßnahmen der Jugendsozialarbeit ging.

JfE: Welches sind denn die besonderen Herausforderungen für die Jugendsozialarbeit?

Keess: Da wäre zunächst der Kontakt zur Zielgruppe zu nennen. Es geht darum, Ängste zu zerstreuen und Vertrauen aufzubauen, um die Jugendlichen zu einer Teilnahme zu bewegen. Das passiert langfristig in einem sehr engen Vertrauensverhältnis, mit einer engmaschigen Vorbereitung, die sicherstellt, dass die Jugendlichen am Tag der Abreise auch erscheinen. Dafür sollte man auch mit den Eltern zusammenarbeiten. Denn auch für sie ist der Gedanke, dass der Jugendliche ‚allein‘, das heißt auch in einer Gruppe, ins Ausland geht, beängstigend. Des Weiteren müssen beispielweise Sprachbarrieren thematisiert und gemildert werden.

JfE: Welche strukturellen Hindernisse gibt es?

Keess: Die meisten der Formate, die im Moment existieren, sind für die Jugendsozialarbeit sehr schwer umzusetzen. Beispielsweise berücksichtigen die entsprechenden Förderprogramme bei Jugendbegegnungen die eben von mir erwähnte aufwändige Vorbereitungszeit nicht. Wenn eine Fachkraft die Jugendlichen begleitet, braucht der Träger eine Vertretungsregelung. Viele Arbeitnehmer in der Jugendsozialarbeit haben nur Teil-Verträge. Wenn die eine Woche mit den Jugendlichen irgendwo hinfahren, können sie das in ihrer begrenzten Stundenzahl gar nicht leisten und opfern oft ihre Freizeit. Auch für die Jugendlichen gibt es mehr als nur mentale Hürden.

JfE: Welche zum Beispiel?

Keess: Wenn die Jugendlichen in Maßnahmen der Berufsvorbereitung oder der beruflichen Ausbildung eingebunden oder arbeitssuchend gemeldet sind, ist es oftmals schwer, sie freizustellen. Vielfach muss man mit verschiedenen Akteuren Kontakt aufnehmen und auch Überzeugungsarbeit leisten. Das erfordert schon sehr viel Kooperationsbereitschaft aller Akteure vor Ort und auch sehr viel Erfahrung der Fachkräfte.

JfE: Wo liegen die Probleme?

Keess: Ein klassisches Beispiel in dem Feld ist die Zusammenarbeit mit der Bundesagentur für Arbeit und den Jobcentern. Das ist regional sehr verschieden. In manchen Regionen wird begrüßt, wenn Jugendliche an einer internationalen Maßnahme teilnehmen. In anderen Regionen ist es dann wieder ein absolutes Tabuthema. Oftmals hängt es an dem einzelnen Sachbearbeiter. Diese sehen den Wert des Austausches nicht ein, das passt nicht in die bürokratischen Strukturen.

JfE: Welchen Gewinn haben denn die Jugendlichen von Maßnahmen Internationaler Jugendarbeit?

Keess: Die Ergebnisse, die die wissenschaftliche Forschung in diesem Bereich jüngst gebracht hat, entsprechen genau den Erfahrungen der Praktiker. Beispielweise haben wir eine berufsbezogene Maßnahme in Russland durchgeführt. Die Jugendlichen, die daran teilgenommen haben, waren nach der Maßnahme alle vermittelbar. Als sie nach ihrer Rückkehr ihre Ergebnisse vor ihren Praktikumsbetrieben und beteiligten Behörden präsentierten, konnte man sehen, welches Knowhow und Selbstvertrauen sie gewonnen haben. Ganz offensichtlich wird es bei Jugendlichen mit Migrationshintergrund, die dann ihre Sprachkenntnisse anwenden können. Betreuer spiegeln auch zurück, dass die Jugendlichen vor allem in sozial gemischten Gruppen ihre Kompetenzen anwenden können und schätzen lernen. Da musste eine Gruppe von angehenden Maurern mit Studierenden in einem Work-Camp etwas bauen. Und natürlich konnten die sogenannten ‚benachteiligten‘ Jugendlichen das viel besser als die Studenten.

JfE: Auf dieser Tagung wurde angekündigt, dass strukturelle, rechtliche oder organisatorische Hindernisse aus dem Weg geräumt werden sollen. Was müsste sich verändern, damit sich die Jugendsozialarbeit noch mehr an der internationalen Jugendarbeit beteiligen kann?

Keess: Das Wichtigste wäre, dass alle beteiligten Stellen den Wert der Internationalen Jugendarbeit sehen und nicht zusätzlich Stolpersteine in den Weg legen. Und man muss die Förderstrukturen an die Anforderungen der Jugendsozialarbeit anpassen. Wichtig wäre auch eine Verstetigung von internationalen Maßnahmen, dass diese zum Beispiel nicht jedes Jahr aufs Neue beantragt werden muss, dass es Kontinuität und Planungssicherheit gibt und dass solche Maßnahmen in die tägliche Arbeit eingebaut werden können. Unsere Entwicklungswerkstatt zielt auch darauf ab, hierfür Vorschläge zu unterbreiten.

JfE: Wie hat Ihnen das Fachkolloquium gefallen?

Keess: Ich finde es sehr hilfreich, dass mit JiVE verschiedene Zielgruppen und Fachkreise angesprochen werden. Die zentrale Frage hier, wie für benachteiligte oder gehandicapte Jugendliche mit und in einer internationalen Maßnahme Räume geschaffen werden können, sich selbst auszuprobieren, auch Verantwortung zu übernehmen, betrifft auch andere pädagogische Felder, nicht nur die Jugendsozialarbeit. Die Mischung war gut und ich fand, das hat man durch die Bank gemerkt.

(Das Interview führte Dr. Helle Becker im Auftrag von JUGEND für Europa)

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