Interview vom 30.10.2009Partizipation Jugendlicher

"Da ist von Partizipation nicht die Rede"

Interview mit Prof. Dr. Christian Reutlinger, Fachhochschule St. Gallen, Schweiz.

via JfE - Das Interview führte Dr. Helle Becker

JfE: Herrn Prof. Reutlinger, welches Partizipationsverständnis für Jugendliche hat man in der Schweiz?

Prof. Dr. Christian Reutlinger : Das kommt darauf an, wen man in der Schweiz fragt. Wir haben ja verschiedene politische Ebenen: die nationale Ebene, die kantonale Ebene und die kommunale Ebene. Die Schwierigkeit ist, dass es auf nationaler Ebene bisher keine Kinder- und Jugendpolitik gibt. Es gibt auch kein Ministerium, das sich Kinder- und Jugendpolitik auf die Fahne geschrieben hätte. Erst seit 2008 gibt es jetzt als Reaktion auf Forderungen der Jugendverbände eine gesetzliche Grundlage für Kinder- und Jugendpolitik.

Anders ist das auf kantonaler Ebene. Es gibt viele Kantone, die in diese Richtung schon relativ viel getan haben. Sie haben beispielsweise konzeptionelle Grundlagen für die Gemeinden ausgearbeitet, bei denen es darum geht, Jugendliche auf Gemeindeebene durch verschiedene Gremien zu beteiligen. Es sind hauptsächlich Jugendparlamente und Jugendhearings, mit denen Jugendliche sich beteiligen sollen. Die Intention ist klar: Jugendliche sollen lernen, analog zu den politischen Strukturen zu agieren. Das ist aber ein ganz anderes Partizipations-Verständnis als das der Träger der offenen Kinder und Jugendarbeit. Die versuchen, Kinder und Jugendliche als Querschnittsprinzip an allen sie betreffenden Prozessen zu beteiligen. In diesem Feld ist in den letzten Jahren am meisten geschehen. Man hat Tools erarbeitet, mit denen Beteiligungsmöglichkeiten geschaffen werden können - sowohl in Schulen, wie in Familien oder bei Freizeitaktivitäten.

JfE: Höre ich ein bisschen Kritik an den institutionalisierten Formen heraus, die Sie genannt haben?

Prof. Dr. Christian Reutlinger : Ich bin Sozialgeograf und aus meiner raumtheoretischen Sicht übe ich sehr wohl Kritik daran, dass man davon ausgeht, man könne irgendwo ein "Partizipationsfenster" öffnen, und Leute sollen sich nach bestimmten Formen genauso dann beteiligen. Davon muss man meiner Meinung nach wegkommen. Ich würde da im Prinzip sehr genau gucken, was sind das eigentlich für Aktivitäten, was sind das überhaupt für Themen, die in Jugendparlamenten Platz haben, und was beschäftigt eigentlich die Jugendlichen? Deren ganzes Engagement wird in solchen "Fenstern" gar nicht sichtbar.

JfE: Sie haben in Ihrem Vortrag gesagt, Partizipation braucht "Ermöglichungsräume". Was haben sie damit gemeint?

Prof. Dr. Christian Reutlinger : Partizipation muss man lernen und das heißt, Partizipation sollte kein Spiel sein. Man sollte eine reflexive Haltung einnehmen und bestimmen, in welchem Kontext, in welcher Situation überhaupt Möglichkeiten zur Partizipation stecken. Und genau diese Möglichkeiten muss man dann zum Thema machen. Auf keinen Fall sollte man so tun, als wenn es irgendwie einen machtfreien Raum gäbe, in dem man `ganz viel´ machen könnte. Die Raumbedingungen müssen schon klar deklariert sein. Wenn Partizipation nur in gesonderten `Fenstern´ oder in Programmen passiert, besteht immer die Gefahr, dass man eigentlich schon weiß, was hinten rauskommen soll.

JfE: Gibt es eine öffentliche Diskussion in der Schweiz über solche Fragen?

Prof. Dr. Christian Reutlinger : Im Moment gibt es eine starke mediale Diskussion über Jugendliche im öffentlichen Raum, über öffentliche Trinkgelage, so genannte Botellónes, über Jugendgewalt, also Extremphänomene. Da ist von Partizipation nicht die Rede, sondern vielmehr von Repression. Auch der so genannte Schattenbericht zur UN-Kinderkonvention stellt der Schweiz ein ziemlich schlechtes Zeugnis aus. Wenn es um Kinder- und Jugendhilfe, Hilfen zur Erziehung, geht, kommen Kinder überhaupt nicht vor. Und in Fragen der Beteilung von Kinder und Jugendlichen in politischen, demokratischen Prozessen wird eben auf die Einrichtung eines Jugendparlaments verwiesen. Ansonsten gibt es eine Kinderlobby, der Verein Pro Juventute oder der Dachverband der Offenen Jugendarbeit, die versuchen, auf nationaler Ebene den Partizipationsgedanken einzubringen.

JfE: Seit einem Jahr gibt es eine gesetzliche Grundlage für eine definierte Kinder- und Jugendpolitik in der Schweiz. Was tut sich daran zurzeit?

Prof. Dr. Christian Reutlinger : Das dauert in der Schweiz ziemlich lange. Die gesetzliche Grundlage ist durch auf Grund von vier Motionen zwischen 2000 bis 2007 zustande gekommen. [Mit einer Motion verlangt ein Parlamentsmitglied von der Regierung, dass diese ein Gesetz oder einen Bundesbeschluss ausarbeitet oder eine bestimmte Maßnahme ergreift; Die Redaktion]. Es hat also verschiedene Anläufe gebraucht. Insofern ist schon ein großer Schritt geschehen. Und ich nehme an, dass jetzt vielleicht eine Kommission gegründet wird, dass man nun anfängt zu diskutieren. Aber bis es wirklich umgesetzt wird, wird es wahrscheinlich noch einige Jahre dauern.

Lesen Sie dazu: Kritische Stellungnahme von Thomas Vollmer (Projektleiter Jugendschutz im BSV) zum Interview mit Prof. Reutlinger