Bundespolitische Jugendstrategie meets Europe

Politik für, mit und von Jugend – unter diesem Titel wurde die bundespolitischen Jugendstrategie „Handeln für eine jugendgerechte Gesellschaft“ (2015-2018) mit einer Bilanzkonferenz vom 24. und 25 September 2018 im Umweltforum Berlin abgeschlossen. Die Koordinierungsstelle „Handeln für eine jugendgerechte Gesellschaft“ und das BMFSFJ hatten die Gestaltungspartner der Jugendstrategie zur Bilanzkonferenz eingeladen. Die Bedeutung der EU-Jugendstrategie für die deutsche Jugendarbeit kam mehrfach zur Sprache.

Forum „Die neue EU-Jugendstrategie“ der Konferenz „Politik für, mit und von Jugend“ am 25. September 2018 in der Neuen Mälzerei Berlin. © Arbeitsgemeinschaft für Kinder- und Jugendhilfe – AGJ, Fotograf: Andi Weiland

Die Koordinierungsstelle „Handeln für eine jugendgerechte Gesellschaft“ und das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) hatten die Gestaltungspartner der Jugendstrategie zur Bilanzkonferenz eingeladen, um die Erkenntnisse nach drei Jahren intensiver Arbeit noch einmal weiterzuentwickeln. Zudem wurden Beispiele guter Praxis, wie z. B. die 16 jugendgerechten Referenzkommunen, von der Parlamentarischen Staatssekretärin bei der Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, Caren Marks, im Rahmen eines jugendpolitischen Abends geehrt.

Die Bundesjugendministerin, Dr. Franziska Giffey, unterstrich durch ihre Präsenz und auch inhaltlich die Bedeutung der Jugendarbeit. Sie bestätigte, dass das BMFSFJ Jugend als eine eigenständige Lebensphase der 13 Millionen jungen Menschen zwischen 13 und 27 Jahren anerkennt und Jugendbelange in alle anderen involvierten Politikressorts bringen möchte. Giffey hat aus diesem Grund die Einrichtung eines Interministeriellen Ausschusses (IMA) zum Thema Jugend angekündigt und in Aussicht gestellt, für 2019 einen Kabinettsbeschluss anregen zu wollen.

Auch auf der europäischen Ebene, in der EU-Jugendstrategie, geht eine aktuelle Phase (2010-2018) zu Ende. Alle Länder der EU hatten sich darauf geeinigt, bis 2018 die Situation junger Menschen entscheidend zu verbessern. In den Anfangsjahren bewegte die intensive Diskussion über die EU-Jugendstrategie einzelne Mitgliedsstaaten auch dazu, ihre nationale Strategien zu überdenken und, wo es keine gab, überhaupt erst Jugendstrategien aufzubauen.

Europa auf allen Ebenen vertreten

Im Rahmen der ausgebuchten Bilanzkonferenz in Berlin kam die Bedeutung der EU-Jugendstrategie für die deutschen Jugendarbeit mehrfach zur Sprache und war auch im Programm verankert mit einem von der Servicestelle EU-Jugendstrategie organisierten „Forum 7: Jung und europäisch – Die neue EU-Jugendstrategie“ sowie einem Einblick in die jugendpolitischen Pläne der aktuellen österreichischen Ratspräsidentschaft der EU.

Die Gestaltung der nächsten Phase der EU-Jugendstrategie ab 2019 ist bereits seit dem Vorschlag der Europäischen Kommission zu einer erneuerten EU-Jugendstrategie vom 22. Mai 2018 (siehe NEWS) eingeläutet. Der Vorschlag bündelt verschiedene Zielsetzungen der zukünftigen EU-Jugendstrategie in den Aktionsfeldern „engage, connect, empower“ (Beteiligung, Begegnung und Befähigung). Junge Menschen sollen befähigt werden, ihr Leben selbst zu gestalten und sie sollen mit Kompetenzen ausgestatten werden, die es ihnen ermöglichen, sich in einer sich verändernden Welt zu behaupten. Die EU-Jugendstrategie will sie ermutigen, aktive Bürger zu werden, solidarisch zu handeln und positive Veränderungen in ihren Lebenswelten zu gestalten. All das inspiriert durch europäische Werte und eine europäische Identität. Junge Menschen sollen vor sozialer Ausgrenzung bewahrt und besser in den Dialog eingebunden werden, um so Politikentscheidungen jugendgerechter zu gestalten.

Wie sich die zukünftige EU-Jugendstrategie konkret gestaltet, wird im Moment durch Österreich koordiniert, das noch bis Ende 2018 die Europäische Ratspräsidentschaft innehat und im Dialog mit den Mitgliedstaaten eine gemeinsame Position gestaltet. Auf der Bilanzkonferenz in Berlin hatte der Abteilungsleiter „Europäische und internationale Familien- und Jugendpolitik“ im Bundeskanzleramt Österreich, Andreas Schneider, den Prozess skizziert.

Forum 7: Jung und europäisch – Die neue EU-Jugendstrategie

Forum „Die neue EU-Jugendstrategie“ der Konferenz „Politik für, mit und von Jugend“ am 25. September 2018 in der Neuen Mälzerei Berlin. © Arbeitsgemeinschaft für Kinder- und Jugendhilfe – AGJ, Fotograf: Andi Weiland
(Bilder: Forum „Die neue EU-Jugendstrategie“ der Konferenz „Politik für, mit und von Jugend“ am 25. September 2018 in der Neuen Mälzerei Berlin. © Arbeitsgemeinschaft für Kinder- und Jugendhilfe – AGJ, Fotograf: Andi Weiland)

Ulrike Wisser und Barbara Schmidt von der Servicestelle EU-Jugendstrategie bei JUGEND für Europa, erläuterten den Vorschlag der EU-Kommission im „Forum 7: Jung und europäisch – Die neue EU-Jugendstrategie“ und stellten dabei die Sicht von jungen Menschen in den Vordergrund. Nach einer kurzen Einführung schilderten Pascal Goddemeier, EuroPeers, Theresa Streib, Jugenddelegierte für die EU-Jugendkonferenz und DNK-Außenvertreter/innen-Team, und Justus Vogt, Deutsch-Polnische Jugendagora, ihre persönlichen Erfahrungen mit Beteiligung, Begegnung und Befähigung im Programm Erasmus+ JUGEND IN AKTION und der EU-Jugendstrategie eindrücklich. Im Anschluss diskutierten die Jugendlichen in drei World Café-Workshops mit Fachkräften wie Dr. Frederike Hofmann-van de Poll, Deutsches Jugendinstitut, Ute Karger, Thüringer Ministerium für Bildung, Jugend und Sport, Hans-Georg Wicke, Leiter von JUGEND für Europa, und Konferenzteilnehmern und –teilnehmerinnen. Abschließend gab der Referatsleiter des Referats 504 (Europäische und internationale Jugendpolitik) des Bundesjugendministeriums, Uwe Finke-Timpe, ein kurzes Resonanzstatement.

Stimmen aus dem World Café

Aktionsfeld „Beteiligung“ im Vorschlag der EU-Kommission

Der Vorschlag der Kommission verspricht sich viel vom Aktionsfeld Beteiligung („engage“), die für die Stärkung der Teilhabe junger Menschen am demokratischen Miteinander stehen soll. Die EU-Jugendstrategie soll beispielsweise dazu beitragen:

  • einen neuen EU-Jugenddialog aufzubauen, in dem junge Menschen mit unterschiedlichem Hintergrund zu politischen Entscheidungen auf EU-Ebene Stellung nehmen
  • den Zugang zu hochwertigen, von vertrauenswürdigen Quellen validierten Informationen als Voraussetzung für demokratisches Handeln zu stärken
  • den Dialog und partizipative Formen und Formate auf allen Ebenen der Entscheidungsfindung (kommunal, regional, national, etc.) zu verbessern
  • das soziale und bürgerschaftliche Engagement junger Menschen zu fördern, wie auch die Beteiligung an Jugendorganisationen oder Online-Aktionen
  • und Motivation und Kompetenz für Beteiligung bei jungen Menschen zu stärken.

Kommentare von Teilnehmenden

Die Voraussetzung von Beteiligung ist das Bewusstsein für Politik und politische Prozesse. Dieses Bewusstsein muss in der Schule gestärkt werden. Auch Europa muss frühzeitig und horizontal in den Schulunterricht eingebunden werden. Schule ist, als Akteur und Ort, ein wichtiger Partner für die Zusammenarbeit mit der Jugendarbeit. Und Schule bietet weitereichende Möglichkeiten, Beteiligung und Mitwirkung zu vermitteln und zu praktizieren. Vor allem aber ist Schule ein Ort, wo alle sind. Auch die, die keine guten Schüler und Schülerinnen sind, und die, die nicht über die Jugendarbeit erreichbar sind. Darüber hinaus sind Zugang zu Information und Multiplikatoren wichtige Stichpunkte. Information zu Europa muss jugendgerecht und für junge Menschen zugänglich sein. Auch muss Beteiligung an Europa von unten her stattfinden und ermöglicht werden. Für die Gewährleistung von Beteiligung von unten bis zur europäischen Ebene ist Begleitung junger Menschen in den Prozessen notwendig. Und dies geschieht entweder in der Schule oder in der Jugendarbeit und in den Jugendorganisationen. Im World-Café wurde auch gesagt, dass der Strukturierte Dialog in Deutschland weitergeführt werden sollte und dass es im europäischen Kontext sinnvoll ist, Beteiligung grenzüberschreitend und europäisch zu gestalten.

Aktionsfeld „Begegnung“ im Vorschlag der EU-Kommission

Die Europäische Kommission möchte mit dem Aktionsfeld Begegnung („connect“) ermöglichen, dass Jugendbegegnungen in der gesamten EU, und darüber hinaus, stattfinden und so freiwilliges Engagement, Lernmobilität, Solidarität und interkulturelles Verständnis bei jungen Menschen zu gefördert wird:

  • Die Beteiligung junger Menschen – besonders auch benachteiligter Personen – an grenzüberschreitenden Maßnahmen, wie Jugendbegegnungen, Freiwilligenaktivitäten, etc. soll erhöht werden. National geht es darum, das solidarische und ehrenamtliche Engagement junger Menschen zu stärken und auch insbesondere die Anerkennung – durch die Gesellschaft, durch das Umfeld und durch Arbeitgeber oder Ausbildung – dieses Engagements zu fördern.

Kommentare von Teilnehmenden

Europa muss erlebbar und erfahrbar gemacht werden, in Deutschland wie im restlichen Europa. Das Lebensumfeld Europa wird aktuell nicht wahrgenommen, sondern das Umfeld Deutschland. Diesen Eindruck teilten auch Konferenzteilnehmer, die selbst zivilgesellschaftlich für Europa aktiv sind. Auch europapolitische Bildung sollte stärker gefördert werden, nicht nur auf EU-Ebene, sondern gerade auch regional, kommunal und national. Es fehlt nicht an Angeboten für junge Menschen, sondern an Zugangsvoraussetzungen, zu denen auch die Motivation gehört. Die EU-Jugendstrategie sollte einen Rahmen bieten, um diverse Gruppen junger Menschen für das Thema zu erreichen. In der Umsetzung muss dieser Rahmen von der Jugendarbeit, aber auch von Schule abgesichert werden, wie z. B. durch die Etablierung von Europa im Lehrplan und als Thema in der täglichen Jugendarbeit und Aufnahme von Modellen aus der europäischen Förderung in die Regelarbeit. Fachkräfte und das Personal in der Jugendhilfe sind wichtige Vermittler.

Aktionsfeld „Befähigung“ im Vorschlag der EU-Kommission

Das Aktionsfeld Befähigung („empower“) konzentriert sich laut Vorschlag der Kommission auf die Stärkung der Persönlichkeit und den Erwerb von Fähigkeiten und Kompetenzen durch Angebote der Jugendarbeit. Die Qualität, Innovation und Anerkennung von Jugendarbeit steht hier im Mittelpunkt:

  • Die EU-Jugendstrategie soll dazu beitragen, die Jugendarbeit zu stärken und die Akteure dabei zu unterstützen, ihre Angebote, Methoden und die Qualität so weiterzuentwickeln, dass diese den aktuellen und zukünftigen Lebensumständen und Bedürfnissen junger Menschen entsprechen. Jugendarbeit soll ebenso dahingehend unterstützt werden, mit ihren Angeboten besonders schutzbedürftige und sozial benachteiligte Jugendliche zu erreichen.

Kommentare von Teilnehmenden

Jugendarbeit sollte befähigen und muss dafür verschiedene Gruppen junger Menschen erreichen. Dabei ist die Jugend in seiner Diversität und Unterschiedlichkeit zu berücksichtigen. Auch junge Menschen jenseits vom Schulabschluss kann man erreichen, etwa durch zielgruppenbezogene Ansprache, Finanzierung, Unterstützung und Barrierefreiheit. Ferner sollte man Jugendliche und junge Erwachsene als Mitgestalter verstehen und anerkennen. In diesem World-Café wurde aber auch dazu angeregt, Ziele und Anliegen des Aktionsbereiches Befähigung („empower“) weiter zu klären. Es sollte festgestellt werden, was in der Jugendarbeit genau benötigt wird, welche Unterstützung und Weiterentwicklung, um den Aspekt der Befähigung für die unterschiedlichen Gruppen junger Menschen zu stärken.

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Zur künftigen gemeinsamen Jugendstrategie der Bundesregierung veröffentlichte das Bundesjugendministerium eine Pressemitteilung.

(JUGEND für Europa)

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