Bildung soll's richten: Wie deutsche Fachkräfte die jugendpolitische Zusammenarbeit in Europa sehen

Ergebnisse der Online-Umfrage unter Fachkräften der Jugendarbeit liegen vor.

via Jugend für Europa

Nicht nur die Behörden, Verbände und Institute sollten im Rahmen der Konsultation zur jugendpolitischen Zusammenarbeit ihre Meinung äußern können. Vor diesem Hintergrund hatte das BMFSFJ im Sommer eine Online-Befragung angeregt. Das Koordinierungsbüro Europäische Jugendpolitik des Instituts für Sozialarbeit und Sozialpädagogik (ISS) entwarf dazu den Fragebogen, mit dem sich Fachkräfte der Jugendarbeit (anonym) beteiligen und die bisherige Kooperation und die eingesetzten Instrumente bewerten sowie Vorschläge für die Weiterarbeit in den Mitgliedstaaten ab 2009 machen konnten. Die Fragen waren angelehnt an den offiziellen Fragebogen der EU-Kommission.

141 Personen/Fachkräfte beteiligten sich an der Umfrage. Die jüngste Person war 18 Jahre, die älteste 68 Jahre. Die große Mehrheit (73%) ist berufstätig, eine Minderheit (20%) studiert oder besucht die Schule. Bis auf eine Minderheit (13%) geben die Umfrageteilnehmer an, dass ihre berufliche bzw. ehrenamtliche Tätigkeit Bezug zur „europäischen Jugendpolitik“ aufweist.

Die Mehrheit der Befragten (65%) meint, dass es mit dem derzeitigen Rahmen Fortschritte in der jugendpolitischen Zusammenarbeit in Europa gegeben hat. Von diesen sehen jedoch 78% lediglich leichte Fortschritte. Einen wirklich überzeugenden Eindruck hat aber keines der drei Hauptinstrumente der Zusammenarbeit - Offene Methode der Zusammenarbeit, Europäischer Jugendpakt, Querschnittspolitik - bei den Fachkräften hinterlassen. Auf die Frage nach ihrer Angemessenheit und Effizienz konzentrierten sich die Antworten auf die Kategorie „teils/teils“ – im Falle der OMK und Jugendpakt mit jeweils 63% und 50% bezüglich der Querschnittspolitik. Letztere wurde am negativsten (nein, nicht angemessen: 28%) bewertet. Dies könnte auf einen eingeschränkten Bekanntheitsgrad der Instrumente hindeuten, aber auch mit der Schwierigkeit zusammen hängen, über keine praktischen Erfahrungen mit ihnen zu verfügen.

Bei der Frage nach den Haupterrungenschaften der Kooperation wird die Unterstützung des Praxisaustausches hervorgehoben. Die Kategorie „Entwicklung eines Rahmens für den Austausch guter Praxis zwischen den Mitgliedstaaten“ erzielte als „Errungenschaft“ der europäischen Zusammenarbeit die besten Werte. Da es aber bislang noch gar keinen etablierten Rahmen des Praxisaustausches für OMK, Pakt oder „Mainstreaming“ gibt, spricht vieles dafür, dass hier die positiven Erfahrungen mit den entsprechenden Angeboten des europäischen Jugendprogramms (JUGEND, aktuell JUGEND in Aktion) das Antwortverhalten beeinflusste. Ähnlich positiv wird auch die Förderung europäischen Bewusstseins durch die europäische Kooperation eingeschätzt, ein gutes Drittel der Antwortenden bejaht dies. Zu einer Verbesserung der Teilhabechancen hat die Zusammenarbeit ihrer Meinung nach jedoch noch nicht geführt.

Nach Auffassung der meisten Befragten spielt die europäische Kooperation in der nationalen Jugendpolitik eine Nebenrolle. Am Ehesten hat sie noch auf Bundesebene Fuß gefasst. Ein Viertel (26%) ist der Meinung, sie spiele dort eine wichtige Rolle. Ganz am Rande würde das Thema auf der Ebene der Bundesländer (7%) rangieren, etwas besser sehe es noch auf lokaler/kommunaler Ebene aus: 12% glauben, die jugendpolitische Zusammenarbeit in Europa spiele dort eine Rolle. Allerdings ist der Anteil derjenigen, die glauben, europäische Jugendpolitik spiele auf kommunaler Ebene gar keine Rolle mit 38% am größten.

Die Wirkung der politischen Instrumente, die Offene Methode der Koordinierung, Europäischer Jugendpakt, Querschnittspolitik, auf die deutsche Jugendpolitik wird von den Fachleuten uneinheitlich eingeschätzt. Während die eine Hälfte der Befragten (52%) allenfalls schwache oder keine Wirkung wahrnimmt, geht die andere Hälfte (48%) mehrheitlich von einer mittleren Wirkung aus.

Die Fachkräfte wurden an zwei Stellen gebeten, diejenigen jugendpolitischen Themen zu kennzeichnen, denen sie eine hohe Bedeutung beimessen. Einmal ging es darum, die wichtigsten sozialen, wirtschaftlichen und politischen Herausforderungen für die junge Generation in den kommenden Jahren zu benennen, die von der Jugendpolitik zu bearbeiten seien. Die zweite Frage richtete den Fokus auf die europäische Jugendpolitik. In beiden Fällen wurde „Bildung“ als herausragendes Thema genannt.

Neun von zehn Befragten (87%) sehen in der Reform des Bildungssystems die wichtigste jugendpolitische Herausforderung. Eine sehr hohe Bedeutung wird auch dem Thema „soziale/berufliche Integration junger Menschen“ (Inklusion) beigemessen, denn acht von zehn Befragten sehen in der „Jugendarbeitslosigkeit / prekären Beschäftigung“ (79%), „Jugendliche mit geringen Startchancen“ (78%) und der „Sozialen Ausgrenzung“ Jugendlicher (77%) zentrale Herausforderungen für die Jugendpolitik. Auch die Themen „Rassismus / Fremdenfeindlichkeit“ (76%); „Migration“ (74%), „Armut“ (73%) und „Ökologie“ (70%) werden von den Fachkräften sehr hoch angesiedelt.

Die zweite Frage lautete: „Welche vorrangigen Themen schlagen Sie für die künftige jugendpolitische Zusammenarbeit in Europa vor?“ Die jugendpolitische Zusammenarbeit in Europa sollte nach Ansicht der Fachkräfte in erster Linie mit dazu beitragen, die Bildungschancen junger Menschen zu verbessern. Drei Viertel der Befragten (74%) setzen sich dafür ein. Mit deutlichem Abstand folgt als zweite Priorität der „interkulturelle Dialog“ (46%) als Handlungsfeld europäischer Jugendpolitik. An dritter Stelle rangiert die Förderung von „Jugendlichen mit geringen Startchancen“ (40%).

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