12. Forum: "Es darf gerne ein bisschen europäischer werden"

Die Umsetzung der EU-Jugendstrategie in Deutschland geht voran. Drei Jahre nach ihrer Einführung stellt sich aber die Frage, wie die Kinder- und Jugendhilfe noch stärker europäisch ausgerichtet werden kann.

Auf dem 12. Forum zu Perspektiven Europäischer Jugendpolitik in Berlin diskutierten am 6. Februar rund 100 Vertreter aus Politik, Wissenschaft und Trägerlandschaft dieses Anliegen. Das Forum ist Teil des Nationalen Dialogs zur Umsetzung der EU-Jugendstrategie und wurde von JUGEND für Europa, dem Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend und der Arbeitsgemeinschaft für Kinder- und Jugendhilfe (AGJ) organisiert.

 Dirk Härdrich machte den Teilnehmenden Mut. „Ob Träger oder Kommunen – das Thema Europa wird von vielen leider immer noch als zusätzliche Belastung verstanden, als etwas, was oben draufkommt“, sagte der Vorsitzende des AGJ-Fachausschusses für Kinder- und Jugend(hilfe)politik in Europa. Man müsse aber deutlich machen, dass es nicht mehr Arbeit wird. Projekte würden vielmehr an einer europäischen Idee neu ausgerichtet und damit qualifiziert. „Wer Europa in der Alltagsarbeit mitdenkt, kommt schon ein gutes Stück weiter.“ Er könne Kollegen jedenfalls nicht verstehen, die Europa als reines Luxusthema betrachteten, so Härdrich. Kritisch kommentierte er die derzeitige Informations- und Förderpraxis. „Wir haben einen Dschungel an Informationen. Viele wissen nicht, wo sie relevantes Wissen abgreifen können. Die Landesjugendämter sollten da hilfreich zu Seite stehen.“

Struktur durch Bund-Länder AG

Als Vertreterin der Bundesländer zog Ute Karger eine positive Bilanz zur bisherigen Umsetzung der EU-Jugendstrategie. Die Mitarbeiterin im Referat „Grundsatzangelegenheiten Jugendhilfe“ des Thüringer Ministeriums für Soziales, Familie und Gesundheit lobte den strukturierten Rahmen durch die Bund-Länder AG. „Es ist aber nicht so, dass die EU-Jugendstrategie 2009 auf ein leeres Land gestoßen ist. Europa gab es auch vorher schon in unserer Arbeit“, so Karger. Bislang seien zwar nicht alle Bundesländer in der Bund-Länder AG aktiv, aber auch dies sei eben Föderalismus. In Thüringen stünden derzeit die Themen Partizipation und der Strukturierte Dialog mit dem Landesjugendring im Vordergrund. Der Fokus liege auf der Europäisierung. Einiges vorgenommen hat sich die Bund-Länder-AG für die Zukunft. „Bei den Themen Übergänge-Beruf und Partizipation haben wir schon viel erreicht, 2013 steht die Anerkennung non-formalen Lernens ganz oben auf der Agenda. Noch ist nicht klar, wann wir zum Ergebnis kommen. Grundsätzlich gilt: Lieber wenige Themen ausführlich behandeln, als alle oberflächlich“, sagte Karger.

Und der Bund

Unterstützung gab es von der Bundesebene. „Europäische Jugendpolitik sollte nicht länger ein Abstraktum aus Brüssel bleiben“, forderte Thomas Thomer, Unterabteilungsleiter im Bundesjugendministerium. Die Zeit für bürokratische Berichtspflichten oder 3-Minuten-Kurzstatements im EU-Jugendrat sei jedenfalls vorbei, so Thomer. Er hoffe, dass sich eine Europäische Jugendstrategie und eine Eigenständige Jugendpolitik gegenseitig Impulse geben könnten.

EU-Jugendbericht: viele Herausforderungen für die Zukunft

Für großes Interesse unter den Teilnehmern sorgte die Vorstellung der Ergebnisse und Schlussfolgerungen des EU-Jugendberichts. Der von Kommission und Rat erstellte Fortschrittsbericht, der sich auf die Jahre 2010 bis 2012 bezieht, ist Grundlage, um die Prioritäten für den nächsten Arbeitszyklus von 2013 bis 2015 festzulegen. Seine Ergebnisse – durchaus überraschend. So habe europaweit die Beteiligung und das Engagement junger Menschen durch die Krise nicht gelitten, erklärte Ulrike Wisser von JUGEND für Europa - Servicestelle für die Umsetzung der EU-Jugendstrategie in Deutschland. Auch die Quote der Schul- und Bildungsaussteiger sei gesunken. Für die nationale Umsetzung gebe es unter anderem folgende Ergebnisse:

  • EU-Jugendstrategie hat nationale Prioritäten verstärkt;
  • EU-Jugendstrategie hat an nationale Strategie und Schwerpunkte angeknüpft;
  • EU-Jugendstrategie hat selten zu neuen Initiativen geführt;
  • Partizipation hat sich als Handlungsfeld mit der größten Dynamik erwiesen;
  • Am wenigsten wurde im Feld „Kultur und Kreativität“ entwickelt;
  • Jugendarbeit hat in einigen der Querschnittsfelder mehr zu bieten als in anderen;
  • Jugendarbeit ist ein wichtiger Anbieter von Möglichkeiten des nicht formalen Lernens.

Analysiert und thematisiert wurden auch die Umsetzungsschwierigkeiten:

  • Politikbereichsübergreifende und interministerielle Zusammenarbeit;
  • Lokale Entscheidungsträger von Europa und Jugend überzeugen;
  • Die Anerkennung des Mehrwerts von nicht formaler Bildung und Jugendarbeit durch andere Politikfelder;
  • Auswirkungen der hohen Jugendarbeitslosigkeit;
  • Auswirkungen der Finanzkrise auf die soziale Lage junger Menschen;
  • Doppelung europäischer und nationaler jugendpolitischer Schwerpunkt.

Wisser machte deutlich, dass in der jugendpolitischen Zusammenarbeit vieles noch besser werden kann bzw. muss. Neben dem Voneinander-Lernen zwischen den Mitgliedsstaaten müsse auch an der Daten- und Informationsgrundlage gearbeitet werden. Zudem sollten die Nationalen Berichte auf die Vergleichbarkeit von Politik- und Programmansätzen hin ausgerichtet sein und – so ja das Zentralthema des 12. Forums – die Wirkungen der europäischen Dimension in der Umsetzung der EU-Jugendstrategie 2013 bis 2015 stärker berücksichtigt werden.

Erfahrungen aus Tschechien und den Niederlanden

Zumindest die Erfahrungen aus Tschechien und den Niederlanden zeigen: Auch andere Länder sind bei der Umsetzung der EU-Jugendstrategie schon gut aufgestellt. Jan Husák zum Beispiel arbeitet beim tschechischen Kinder- und Jugendrat ČRDM. Sein Land hatte gerade erst eine neue Nationale Jugendstrategie verabschiedet und – um es einfacher  zu machen – die Europäische Jugendstrategie dabei einfach als Vorbild genommen. „Wir sind ein kleines Land“, sagt Husák, „da gibt es kaum Doppelzuständigkeiten, also machen wir gleich alles auf europäisch.“

Henny Wibbelink hat als Teammanagerin im Jugendamt der niederländischen 140.000-Einwohner-Stadt ´s-Hertogenbosch wohl viel mehr Freiheiten als manche ihrer deutschen Kollegen. „Wir nutzen die ganzen europäischen Förderprogramme. Europa wird bei uns überall mitgedacht. Wir verstehen uns ein bisschen als Ermutiger für andere Gemeinden. Das geht aber auch nur, weil mir mein Arbeitsvertrag diese Freiheiten lässt. Hätte ich mehr andere bürokratische Aufgaben zu erledigen, könnte ich das vergessen.“

Mehr Europa für die deutsche Kinder- Jugendhilfe – das war auch das Ziel der zweistündigen Workshops, die am Nachmittag des 12. Forums stattfanden. Die Ergebnisse – nachdenkenswert. Einige zentrale Aussagen im Überblick:

  • Beim Strukturierten Dialog auch Politiker auf die Gespräche mit Jugendlichen vorbereiten;
  • Anreize schaffen bei der Qualifizierung von Fachkräften für die europabezogene Arbeit;
  • Transnationale Fortbildungen für Vernetzungsarbeit etablieren;
  • Geduld beim Peer-Learning: auch auf langjährige Prozesse und abstrakte Ergebnisse einlassen;
  • In den Geschäftsverteilungsplänen der Ministerien klare Verantwortlichkeiten für das Thema Europa festschreiben;
  • Übergreifende Projektförderungen zwischen formaler und nicht-formaler Bildung ermöglichen.

„Mehr Kontroverse erwünscht“

Und auch wenn fast alle Teilnehmer zufrieden und mit neuen Impulsen nach Hause gingen, einige Verbesserungsvorschläge gab es am Ende doch. „Ich hätte mir eine deutlich kontroversere  Diskussion zur Umsetzung der EU-Jugendstrategie in Deutschland gewünscht“, sagte Sarah Benke, Mitarbeiterin der Europapolitikerin Ska Keller im Europabüro Brandenburg/Berlin. „Ich hätte gerne mehr darüber erfahren, inwiefern eine Umsetzung der Strategie auch in den Regionen als Priorität wahrgenommen wird und ob die Relevanz des Themas überhaupt durch kompetente Mitarbeiter in den Kollegien vermittelt werden kann.“

Für Martin Albracht, Referent für Erziehungshilfe und Jugendsozialarbeit im Diözesan-Caritasverband des Erzbistums Köln, war die Fachdiskussion zu stark auf die Arbeit der Bund-Länder-AG ausgerichtet. „Vermisst habe ich die konkrete Perspektive der Fachpraxis, der Träger der Kinder- und Jugendhilfe. Wie können diese bei der Umsetzung der EU-Jugendstrategie noch besser unterstützt werden? Das ist mir nicht klar. Für eine breitere Umsetzung der Strategie halte ich jedenfalls klare Unterstützungsstrukturen wie zum Beispiel zentrale Fachstellen auf Landesebene für erforderlich.“

Jochen Butt-Pośnik, Projektkoordinator von JUGEND für Europa - Transferstelle für die jugendpolitische Zusammenarbeit in Europa, ist dankbar für kritische und konstruktive Anmerkungen. "Wie die Etablierung der EU-Jugendstrategie in der konkreten Praxis vor Ort weiter vorangebracht werden kann und wie die Akteure noch besser mitgenommen werden können, das sind sicherlich Aufgaben, mit denen sich der Umsetzungsprozess in seiner zweiten Phase verstärkt widmen wird", so Butt-Pośnik.

Mut machen könnten auch die Schlussbetrachtungen des Salzburger Landesjugendreferenten, Wolfgang Schick. „Ich bin für eine aufsuchende Querschnittspolitik in der Europäischen Jugendpolitik. Das ist anstrengend, das kostet Energie. Aber wir sollten wirklich all die Felder aufspüren und zu unserem Thema machen, bei denen es um das Wohl der Jugendlichen geht. Jugendpolitik darf nicht einfach von anderen gemacht werden.“

(Marco Heuer im Auftrag von JUGEND für Europa)

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