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Mantra Mantra: "Partizipation junger Menschen im europäischen Kontext"

Eine internationale Fachtagung von JUGEND für Europa und dem Deutschen Jugendinstitut (DJI)beleuchtete das Thema kritisch.

Die "Partizipation junger Menschen" ist ein aktuelles politisches Mantra der Jugendminister in Europa ebenso wie der Europäischen Kommission. Partizipation bedeutet Teilhabe, Beteiligung, Mitbestimmung, Inklusion, Mitmachen - irgendwie alles und irgendwie nichts.

Es geht um echte Entscheidungsmöglichkeiten
Nicht so für die rund 35 Forscher und Praktiker, die sich vom 7. bis 9. Oktober 2009 in Bonn zu einer internationalen Fachtagung trafen. Unaufgeregt schnell war man sich einig, dass es bei der "Partizipation junger Menschen im europäischen Kontext" um echte Entscheidungsmöglichkeiten gehen muss, und dass sich diese sich nicht auf die Wahl der Handymarke beziehen, sondern politische Teilhabe meinen. Anhand von Befunden empirischer Forschung auf der einen und Praxisbeispielen auf der anderen Seite trugen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer Einsichten aus sieben Ländern zusammen. Sie beleuchteten kritisch die gesetzlichen, strukturellen und individuellen Voraussetzungen von politischer Partizipation junger Menschen.

Ein Blick in die Runde und über den Teich
Schon die rechtliche Rahmung ist innerhalb Europas unterschiedlich. Während sich in Österreich und Deutschland Strukturen für Jugendpartizipation aus ihrer gesetzlichen Absicherung, zum Beispiel durch das VIII. Sozialgesetzbuch, ergeben, hörte man aus Luxemburg, vertreten durch Prof. Dr. Charles Berg von der Universität Luxemburg, wie auch aus der Schweiz von Prof. Dr. Christian Reutlinger, FHS St. Gallen, dass in ihren Ländern erst seit einem Jahr eine spezifische gesetzliche Grundlage für die Kinder- und Jugendpolitik existiert.

Dass der Strukturen auch zuviel sein können, berichtete Dr. Julia Struck-Soboleva von der Universität St. Petersburg für Russland und sprach von einer von oben verordneten Partizipation einer "Staatsjugend". Und während ein Ausflug in lateinamerikanische Länder (an der Hand von Prof. Dr. René Bendit, Lateinamerikanische Fakultät für Sozialwissenschaften (FLASCO) in Buenos Aires, Argentinien) die Zuhörer staunen ließ über die lebhafte jugendliche Beteiligung an Bürgerhaushalten und politischen Initiativen, brachte Martha Wörsching von der Loughborough University in Leicester ganz andere Gedanken der Anwesenden auf den Punkt: "Politik interessiert in Großbritannien nur noch die Experten", meinte sie lapidar. Partizipation, so konstatierte sie, sei eher das Verhalten von Eliten, die sich nicht irritieren ließen, ansonsten sei aus Großbritannien Ähnliches zu berichten wie aus anderen europäischen Ländern: Freiwilligenarbeit werde als "Partizipation" verkauft, und weder in Schule noch in Jugendarbeit gebe es unter der Vorherrschaft einer "Marketisierung" von Bildung genügend Anreize, demokratische Strukturen ein- und durchzusetzen. So etwas macht verdrossen.

Womit wir bei der Kehrseite mangelnder Partizipationsmöglichkeiten wären, bei Politikabstinenz, -desinteresse, -boykott vieler Jugendlicher. Will man Jugendliche für Partizipation gewinnen, so eine Meinung, dürfe man ihnen mit Politik "gar nicht erst kommen". Wichtiger seien Inhalte, die richtigen "Issues".

Subjektiv höheres Glücksgefühl
Da sich hier je nach Perspektive Vieles deuten ließe, suchte das europäische Forschungsprojekt "EUYOUPART" 2003 – 2005 nach europaweit einsetzbaren Indikatoren, mit denen das Politikinteresse Jugendlicher zu ermitteln wäre (siehe auch NEWS).

Was verstehen Jugendliche unter `Politik´ und was ist `politisches Verhalten´? Die Ergebnisse des vom Projekt entwickelten Fragebogens, vorgestellt von Prof. Dr. Franziska Wächter von der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt, regten die Diskussion an: So konnte europaweit kein Rückgang der Vereinsmitgliedschaften belegt werden, und noch immer halten die meisten Jugendlichen das Wählen für die effektivste Form demokratischer Partizipation. Differenzierungen (z.B. aus deutscher Sicht in Ost- und Westdeutschland) sind spannend, bringen aber keine Erklärung, ob und wie die soziale Lage oder eine optimistische bzw. pessimistische Zukunftsaussicht Politik- und Partizipationsinteresse begünstigt oder behindert. Jugendliche, die sich engagieren, haben ein höheres subjektives Glücksgefühl und verfügen über größeres soziales Kapital. Aber ist das jetzt Ausgangspunkt oder Ergebnis von Partizipation? Hier sind die Bedingungsfaktoren weniger einschlägig zu benennen als sich das manche Politiker für eine Stellschrauben-Jugendpolitik wünschen mögen. Eindeutig scheint dagegen zu sein, dass sich junge Menschen vor allem am Verhalten ihrer Freunde orientieren, wenn es darum gehen, wählen zu gehen, sich an einer Demo zu beteiligen oder eine Unterschrift zu geben. Erst danach schaut man auf 1. die Mutter, 2. den Vater. Und ein zweiter Befund scheint eindeutig: Jugendliche haben ein hohes Interesse daran, politisch mitzumischen. Unzufrieden sind sie jedoch mit den ihnen gebotenen Beteiligungsmöglichkeiten, vor allem, wenn diese keinen Ernstcharakter aufweisen.

Mehr zu EUYOUPART finden Sie auf den Internet-Seiten des DJI.

Wenn schon Schule, dann außerschulisch
Kein Wunder, betrachtet man mit Dr. Christine Steiner vom DJI die Zwischenergebnisse der StEG - "Studie zur Entwicklung von Ganztagsschulen" in Deutschland. Ihr "Sachstand zur partizipativen Kultur an Schulen" fiel ernüchternd aus. So sind die Partizipationsmöglichkeiten von Schülerinnen und Schülern generell gering und vorzugsweise da zu finden, wo kein Unterricht berührt wird, beispielweise in Wahl- und Freizeitangeboten außerschulischer Partner. Schulen, die die Beteiligung von Schülern programmatisch verfolgen, bieten da schon mehr Spielräume. Jugendliche werten diese stark in Abhängigkeit von der Qualität der sozialen Beziehungen der Beteiligten. Mit anderen Worten: Schule, Lehrkräfte und übriges Personal "müssen es wollen, sonst wird das nichts".

Da aber das individuelle (Über-)engagement Einzelner auf die Dauer noch keine Partizipationskultur bewirkt, schloss sich der Diskussionsbogen am Ende wieder an die Ausgangsfrage an, welche strukturellen Voraussetzungen und welche adäquate Beteiligungsformen Jugendpartizipation benötigt. Als Hoffnungsträger wurden in der Schlussbilanz eine starke, transversale Jugendpolitik mit einer Jugendarbeit, deren (auch Bildungs-)Erfolge anerkannt würden, und ein "gewisser Druck" der Europäischen Union auf säumige Nationalstaaten genannt. Nicht nur, weil die Debatte noch viele (Forschungs-)Fragen offen ließ, sondern vor allem wegen der intensiven Arbeitsatmosphäre des Treffens und der Gelegenheit zum europäischen Vergleich wurde schon jetzt eine Folge-Tagung avisiert.
[ Quelle:JfE | 30.10.2009 ]


Zum Thema auf www.jugendpolitikineuropa.de

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