Ziel erreicht? Antirassismus-Projekte hinterfragt

JUGEND für Europa legt den Abschlussbericht zum Evaluationsvorhaben "(Anti-)Rassismus als Schwerpunkt von JUGEND-Begegnungsprojekten" vor.

via JUGEND für Europa

Angefangen hat alles mit der Frage: „Welche Defizite weisen internationale Jugendbegegnungen mit antirassistischem Schwerpunkt in der Praxis auf und wie kann man sie beheben?“ Oder anders gefragt: Wird mit diesen Projekten wirklich eines der wichtigsten Programmziele des EU-Aktionsprogramms JUGEND, Rassismus und Fremdenhass durch die Verständigung über kulturelle Vielfalt in Europa zu bekämpfen, auch erreicht?

JUGEND für Europa machte diese Problematik zur Leitfrage einer Studie, die das Ziel hatte, internationale Jugendbegegnungen mit antirassistischem Schwerpunkt im Rahmen des EU-Aktionsprogramms JUGEND zu optimieren. Denn nicht alles, was darauf abzielt „Jugendlichen den Erwerb von Wissen, Fähigkeiten und Kompetenzen (...) zu ermöglichen (…), um das Verständnis für die kulturelle Vielfalt Europas und seine gemeinsamen Grundwerte zu entwickeln und damit die Achtung der Menschenrechte und die Bekämpfung von Rassismus, Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit zu fördern“ (wie es Artikel 2 der Programmziele des Aktionsprogramms „JUGEND“ vorsieht), erreicht auch die erwünschte Wirkung.

Aus diesem Grunde hat JUGEND für Europa zunächst Datenbänke durchforstet, Projektanträge, Schlußberichte und andere Dokumentationen entsprechender Begegnungsprojekte durchgesehen, um dann später 18 Projektträger in Einzelinterviews intensiv nach ihren Konzeptionen, Erfahrungen und Ergebnissen der Begegnungen zu befragen. Schwerpunkt der Untersuchung waren Projekte der Aktion 1 – "Jugendbegegnungen". Darin solche Projekte, die zwischen Anfang 2000 und Mitte 2002 stattgefunden haben und in deren Projektantrag als Hauptthema „Kampf gegen Rassismus und Ausländerfeindlichkeit“ angegeben worden war.

Ziel war es herauszufinden, wie es um die Wirksamkeit antirassistischer Begegnungsprojekte bestellt ist. Herausgekommen ist ein Spektrum unterschiedlicher Ansatzpunkte zur Optimierung bestehender und zukünftiger Fortbildungsangebote in der Antirassismusarbeit.

Beispielsweise zeigte sich, wie schwierig es ist, (Anti-)Rassismus begrifflich klar zu umreißen, denn die Bandbreite des Verständnisses bei den Projektverantwortlichen wie auch bei den Programmreferentinnen und -referenten von JUGEND für Europa ist groß. „Rassismus“ als zu bearbeitendes Phänomen wurde in den internationalen Jugendbegegnungen durchweg nicht sauber abgegrenzt gegenüber Diskriminierung, Ausgrenzung, Ausländerfeindlichkeit, Fremdenfeindlichkeit, Xenophobie oder Spezifikationen wie Antisemitismus oder Sexismus.

Immerhin teilen fast alle der befragten Projektverantwortlichen die grundsätzliche Unterscheidung zwischen eher „interkulturellem“ und weitgehend „antirassistischem“ Lernen in internationalen Jugendbegegnungen – wenngleich auch hier methodische Überschneidungen festgestellt wurden. Während manche Projektverantwortlichen stark individualistisch mit den jungen Menschen arbeiten

und Rassismus als Haltung definieren, behandeln andere mehr die strukturelle Seite des Problems, meist im Kontext politischer Jugendbildung. Die verschiedenen Ebenen antirassistischer Jugendbildungsarbeit in internationalen Jugendbegegnungen scheinen dabei nicht allen aktiven Akteuren klar zu sein, vom EU-Aktionsprogramm JUGEND sind sie auch nicht klar definiert. Häufig setzen die Projektträger einen bestimmten Aspekt der Antirassismus-Arbeit um, entsprechend der von ihnen gewählten Zielgruppe wie Flüchtlingen, tendenziell rechtsextremen Jugendlichen oder gemischtethnische Gruppen vor Ort. Vielen Trägern ist diese Einschränkung wohl bewusst, daher haben sie auch Interesse signalisiert, ihre Kenntnisse, insbesondere der Methodik, gründlich zu erweitern. Spezifisch antirassistische Methoden und Lernziele in internationalen Jugendbegegnungen wurden von den befragten Projektträgern als „schwer zu bestimmen“ beschrieben. So sind zahlreiche methodische Ansätze, die interkulturelles Lernen befördern, zugleich auch einsetzbar in einer spezifisch antirassistischen Jugendbildungsarbeit, beispielsweise im Rahmen internationaler Jugendbegegnungen. Das zeigt, wie komplex antirassistische Pädagogik ist. Folgerichtig sollten auch die methodischen Zugänge unterschiedlich, wenn möglich ganzheitlich sein.

Antirassistische Begegnungsarbeit ist anspruchsvoll, daher wünschen sich die Projektverantwortlichen vor allem eine fachliche Unterstützung bei der Planung und Organisation sowie eine qualitativ hochwertige personelle Ausstattung in Form von qualifizierten und fortgebildeten Teamern, Dolmetschern und Trainern. Fazit: Damit der Kenntnisgewinn auch funktioniert, ist es wichtig, dass die Qualifizierung von antirassistischen Begegnungsprojekten in JUGEND nah an der Praxis der Träger bleibt.

Die Evaluation wurde von Dr. Helle Becker (Essen), unter Mitarbeit von Tilo Erlenbusch (Bonn) im Auftrag von JUGEND für Europa erstellt.

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