What's real: AGJ äußert sich zu jugendpolitischen Indikatoren

In Vorbreitung des nächsten EU-Jugendberichts 2012 werden die Vorschläge der Kommission kritisch unter die Lupe genommen.

Grundsätzlich begrüßt die Arbeitsgemeinschaft für Kinder- und Jugendhilfe – AGJ in einem aktuellen Diskussionspapier das jugendpolitische Ziel, mehr valides Wissen über die Jugendlichen zu sammeln und damit politische Entscheidungen zu untermauern. Aus ihrer Sicht sind die von der EU-Kommission vorgeschlagenen Indikatoren „grundsätzlich geeignet, um wenigstens Teile der Lebenswelt junger Menschen in Europa abbilden und politische Schlüsse daraus ziehen zu können“, schränkt aber ein: „Die Nutzung von Indikatoren oder Kennzahlen zur Steuerung von politischen Prozessen ist ein sinnvolles Verfahren, wenn die Grenzen dieses Verfahrens beachtet werden.“ (vgl. NEWS)

Indikatoren müssten grundsätzlich im Spannungsfeld zwischen Transparenz und Kontrolle eingeordnet werden: Einerseits könnten sie zur vergleichenden Beschreibung von Lebenslagen und im Sinne öffentlicher Transparenz über die Wirkungen (politischen) Handelns genutzt werden, andererseits bestehe jedoch die Gefahr des missbräuchlichen Einsatzes willkürlich gesetzter Indikatoren als politische Kontroll- und Steuerungsinstrumente. So würde eine zu starke Fokussierung auf Zielwerte und auf das Erreichen einer bestimmten Benchmark den Erkenntnishorizont und damit die Grundlage für evidenzbasierte Politik einschränken: „Kennzahlen und Indikatoren ‚erfassen’ die soziale Wirklichkeit immer in komprimierter und standardisierter Form.“

Das AGJ-Papier wägt zwischen diesen beiden Polen ab und kritisiert die Vorschläge der EU-Kommission. So seien die Indikatoren eher an Bedürftigkeitsthemen orientiert als an den vielfältigen Aufgaben, die junge Menschen auf dem Weg zum Erwachsenwerden zu bewältigen haben. Die Indikatoren entsprächen damit vor allem einer defizitorientierten Perspektive, die ein eingeschränktes Bild der Jugend in Europa liefere.

Die AGJ übt Kritik an einzelnen Indikatoren und macht eigene Vorschläge zur Ergänzung des Indikatorentableaus. Neben der Einbeziehung der Altersgruppe der Kinder fordert sie Indikatoren zur finanziellen Autonomie von Jugendlichen und jungen Erwachsenen, zu Sport und Ernährung, zum Zugang zu modernen Kommunikationsmedien, zu sozialer Mobilität, zum Faktor Migration, eine Erweiterung des Indikators für Mobilität (der EU-Indikator erfasst bisher nur im Rahmen eines freiwilligen Engagements) und für den Ressourceneinsatz für die Kinder- und Jugendhilfe (als Aussage zur Verbreitung nicht formaler Bildung). Außerdem sollten die zugrunde gelegten Daten auf einer Plattform zugänglich und so z.B. für Forscherinnen und Forscher interpretierbar gemacht werden. Eurobarometer-Befragungen sollten stärker auf jugendpolitische Initiativen und Strategien der Eu fokussieren: „Wenn der zweite Europäische Jugendbericht künftig eine den deutschen Kinder- und Jugendberichten vergleichbare Wirkung auf politische und fachliche Entwicklungen und Entscheidungen haben soll, ist die hier vorgeschlagene Qualifizierung und Erweiterung der jugendpolitischen Indikatoren unverzichtbar.“

Generell müsse der Definition von Zielwerten als Grundlage politischer Steuerungsentscheidungen ein breiter Dialog vorausgehen: „Grundlage für das Funktionieren von Indikatoren ist die Festlegung von (politisch) gesetzten Zielwerten oder -korridoren, damit ermittelte Ergebniswerte bezogen auf das formulierte Ziel als ‚gut’, ‚weniger gut’ oder ‚nicht gut’ angesehen werden können. Dies setzt aber einen breiten gesellschaftlichen Dialog voraus und kann nicht politisch von der Europäischen Kommission ‚gesetzt’ werden. Die AGJ fordert deswegen die Beteiligung aller relevanten Akteure der Kinder- und Jugendhilfe auf regionaler, nationaler und europäischer Ebene.

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Kommentare

  • pso

    28.12.11 13:33

    Stellenwert Jugendpolitik

    Nach Lesend des Diskussionspapier kann ich nur zustimmen und die Frage stellen: kann mit defizitorientierten Indikatoren eine Jugendpolitik erbracht werden, die den gebotenen und auch genutzten Chancen Rechnung trägt, die der Rolle der Jugendpolitik, als konstruktives Element zur Entwicklung unserer Gesellschaft, ihren angemessen Stellenwert gibt? Jugendpolitik nimmt leider nur eine untergeordnete Rolle ein. Es gibt viele Gründe weshalb die Bundesministerin dies verändern sollte, wie auch ihre Vorgängerinnen hätten versuchen können eine Veränderung zu schaffen. Es wundert mich nicht auch bei Jugendlichen ein Desinteresse an Politik, eine Unterrepräsentanz in etablierten Parteien und die Gründung neuer Parteien zu beobachten.

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