Wen wundert´s: OECD bescheinigt Deutschland mal wieder Nachholbedarf

Die größten Probleme sind Bildungsungerechtigkeit und mangelnde Investitionen in die Bildungseinrichtungen.

via OECD

Mit der Ausgabe 2007 von "Bildung auf einen Blick" legt die OECD ein aktuelles und die wesentlichen Bereiche des Bildungssystems umfassendes Werk vor. Ein Schwerpunkt der diesjährigen Ausgabe liegt dabei auf der tertiären Bildung, da diese zunehmenden Einfluss auf persönlichen und wirtschaftlichen Erfolg hat. Gemessen wird an OECD-weiten Indikatoren, die als Benchmarks Vergleiche zwischen den Mitgliedstaaten erlauben. Die Kernergebnisse für Deutschland weisen auf etliche, wohl bekannte, Baustellen hin. Einige Beispiele:

Ein größer werdendes Problem ist der zunehmend enger werdende Zusammenhang zwischen Bildungsstand und Erfolg am Arbeitsmarkt (siehe auch NEWS). Das Risiko, arbeitslos zu werden, nimmt mit geringerem Bildungsstand deutlich zu, und das in Deutschland wesentlich stärker als im OECD-Mittel. So waren 2005 lediglich 5,3% der Hochschul- oder Fachhochschulabsolventen (OECD-Mittel 3,9%) und 6,9% der Absolventen einer dualen Berufsausbildung arbeitslos, während es bei Personen ohne Sekundarstufe-II-Abschluss 18,8% waren (OECD-Mittel 11%). Die Schere hat sich seit 1998 weiter auseinander entwickelt. Personen ohne Sekundarstufe-II-Abschluss haben in Deutschland außerdem nur vergleichsweise geringe Chancen, Bildungsdefizite durch nicht-formale berufliche Weiterbildung später auszugleichen.

Auch die Entwicklung der Studienanfängerzahlen legt nahe, dass sich der internationale Trend zu höheren Qualifikationen weiter verstärken wird. Im OECD-Mittel beginnt jetzt mehr als die Hälfte eines Jahrgangs eine Ausbildung im Tertiärbereich. Dagegen stagniert die Studienanfängerquote in Deutschland um die 36%. Dabei muss berücksichtigt werden, dass auch der Anteil der Schulabgänger mit Hochschulzugangsberechtigung in Deutschland lediglich bei 38% liegt, im OECD-Mittel dagegen bei 49%. Das ist auch ein Gerechtigkeitsproblem: Während im OECD-Durchschnitt etwa 57% der 15-Jährigen ein Hochschulstudium anstreben, sind dies in Deutschland nur 21%. Jugendliche aus Arbeiterfamilien äußern diese Erwartungen dabei in deutlich geringerem Maße als Jugendliche aus besser gestellten Familien.

Zwar sind die Bildungs- und Beschäftigungsaussichten junger Menschen in Deutschland im internationalen Vergleich durchschnittlich. Im Durchschnitt kann ein junger Mensch zwischen 15 und 29 Jahren in Deutschland erwarten, weitere 7,8 Jahre im formalen Bildungssystem zu bleiben, davon 2,6 Jahre in Kombination mit einem Beschäftigungsverhältnis wie z.B. einem dualen Ausbildungsgang. Deutschland steht mit diesem Wert an 6. Stelle nur hinter Dänemark, Finnland, Island, Polen und Schweden (OECD-Mittel 6,7 Jahre). Auch der bisher hohe Vorsprung Deutschlands bei der Jugendarbeitslosigkeit ist deutlich geringer geworden.

Allerdings sind die Ausbildungs- und Beschäftigungsaussichten höchst ungleich verteilt. Während nur 13% der Jugendlichen ohne Migrationshintergrund nicht über ein für eine aktive Teilhabe an Wirtschaft und Gesellschaft ausreichendes Verständnis von mathematischen Konzepten, Sachverhalten und Prozessen verfügen, sind es mehr als 30% der Jugendlichen mit Migrationshintergrund. Bei den Schülerinnen und Schülern der zweiten Generation sind es sogar 46,8%. Auch wenn Unterschiede im formalen Bildungsgrad der Eltern und im sozioökonomischen Hintergrund des Elternhauses berücksichtigt werden, bleiben Kompetenzunterschiede zwischen Jugendlichen mit und ohne Migrationshintergrund bestehen.

Und ein weiterer Teil der Bevölkerung ist benachteiligt: In Deutschland ist der Einkommensnachteil von Frauen besonders ausgeprägt und hat, im Gegensatz zu den meisten Staaten, in den letzten Jahren tendenziell noch zugenommen. Noch deutlicher fallen die Unterschiede bei der Erwerbsbeteiligung in der Kombination Geschlecht und Qualfaktionsgrad aus. Während nur 47% der 25- bis 64-jährigen Frauen ohne Sekundarstufe-II-Abschluss in Beschäftigung sind, liegt dieser Wert bei Männern fast 20 Prozentpunkte höher.

Aber wen wundert´s: Noch immer liegt Deutschland bei den öffentlichen Investitionen in Bildungseinrichtungen mit 4,3% des BIP an 21. Stelle unter den 28 OECD-Staaten mit vergleichbaren Daten. Das scheint auch nicht viel besser zu werden: Im OECD-Raum sind die öffentlichen und privaten Ausgaben für Bildungseinrichtungen im Zeitraum 1995-2004 netto um 39% unterhalb des Tertiärsektors und um 55% im Tertiärsektor gewachsen. In Deutschland lagen die Zuwachsraten in diesem Zeitraum bei mageren 6% bzw. 12%.

Der Gesamtbericht Education at a Glance 2007 ist, einschließlich aller statistischen Daten, erhältlich unter www.oecd.org/edu/eag2007.

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