23.11.2011Erasmus+ (2014 - 2020)

Unvereinbar: Erasmus für Alle

Die Kommission hat ihren Entwurf für ein künftiges Bildungsprogramm vorgelegt. „Erasmus for All“ bedeutet in dieser Form das Ende des eigenständigen Jugendprogramms.

Noch im Mai 2011 hatte die Kommission das laufende Programm JUGEND IN AKTION ausdrücklich gelobt (siehe NEWS). Das Programm böte einzigartige Lerngelegenheiten und habe das Profil von Jugendarbeit und Jugendpolitik geschärft, war die Schlussfolgerung aus der Zwischenevaluation.

„Bildung und Ausbildung sind nun wichtiger denn je für Innovation, Produktivität und Wachstum, besonders im Kontext der gegenwärtigen ökonomischen und finanziellen Krise, und mit dem nach wie vor nicht ausgeschöpften Humankapital Europas. Es muss mehr unternommen werden, um sicherzustellen, dass Bildungs- und Ausbildungssysteme dasjenige Wissen und die Fertigkeiten fördern, die ein globalisierter Arbeitsmarkt erfordert.“
Mit diesen Worten leitet die Kommission heute ihre Mitteilung „Erasmus for All. Das EU-Programm für Bildung, Ausbildung, Jugend und Sport“ ein.

Geht es nach den Plänen der Kommission, wird ab 2014 ein einziges Programm alle vier Bereiche unter drei große Aktionslinien fassen:

  • 1 - Lernmobilität (66% des geplanten Budgets),
  • 2 - Kooperation (26%)
  • 3 - Politische Reformen (5%).

Dabei sollen wiederum vier Aktivitätsklassen in der großen Aktion 1 - „Lernmobilität“ - gefördert werden: 1. Mobilität der Multiplikatoren, insbesondere Lehrkräfte, Ausbilder, Schulleitungen und Akteure der Jugendarbeit, 2. Mobilität für Hochschul-Studierende und Menschen in der Beruflichen Bildung, 3. „Erasmus Master“, eine Förderung der Mobilität von Master-Studierenden, 4. Jugendmobilität (Jugendbegegnungen und Freiwilligendienst).

Der von der Kommission geplante Umfang sieht ein Budget von 19 Mrd. Euro für die Laufzeit bis Ende 2020 vor.

Alles soll gestrafft, reduziert und effizienter werden. Das Engagement der Europäischen Union wird so wieder auf ihren historischen Ausgangspunkt gestellt: Die EU als Markt und die Bildung zum Zwecke der Beschäftigungsfähigkeit. Allgemeine Verweise auf nicht konkretisierte Evaluationsergebnisse sowie der Hinweise auf die einschlägigen Konsultationen (allerdings nicht auf deren Ergebnisse) liefern die Basis für die Beschreibung eines Programms, das ganz auf Bildungsaktivitäten zum Zweck der Beschäftigungsfähigkeit abhebt.

Schlagworte, die jahrelang die jugendpolitische Diskussion in der EU bestimmten - europäische Bürgerschaft, Partizipation, Anerkennung nicht formalen Lernens, Demokratie gestalten, Förderung benachteiligter Jugendlicher, zielgruppenspezifischer Zugang – sucht man allerdings noch vergeblich oder findet sie als Randbemerkungen ohne substanzielle Anbindung an die skizzierten neuen Programmstrukturen und -inhalte. Der Strukturierte Dialog oder das Jugendforum kommen nur als Agendapunkte der Aktion 3 – „Politische Reformen“ – vor.

Den neuen Programmnamen „Erasmus for All“ begründet die Kommission damit, dass „Erasmus“ im Moment das bekannteste Programm sei – eine eingeführte Markte also. „Higher Education“ ist in der Tat der favorisierte Schauplatz des Programms, dessen Budget zu 25% der Hochschulbildung zugeteilt werden soll, zu 17% der Beruflichen Bildung (davon 2% der Erwachsenenbildung), zu 7% der Schulbildung und zu 7% den Jugendaktivitäten. Geplant ist eine Budgeterhöhung für den Bereich "Jugendmobilität" um 25-40% im Vergleich zum laufenden Programm.

Die Qualität – und Förderungswürdigkeit – der Maßnahmen soll nach deren Bildungsgehalt, den Lehr- und Lernmethoden, der Anerkennung der Lernergebnisse, der sprachlichen und interkulturellen Vorbereitung sowie anhand der Arrangements innerhalb der Gastgeberorganisationen beurteilt werden. Ob auch weiterhin die besonderen Bedürfnisse der Träger von Jugendarbeit, von nicht formalen und informellen Lernsettings Berücksichtigung finden, darf bezweifelt werden.

Die einfache, „stromlinienförmige“ Architektur soll sich auch in der Administration widerspiegeln: Jeweils eine einzige Nationalagentur soll künftig in jedem Land das Programm für die Schul-, Hochschul- und Berufsbildung sowie Jugend und Sport verwalten. Darüber hinaus ist vorgesehen, einheitliche Förderregeln und die Umstellung der Förderung auf Pauschalen - welche die Nationalagenturen von „individuellen“ Begutachtungen der Anträge entlasten soll – einzuführen.

Mit einer Realisierung des Programmvorschlags träte ein, was schon die Bundesregierung in ihrem Non-Paper am 5. September 2011 (siehe NEWS) und auch der Bundesrat (siehe NEWS) befürchtete. Verloren ginge ein Programm mit einem besonderen Zuschnitt für die Bedürfnisse von Jugendlichen, Jugendorganisationen und Jugendarbeit, und mit einer nachgewiesenen hohen Wirksamkeit. Die EU-Jugendstrategie verlöre mit dem Jugendprogramm ein spezifisches Instrumente für ihre Umsetzung. Auch die Frage der künftigen ministeriellen Zuständigkeit steht im Raum. Der begleitende Programmausschuss für JUGEND IN AKTION würde aufgelöst. Die Programmentscheidungen in einem neuen Programmausschuss würden dann durch Vertreter der Bildungsministerien getroffen, nicht von den in vielen Mitgliedstaaten zuständigen Jugendministerien. So steht die auf EU-Ebene mühsam errungene Sichtbarkeit von Jugendpolitik, Jugendarbeit und nicht formalem wie informellem Lernen auf dem Spiel.

Das Europäische Jugendforum, das sich in einer außerordentlichen Mitgliederversammlung vom 17. - 20. November noch einmal klar für ein eigenständiges Jugendprogramm aussprach, mahnte ein Programm an, dass die Autonomie von Jugendlichen und eine aktive und integrative europäische Gesellschaft fördert: „Junge Menschen und Jugendorganisationen verdienen nichts weniger!“

Wie es weitergeht

Voraussichtlich Ende November wird sich der EU-Rat für Bildung, Jugend, Kultur und Sport erstmals mit dem Vorschlag befassen und ihn zumindestens offiziell zur Kenntnis nehmen.

Bereits am 23.11. vormittags hatte die zuständige Kommissarin, Frau Vassiliou, persönlich den Ausschuss des Europäischen Parlaments für Kultur und Bildung, über den Vorschlag informiert.

Letztendlich kann das Programm nur beschlossen werden, wenn sowohl das Europäische Parlament als auch der Rat der EU seine Zustimmung erteilen.

Dokumente

Kommentare

    Bislang gibt es zu diesem Beitrag noch keine Kommentare.

    Kommentar hinzufügen

    Wenn Sie sich einloggen, können Sie einen Kommentar verfassen.