Traurige Bilanz: UNICEF Bericht zur Situation der Kinder 2007

UNICEF hat eine erste internationale Vergleichsstudie zur Situation der Kinder in 21 Industrieländern veröffentlicht. Deutschland kommt im Durchschnitt nur auf Rang 11 – oft nicht mal das.

via UNICEF

Die Niederlande führen die UNICEF-Tabelle als kinderfreundlichstes Land an, gefolgt von Schweden, Dänemark und Finnland. Besonders schlecht schneiden Großbritannien und die USA ab. Deutschland erreicht in allen Dimensionen nur mittelmäßige und unterdurchschnittliche Werte. UNICEF hat die Lage der Kinder anhand von sechs Dimensionen umfassend verglichen: materielle Situation, Gesundheit, Bildung, Beziehungen zu Eltern und Gleichaltrigen, Lebensweise und Risiken sowie eigene Einschätzung der Kinder und Jugendlichen. Für den Bericht wurden Daten aus internationalen Studien und Untersuchungen auf Länderebene ausgewertet.

"Alle reden von kinderfreundlicher Politik. Trotzdem soll eine bessere Infrastruktur für Kinder keine Mehrkosten verursachen. Diese Einstellung muss sich ändern, sonst bleibt Deutschland Mittelmaß für Kinder - und setzt die eigene Zukunftsfähigkeit aufs Spiel", sagte UNICEF-Vorsitzende Heide Simonis bei der Vorstellung der Studie in Berlin. "Politik für Kinder ist in Deutschland meist nur Mittel zum Zweck, um Arbeitsmarktprobleme zu entschärfen oder die Rentenkassen zu füllen. Es fehlt ein politisches Gesamtkonzept, damit Kinder aus benachteiligten Familien endlich eine faire Chance erhalten", ergänzt Prof. Hans Bertram von der Humboldt-Universität zu Berlin, der den internationalen Vergleich durch eine vertiefende Studie für Deutschland ergänzt und nach Bundesländern differenziert hat.

Die wichtigsten Ergebnisse der UNICEF-Studie aus deutscher Sicht:

  • Bei der frühkindlichen Betreuung ist Deutschland hinsichtlich der Bereitschaft in diesem Bereich zu investieren, im internationalen Vergleich nach wie vor Schlusslicht.
  • Besorgniserregend ist das Risikoverhalten deutscher Jugendlicher. In keinem anderen Land rauchen so viele junge Menschen wie in Deutschland: mehr als 16 Prozent der 15-Jährigen.
  • Beim Alkoholkonsum geben in Deutschland etwa 17 Prozent der befragten Kinder und Jugendlichen an, bereits zweimal oder öfter betrunken gewesen sein - in Frankreich und Italien sind es unter 10 Prozent.
  • Mehr als die Hälfte der 15-jährigen Deutschen sagen, dass ihre Eltern kaum Zeit haben, sich mit ihnen zu unterhalten. In Ungarn und Italien machen nur etwa ein Viertel der Jugendlichen diese Erfahrung. Deutsche Eltern reden offenbar besonders selten mit ihren Kindern - Deutschland liegt in dieser Hinsicht auf dem letzten Platz.
  • Erschreckend niedrig sind die Erwartungen, mit denen deutsche Jugendliche in ihre berufliche Zukunft blicken. Mehr als 30 Prozent der 15-Jährigen rechnen damit, keine qualifizierte Arbeit zu finden. Deutschland liegt bei diesem Vergleich auf Platz 20 von 25 Industriestaaten.
  • Tschechien schneidet hinsichtlich der materiellen Lage von Kindern besser ab als reichere Staaten wie Deutschland, Italien, Japan oder die USA.
Investitionen in das Wohl der Kinder haben in Deutschland trotz der Debatte um die Zukunftsfähigkeit der deutschen Gesellschaft bis heute keinen Vorrang. Wie andere europäische Länder gibt Deutschland zwar rund zwei Prozent seines Bruttosozialprodukts für Transferleistungen für Familien mit Kindern aus. Doch Dänemark zum Beispiel investiert zusätzlich erheblich in die Infrastruktur für Kinder wie Krippen oder Kindergärten und wendet insgesamt fast 3,8 Prozent seines Bruttoinlandsprodukts für Familien mit Kindern auf. Die nordeuropäischen Länder, die international die Spitzenplätze belegen, haben mit aufeinander abgestimmten Maßnahmen sowohl die wirtschaftliche Situation von Familien positiv beeinflusst sowie verlässliche Lebensumwelten für Kinder geschaffen.

Der UNICEF-Bericht fordert deshalb, dass Kinderkrippe, Kindergarten und Schule so organisiert werden, dass sie den Bedürfnissen von Kindern und Eltern entgegenkommen. Dazu gehören Ganztagsschulen und der gezielte Ausbau von Bildungs- und Förderangeboten für benachteiligte Familien. Bildungs- und Förderangebote zur Integration von Kindern nichtdeutscher Herkunft und weiteren Kindern aus benachteiligten Familien müssen stark ausgebaut werden. Die städtischen Kommunen müssen der Ghettobildung entgegenwirken und jene Eltern halten, die jetzt mit ihren 4- bis 7-jährigen Kindern die Städte verlassen. Nur wenn Kinder unterschiedlicher ethnischer Hintergründe gemeinsam lernen können, lässt sich das Auseinanderdriften der Gesellschaft bremsen. Die Politik muss ihren zersplitterten, an einzelnen Ressorts orientierten Ansatz aufgeben und Kinder in den Mittelpunkt stellen. Die Aufnahme der Kinderrechte in die Verfassung und ein Kinderrechtsbeauftragter auf Bundesebene könnten diese Politik stärken.

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