„Strukturell gehört der Internationale Jugendaustausch als Teil der Internationalen Jugendarbeit zur eigenständigen Jugendpolitik.“

Prof. Dr. Andreas Thimmel, Leiter des Forschungsschwerpunktes Nonformale Bildung an der Fachhochschule Köln

„Internationale Jugendpolitik und internationaler Jugend- und Schüleraustausch sind feste Bestandteile der Auswärtigen Kultur- und Bildungspolitik.“ (Bundestagsbeschluss S.1) Wie bewerten Sie es, dass der Bundestag den Internationalen Schüler- und Jugendaustausch in der auswärtigen Kultur- und Bildungspolitik verankert?

Zuerst einmal ist es zu begrüßen, dass der Bundestag einen Beschluss zur Internationalen Jugendarbeit (IJA) und zum Schüleraustausch gefasst hat. Damit kommt dieses Thema endlich an die politische Öffentlichkeit. Ich sehe in dem Beschluss erst den Beginn einer intensiveren Befassung der Parlamentarier mit den genannten Themen. Der Text enthält aber in bedauerlicher Weise eine programmatische Schieflage in Hinsicht auf die Rolle und Definition von auswärtiger Kultur- und Bildungspolitik.

Die IJA und der Schüleraustausch agieren auf drei Ebenen, nämlich der jugendpädagogischen, der jugendpolitisch-zivilgesellschaftlichen und der außenpolitischen Ebene. Letztere meint vor allem die auswärtige Kultur- und Bildungspolitik. Die konzeptionellen Grundlagen der IJA sind Partnerschaft, Dialog, Partizipation, Achtung vor den Interessen und Sprachen der Partner sowie kluge und zurückhaltende Interessenvertretung im Sinne internationaler, interkultureller und globaler Bildung. Deshalb weise ich die in dem Beschluss vorgeschlagene Perspektive einer Stärkung der deutschen Sprache und des Wirtschafts- und Wissenschaftsstandortes im Sinne auswärtiger Kulturpolitik für die IJA als zu einseitig und kontraproduktiv zurück. Diese eindeutige Zwecksetzung widerspricht dem Gedanken der Partnerschaft und des Aushandelns von gemeinsamen Themen, wie sie konstitutiv und nicht hintergehbar für die IJA sind.

Strukturell gehört der Internationale Jugendaustausch als Teil der IJA zur eigenständigen Jugendpolitik. Ebenso sind Schüleraustausch und schulbezogene Partnerschaften eigene pädagogische Methoden der internationalen, interkulturellen und globalen Bildungsarbeit an Schulen. Sowohl die institutionelle Verankerung der IJA in der auswärtigen Kultur- und Bildungspolitik als auch die konzeptionelle Bezugnahme und Unabhängigkeit der Jugendarbeit, nonformalen Bildung und Jugendpolitik sind konstitutiv. Schüleraustausch und internationale Jugendarbeit sind durch ihren Bildungsauftrag geschützt vor einer einseitigen Instrumentalisierung durch Politik und Wirtschaft.

„Durch internationale Austauschprogramme für Jugendliche, die speziell auf die Ziele unserer Auswärtigen Kultur- und Bildungspolitik abgestimmt sind, kann es gelingen, diese insgesamt noch wirksamer und nachhaltiger zu gestalten. Die der Auswärtigen Kultur- und Bildungspolitik zugrunde liegenden Werte wie Freiheit, Demokratie, Menschenrechte, Rechtsstaatlichkeit können so noch effektiver vermittelt werden. Programme im internationalen Jugend- und Schüleraustausch führen daneben nachweislich zu einer Stärkung von Wissenschafts- und Kulturkooperationen weltweit.“ (Bundestagsbeschluss S.1/2) Teilen Sie diese Auffassung? Welche Auswirkungen hat Ihrer Meinung nach eine solche Verankerung auf die jugendpolitische Verortung der Internationalen Jugendarbeit?

Die Autor_innen des Textes folgen der Denkfigur einer linearen Logik von Bildungsprozessen und sprechen von „effektiver Vermittlung“. Demgegenüber ist die Bildungs- und Lernwirkung der internationalen Austauschprogramme viel komplexer. Die Inhalte und Themen werden nicht vermittelt, sondern die Schüler und Jugendliche eignen sich diese Ziele in Begegnungen und Bildungsprozessen an. Die Bildungsziele für alle, auch die der ausländlichen Partner, sind Persönlichkeitsstärkung, Bildung zur Weltoffenheit, soziales Lernen, internationales, interkulturelles und globales Lernen und Bildung, gegenseitiges Verständnis, internationale Reflexivität.

Frage 3:„Die internationale Jugendarbeit hat dabei das Ziel, gegenseitiges Verständnis junger Menschen aus verschiedenen Ländern und Kulturkreisen über die Auseinandersetzung mit jugendrelevanten Themen zu fördern, Toleranz zu stärken, Vertrauen zu schaffen und ein positives Deutschlandbild zu vermitteln.“ (…)„Dazu könnten durch die Einbeziehung des deutschen Auslandsschulwesens und der Goethe-Institute die Rahmenbedingungen geschaffen werden, um Jugendlichen aus der ganzen Welt das erfolgreiche deutsche Modell der dualen beruflichen Bildung näherzubringen.“ (Bundestagsbeschluss S.1 /2) Wie bewerten Sie diesen Bezug auf Deutschland? Ergeben sich in der globalisierten, europäisierten Welt nicht andere Anforderungen?

Insofern fällt die Orientierung an einem positiven Deutschlandbild hinter den fachlichen Diskussionsstand der letzten 20 Jahre zurück. Die breite, europaweite und internationale Anerkennung für die IJA und den Schüleraustausch in Deutschland beruht gerade auf dem Verzicht auf einfache Bilder und demgegenüber auf der authentischen Erzählung über die eigene Realität und die Realität der Bundesrepublik als pluralistische Migrationsgesellschaft.

Positiv herauszustellen ist die Mehrzahl der 15 aufgeführten Forderungen des Bundestages an die Bundesregierung.

(Das Interview führte Dr. Helle Becker im Auftrag von JUGEND für Europa)

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