"Für mich, über mich und für das Leben gelernt": Mehr "junge Menschen mit Migrationshintergrund" in den EFD

Der Bericht der wissenschaftlichen Begleitung zum Europäischen Freiwilligendienst im Rahmen von JiVE „Jugendarbeit international - Vielfalt erleben“ liegt vor.

Jugendliche mit Migrationsgeschichte sind in öffentlich geförderten Aktivitäten der Internationalen Jugendarbeit bisher stark unterrepräsentiert. Dieser Befund war Ausgangspunkt für das Projekt „JiVE“ von IJAB - Fachstelle für Internationale Jugendarbeit der Bundesrepublik Deutschland e.V. und JUGEND für Europa. Gegenstand der wissenschaftliche Begleitung zum Thema EFD waren die Fragen, welche Strategien und Aspekte zu einer interkulturellen Öffnung des EFD beitragen können und welchen Beitrag die Maßnahmen der Internationalen Jugendarbeit für die Integration bzw. das Interkulturelle Lernen aller Teilnehmenden leistet.

Dabei problematisiert die Untersuchung allerdings grundsätzlich die Zweiteilung in „Mehrheitsdeutsche“ und Menschen mit Migrationshintergrund: „Menschen mit Migrationshintergrund sind in Deutschland keine homogene Gruppe und können auch nicht pauschal und unabhängig vom jeweiligen gesellschaftlichen Teilbereich als benachteiligt angesehen werden. Menschen auf ihre Herkunft zu reduzieren und sie in der Folge aufgrund dieser Herkunft zu fördern, ist aus Sicht der reflexiven Migrationspädagogik nur dann legitim, wenn sie aufgrund dieser Zuordnung von gesellschaftlicher Teilhabe ausgeschlossen werden.“

Einige Befunde der Studie:

  • Vor allem persönliche Kontakte - Familie, Peergroup, persönliches Netzwerk – sowie ehemalige Freiwillige führen zum Europäischen Freiwilligendienst. Entsende- und Aufnahmeorganisationen sollten aktiv auf die Jugendlichen zugehen, sie aber gleichzeitig über die Herausforderungen aufklären.
  • Der EFD wird als wertvolle Lebenserfahrung von den Jugendlichen wertgeschätzt. Insbesondere in der Bewältigung von krisenhaften und problematischen Situationen entwickeln die Jugendlichen Handlungsstrategien und Selbstvertrauen. Berufliche Ziele werden benannt und die Bereitschaft zur Mobilität sowie zum freiwilligen Engagement werden angeregt. Eine Fremdsprache gelernt und sich den „Herausforderungen des Lebens“ gestellt zu haben, ist für die Jugendlichen besonders wichtig.
  • Der EFD dient den Jugendlichen als Orientierungsphase. Dabei sind die Orientierungs- und Entwicklungsprobleme nicht kulturabhängig, sondern bildungsspezifisch. Allerdings erleben Jugendliche Marginalisierungs- und Ausgrenzungserfahrungen aufgrund ihrer Herkunft aus einem bestimmten Milieu oder aufgrund ihres Migrationshintergrundes. Schon das Bewerbungsverfahren, seine Komplexität und die geforderten Fremdsprachenkenntnisse, bilden ein Hindernis. Die Systematik aus Entsende- und Aufnahmeorganisation wirkt undurchsichtig und besonders bei der Projektauswahl ist nicht ersichtlich, wie die `inoffiziellen´ Wege zwischen Entsende- und Aufnahmeorganisation verlaufen.
  • Unterstützend wirkt die Zufriedenheit mit der Einsatzstelle. Besonders wichtig ist, dass sich die Jugendlichen als wertgeschätzt empfinden und gewissenhaft in angemessene Aufgabenbereiche eingeführt werden, die es ihnen erlauben eigenständig zu arbeiten und sich auszuprobieren. Die Begleitung durch MentorInnen sollte stärker in den Blick genommen werden. Nicht immer fühlen sich die Jugendlichen adäquat betreut. Die Seminare übernehmen in diesem Sinne eine Brückenfunktion. Über einen gewinnbringenden und effektiven Austausch mit anderen Freiwilligen können Reflektionsprozesse erleichtert und angeschoben werden.
  • Aus Sicht der Jugendlichen definiert sich Europa über die Begegnungen mit Menschen verschiedener europäischer Länder und die Möglichkeit der Reisefreiheit. Damit ist Europa zwar mit positiven Bildern besetzt, aber die politische Ebene wird nicht tiefer gehend reflektiert und scheint auch auf den Seminaren nur vereinzelt im Vordergrund zu stehen. Dabei könnte und sollte das Thema im Sinne politischer Bildungsprozesse als Reflexionsfolie für Erfahrungen genutzt werden.
  • In der Regel wird der EFD als eine Bereicherung für die beteiligten Organisationen bewertet. So wirkt der EFD wie eine Brücke in die Welt und nach Europa, die Freiwilligen sind oft eine `Brücke´ zu den Jugendlichen vor Ort. Nach innen eröffnet der EFD einen Prozess der interkulturellen Öffnung. Eine starke Außenwirkung entsteht, wenn die Organisation selbst Aufnahmeorganisation ist und durch die entwickelten internationalen Kontakte.
  • Trotz bestehender Kooperationen mit Vereinen junger Migrantinnen ist die Zielgruppe, Jugendliche mit Migrationshintergrund, schwer zu einer Teilnahme am EFD zu aktivieren. Die fehlenden Ressourcen von Migrantenselbstorganisationen bzw. Vereinen junger Migrantinnen sind ein Zugangshindernis zur Internationalen Jugendarbeit. Eine Kooperation von anerkannten und nicht-anerkannten Trägern kann hier hilfreich sein. Außerdem blockiert die starke Fixierung und Zuordnung von Migrantenselbstorganisationen und Vereinen junger Migrantinnen auf migrationsbezogene Themen diese, sich an allgemeinen europa-, bildungs- und jugendpolitischen Diskursen zu beteiligen und an den entsprechenden Förderlinien teilzuhaben.
  • Netzwerke von Migrantenselbstorganisationen und Vereinen junger Migrantinnen würden die Implementierung des Europäischen Freiwilligendienstes sowie von Projekten der Internationalen Jugendarbeit stützen. Voraussetzung dafür ist allerdings, dass die Projekte an den Organisationszielen, Arbeitsbereichen, Projekten und Strukturen dieser Vereine und Verbände anschließen können.

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