Die Einstellungen der Jugendlichen zur EU sind alles in allem sehr ambivalent. Auf der einen Seite gibt es eine ganz allgemeine und breite Zustimmung zur EU, die nur von einer kleinen Anzahl von Kritikern grundlegend in Frage gestellt wird. Andererseits fallen bei konkreten Fragestellungen und zu bestimmten Handlungsfeldern die Äußerungen durchaus kritischer und distanzierter aus.
Jugendliche sind dabei in der Regel etwas optimistischer eingestellt als die Gesamtbevölkerung. Außerdem ist der Anteil derjenigen sehr hoch, der sich bei konkreten Fragen nicht festlegen kann oder will. Ausschlaggebend ist hierfür oft fehlendes Wissen, was die genaue Einschätzung europäischer Politik schwierig macht.
Zu diesem Ergebnis kommt eine Untersuchung von Dr. Barbara Tham von der Forschungsgruppe Jugend und Europa am Centrum für angewandte Politikforschung. Die Analyse beruht auf Einstellungsdaten, die von der EU im Frühjahr 2005 in allen Mitgliedstaaten repräsentativ erhoben und im Eurobarometer 63 veröffentlicht wurden. Der Schwerpunkt der Untersuchung liegt auf den Einstellungen der 15-24-Jährigen in der EU und in Deutschland.
Die Mitgliedschaft des eigenen Landes in der EU wird von einem Großteil der Jugendlichen als eine gute Sache angesehen. 2005 bewerten 63 % der EU-Jugendlichen und 68 % der jungen Deutschen die Mitgliedschaft in der EU positiv. Im Gegensatz dazu stufen nur 8 % der EU-Jugendlichen und 4 % der deutschen Jugendlichen diese als schlechte Sache ein. Jugendliche sind damit etwas positiver gegenüber der EU eingestellt, wie die Gesamtpopulation. Bedenklich erscheint jedoch der hohe Anteil derjenigen, die sich zur EU nicht eindeutig äußern und die Frage nach der Mitgliedschaft mit einem ‚weder-noch’ beziehungsweise mit ‚weiß-nicht’ beantworten.
Eine Ursache für die indifferenten Einstellungen liegt sicherlich im fehlenden Wissen über die EU und deren Politik. Die Jugendlichen schätzten ihre eigenen Kenntnisse über die EU eher gering ein. Sehr gut fühlen sich nur 2 % der EU-Jugendlichen über die EU informiert, 28 % gibt an, viel zu wissen, 54 % glaubt, ein wenig zu wissen und immerhin 17 % geben selbst zu, (fast) nichts über die EU zu wissen. Die Unterschiede zwischen den Altersgruppen fallen bei dieser Frage übrigens nicht sehr groß aus und auch junge Deutsche fühlen sich über Europa nicht besser informiert als ihre Altersgenossen in der EU.
Die Zustimmung zur Europäischen Union wird oft mit der Frage gemessen, ob die Bürgerinnen und Bürger eine Verbundenheit mit Europa spüren. Nicht überraschend fühlen sich die Menschen in erster Linie mit ihrem Land verbunden und dann in ähnlichem Ausmaß mit ihrer Region und der Kommune, in der sie leben. Erst an letzter Stelle wird Europa genannt. Immerhin 65 % der EU-Jugendlichen fühlen sich auch mit Europa verbunden. Angesichts multipler Identitäten, die eine Gleichzeitigkeit von unterschiedlichen regionalen Zugehörigkeiten zulassen, ist diese Zuordnung nicht verwunderlich. Die Zugehörigkeit zu Europa wird zwar mit Abstand aber doch von einem überwiegenden Teil der Bevölkerung als ein weiterer Bezugspunkt der eigenen Identität genannt. Allerdings gibt auch ein Drittel der Jugendlichen explizit an, sich nicht mit Europa verbunden zu fühlen. Diesen Jugendlichen fällt es offensichtlich schwer, einen Bezug zwischen dem eigenen Leben und Europa herzustellen, beziehungsweise Europa im Alltag wahrzunehmen. Wenn die persönlichen Erfahrungen aber fehlen, bleibt Europa eine abstrakte Größe, die kaum anziehend wirkt.
Im Hinblick auf konkrete Ängste und Befürchtungen hinsichtlich der EU werden von der Bevölkerung eine ganze Reihe von Entwicklungen genannt, die sie eher mit Sorge als mit Zuversicht verfolgen. So steht die Verlagerung von Arbeitsplätzen in andere Mitgliedsländer mit niedrigeren Produktionskosten an erster Stelle der Befürchtungen. 68 % der EU-Jugendlichen und sogar 77 % der deutschen Jugendlichen befürchten eine solche Entwicklung im Zusammenhang mit europäischer Politik. Hier zeigt sich die schwierige Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt in Deutschland, die sich direkt auf die Zukunftsängste der Bevölkerung und deren Einstellungen in diesem Bereich auswirkt.
Auch die Wahrnehmung der Mitwirkungsmöglichkeiten in der EU werden von den jungen Bürgerinnen und Bürger eher negativ eingestuft. 52 % der EU-Jugendlichen (54 % der jungen Deutschen) sind der Auffassung, dass ihre Stimme in der EU nicht zählt. Nur 39% der EU-Jugendlichen (38 % der deutschen Jugendlichen) sieht dies anders. Der überwiegende Teil der Jugendlichen macht damit deutlich, dass er seine Auffassungen und Forderungen in der EU nicht berücksichtigt sieht. Die vieler Ortens geforderte aktive europäische Bürgergesellschaft und rege Partizipation in Europa ist anscheinend noch weit von den tatsächlichen Möglichkeiten und deren Wahrnehmung in der Bevölkerung entfernt. Hier besteht erheblicher Handlungsbedarf, dem es im Rahmen einer europäisch orientierten Jugend- und Bildungsarbeit zu begegnen gilt.
Den gesamten Artikel finden Sie im Anhang als Download.