Interview vom 08.02.2011Mehr Wissen über die Jugendlichen

"Die klassische Formatförderung aufbrechen"

jugendpolitikineuropa.de fragte Christof Kriege zur JiVE-Studie „Europa ermöglichen“.

JfE: Herr Kriege, warum ist es immer noch schwierig, mehr junge Menschen mit Migrationshintergrund für den EFD zu gewinnen?

Christof Kriege: Es gibt viele strukturelle Hemmnisse der Teilhabe von Jugendlichen mit Migrationshintergrund. Einige halten die Anforderungen für zu hoch und werden abgeschreckt. Auch die Zugänge von Migrantenselbstorganisationen oder Vereinen junger Migrant(inn)en zum Jugendhilfesystem werden durch formale Voraussetzung erschwert. Es bestehen vor allem verschiedene Anerkennungshindernisse für Träger.

JfE: Was sind aus Ihrer Sicht die wichtigsten Erkenntnisse der Untersuchung?  

Christof Kriege: Mich freuen besonders die Wirkungen, die die jungen Menschen selbst betreffen. Die Studie hat festgestellt, dass durch den Europäischen Freiwilligendienst die Bereitschaft zu freiwilligem Engagement gestärkt worden ist. Die jungen Menschen begreifen ehrenamtliches Engagement als Lern- und Erfahrungsfeld, in dem sie Sprachen, soziale Fähigkeiten und interkulturelle Kompetenzen entwickeln können. Einige Jugendliche haben durch den EFD deutliche Entwicklungsschritte gemacht und konkrete berufliche Optionen oder private Perspektiven ausgebildet.

Richtig erfreulich ist, dass die am Europäischen Freiwilligendienst beteiligten jungen Menschen bestätigen, dass ihr Interesse für Europa geweckt wurde. Allerdings bedarf eine intensive Identifikation mit Europa und eine Position zum politischen Europa noch ergänzender Jugendbildungsarbeit.

JfE: Wie schätzen Sie die Wirkungen des EFD auf die beteiligten Organisationen ein?

Christof Kriege: Die Organisationen bewerten den Europäischen Freiwilligendienst als innerbetriebliche Bereicherung. Er hat bei vielen einen Prozess der Auseinandersetzung um die eigene interkulturelle Offenheit angestoßen. Zugleich tragen die internationalen Partnerschaften zu einer starken Außenwirkung bei. Insofern kann man sagen, dass die Träger sich durch den EFD erkennbar verändert haben.

JfE: Was muss getan werden, damit mehr Jugendliche mit Migrationshintergrund am EFD teilnehmen? 

Christof Kriege: Ganz sicher muss die Zusammenarbeit der Träger verbessert werden, und zwar derjenigen, die internationale Jugendarbeit anbieten und interkulturelles, internationales `Know-how´ mitbringen, mit denjenigen, die Zugänge zur Zielgruppe haben und pädagogisch mit ihnen arbeiten, beispielsweise Migrantenselbstorganisationen und Vereinen junger Migrant(inn)en oder Einrichtungen der Jugendsozialarbeit und Jugendmigrationsdienste. Wir haben im JiVE-Projekt gute Erfahrungen mit dem Tandem-Modell der Kooperation beider Trägergruppen gemacht. Außerdem sollten sich mehr Migrantenselbstorganisationen oder Vereine junger Migrant(inn)en als Projektträger im Europäischen Freiwilligendienst und als Träger der Jugendhilfe im Weiteren anerkennen lassen, um jungen Menschen niederschwellig verbesserte Zugänge und Teilhabe zu ermöglichen.

JfE: Wie sollten zielgruppengerechte Angebote für die Jugendlichen aussehen? 

Christof Kriege: Wir stellen erfreut fest, dass Träger der Jugendsozialarbeit und der Jugendmigrationsdienste formale Bildungsangebote zunehmend um nichtformale internationale Mobilitätsangebote ergänzen. Dafür müssen Jugendlichen mit Migrationshintergrund aber kultursensible Projekte angeboten werden, die sich an ihren Ressourcen und Entwicklungsbedürfnissen sowie an ihrem Sicherheitsbedürfnis orientieren. Der Europäische Freiwilligendienst ist ein dahingehend offenes Format. Und wenn die Projektträger dafür finanzielle Mehraufwendungen benötigen, können wir zusätzliche Fördermitteln anbieten.

JfE: Aber wie kann man die Jugendlichen überhaupt für eine Teilnahme motivieren? 

Christof Kriege: Die Angebote erreichen Jugendliche mit Migrationsintergrund nicht über Hochglanzbroschüren und Sonntagsreden. Sie werden am ehesten motiviert, wenn die Verantwortlichen mit Herzblut bei der Sache sind und sie individuell unterstützen. Motivierend ist es auch, wenn sie von den authentischen Erfahrungen anderer junger Menschen im Ausland hören, wir nennen das „peer-to-peer-learning“. Motivation gelingt wie in der Metapher von Saint-Exupéry: Wenn Du ein Schiff bauen willst, trommle nicht Menschen zusammen, um Holz zu beschaffen, sondern lehre sie die Sehnsucht nach der Ferne.

JfE: Was tut JUGEND für Europa?

Christof Kriege: JUGEND für Europa hat die Projekte Neue Herausforderungen“ und JiVE.Jugendarbeit international – Vielfalt erleben angestoßen und begleitet. Damit sind verschiedene Träger der Jugendhilfe erreicht und motiviert worden, Formate und Projekte internationaler Jugendarbeit als Lernfeld auch für Jugendliche mit Migrationshintergrund zu entdecken und zu entwickeln. Aber letztlich wollen wir noch viel mehr Träger der Jugendhilfe animieren, ihre professionelle Arbeit um internationale und interkulturelle Aspekte zu ergänzen. Dafür ist JUGEND IN AKTION das geeignete Förderinstrumentarium, weil es die Mobilität aller jungen Menschen, unabhängig von ihren Fertigkeiten und Ressourcen, unterstützt.

JfE: Zurzeit wird über die Fortsetzung des Programms JUGEND IN AKTION ab 2014 diskutiert. Können aus der Untersuchung Konsequenzen für ein künftiges Programm abgeleitet werden?

Christof Kriege: Die Träger der Jugendhilfe und JUGEND für Europa wünschen sich für die Zukunft zu allererst, dass die Europäische Union die erfolgreichen europäischen Förderprogramme nichtformaler Jugendbildung als eigene Förderlinie fortsetzt. Nur so wird es möglich sein, Mobilitätserfahrungen insbesondere auch benachteiligter junger Menschen in Europa zielgerichtet zu unterstützen.

Darüber hinaus würde ich mir wünschen, dass die klassische Formatförderung ein wenig aufgebrochen wird zugunsten von Möglichkeiten eines zielgruppenspezifischen Experimentierens der Jugendhilfepraxis. Das könnte dazu beitragen, viel mehr interessierte Organisationen in die internationale und interkulturelle Jugendarbeit einzubinden. Interkulturelles Lernen ist aus meiner Sicht anzureichern um Methoden und Haltungen, die die Vielfalt junger Menschen tatsächlich auch berücksichtigt. Eine stärkere Diversitätsorientierung ist die zentrale Herausforderung.

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