jugendpolitikineuropa.de führte ein Interview mit dem Präsidenten des Europäischen Jugendforums, Peter Matjašič, zum Vorschlag der EU-Kommission für ein zukünftiges EU-Programm „Erasmus für alle“.
jfe: Das Europäische Jugendforum hat seit der Veröffentlichung des Vorschlags der EU-Kommission für die Nachfolgeprogramme im Bereich Bildung, Jugend und Sport ab 2014 seine ablehnende Haltung bereits öffentlich kommuniziert. Was sind Ihre zentralen Kritikpunkte am den Vorschlag für „Erasmus für alle“?
Peter Matjašič: Wir haben uns von Anfang an für ein unabhängiges Jugendprogramm eingesetzt, weil wir glauben, dass sich das jetzige JUGEND IN AKTION- Programm bisher als erfolgreich bewiesen hat. Deshalb sollte es weiter geführt und nicht in einem integrierten EU-Programm verloren gehen. Im “Erasmus für alle” vermissen wir einen stärkeren Zusammenhang zwischen dem Programmvorschlag und dem Artikel 165(2)5 des EU-Vertrags, der über die Förderung des Ausbaus des Jugendaustauschs und einer verstärkten Beteiligung der Jugendlichen am demokratischen Leben in Europa spricht.
Der Vorschlag der Europäischen Kommission ist nur auf die Bedürfnisse des Arbeitsmarktes ausgerichtet, vergisst aber die Aspekte der aktiven Europäischen Bürgerschaft und Jugendbeteiligung, die genauso wichtig für den Ausbau einer verbesserten Gesellschaft sind.
Weiter kritisieren wir den Mangel an klaren Definitionen der benutzen Schlüsselbegriffe, wie etwa die Rolle von Jugendorganisationen und Jugendarbeit, Ehrenamt und nicht formaler Bildung, die in solchen Programmen deutlich erwähnt und definiert werden sollten. Obwohl wir die Sichtbarkeit des nicht formalen Lernens begrüßen, führt die Nichtnennung der Akteure und Anbieter von nicht formaler Bildung zu einem Ungleichgewicht: der Blick auf das Individuum (der Lernende) ist vorhanden, aber eine Schwerpunktsetzung auf die Jugendorganisationen (Bildung) ist nicht vorhanden. Das Programm JUGEND IN AKTION unterstützt sowohl nicht formale Bildung und informelles Lernen und dadurch Jugendorganisationen.
Von Jugendlichen initiierte und auf freiwilligem Engagement basierende demokratische europäische Organisationen müssen eine gezielte Unterstützung bekommen, als Akteure, die junge Menschen mit Blick auf Europa befähigen. Um ihre Arbeit nachhaltig zu gewährleisten, ist es entscheidend, nicht nur projektbezogene Mittel zur Verfügung zu stellen, sondern auch Verwaltungsunterstützung. Die Aktionen des Programms sollten von Jugendorganisationen implementiert werden, die fähig sind, die Bedürfnisse junger Menschen durch die Bereitstellung langfristiger Lernprozesse anzusprechen.
Der letzte Kritikpunkt bezieht sich auf die Tatsache, dass die Jugend in der Verwaltung des Programms nicht beteiligt ist, obwohl ihre Einbeziehung ein jugendfreundlicheres Management und Programmverwaltung sowie eine bessere Reflexion über die Bedürfnisse Jugendlicher sicherstellen würde. Co-Management mit Jugendlichen und deren Organisationen, die sie vertreten, sollte auch auf europäischer und nationaler Ebene umgesetzt werden, auch wenn dies eine Veränderung der derzeitigen finanziellen Regeln mit sich bringt.
jfe: Wie schätzen Sie den allgemeinen Trend der EU-Kommission ein, ihr Wirken – auch das jugendpolitische – auf die Ziele von Beschäftigungswachstum und Stärkung der Wirtschaftskraft in der EU auszurichten?
Peter Matjašič: Wir können angesichts der schwierigen wirtschaftlichen Lage und hoher Jugendarbeitslosigkeit diesen Trend zwar begrüßen, sind aber der Meinung, dass man junge Menschen in allen Lebensbereichen fördern und unterstützen sollte, damit sie sich zu aktiven, autonomen, unabhängigen und verantwortlichen Mitgliedern der Gesellschaft entwickeln können. Das bedeutet also nicht nur neue Arbeitskräfte zu schaffen, sondern den Jugendlichen Chancengleichheit zu verschaffen und Jugendprogramme auszuarbeiten, mit denen man sowohl Jugendarbeit an sich, als auch Jugendorganisationen fördern kann. Wir stehen für die Rechte und Bedürfnisse der Jugend und deren Vertreter ein, daher sollten die Komponenten der aktiven Bürgerschaft (active citizenship) und der Jugendbeteiligung (youth participation) eine genauso prominente Stelle in einem zukünftigen EU Jugendprogramm einnehmen.
jfe: Das Europäische Jugendforum nimmt ja seit vielen Jahren eine wichtige beratende Stellung für die EU-Kommission in jugendpolitischen Fragen ein. Haben Sie sich dieses Mal mit Ihren Forderungen nicht durchsetzen können?
Peter Matjašič: Teilweise könnte man es so sehen. Einerseits schlägt die EU-Kommission vor, deutlich mehr Mittel in die Bildung und die Berufschancen der europäischen Jugend zu investieren, was wir seit Jahren fordern und selbstverständlich begrüßen und unterstützen. Anderseits entspricht die Ausrichtung des Programmentwurfs nicht unseren Erwartungen, weil junge Leute hauptsächlich als passive Verbraucher von Bildungsangeboten verstanden werden und nicht als aktive Mitgestalter der europäischen Wirtschaft und Gesellschaft. Wir haben diesbezüglich schon sehr früh unsere Interessen formuliert und uns sehr klar und deutlich für eine Erweiterung und Verbesserung des eigenständigen JUGEND IN AKTION - Programms eingesetzt. Als deutlich wurde, dass die Kommission in Richtung einer Integration der jetzigen Jugend- und Bildungsprogramme geht, haben wir begonnen, der Kommission unsere wichtigsten Positionen zu vermitteln, die auf jeden Fall in einem neuen Programm aufgenommen werden müssten. Vieles wurde uns versprochen und zugesagt, aber als der tatsächliche Vorschlagsentwurf vorlag wurde deutlich, dass wir uns bis jetzt bei der Kommission mit unserer Hauptforderung auf Mitgestaltung nicht durchsetzen konnten.
jfe: Haben Sie in den anderen Mitentscheidungsgremien wie dem Europäischen Parlament und im Rat der EU außer Deutschland noch andere Mitstreiter?
Peter Matjašič: Es gibt durchaus viele, die unsere Meinung teilen: Zum einen im Europäischen Parlament, insbesondere die Europaabgeordneten in der Intergruppe Jugend und ebenfalls Frau Doris Pack, die ja zur Berichterstatterin für den Vorschlag „Erasmus für alle“ seitens des Europäischen Parlaments ernannt wurde. Zum anderen gibt es unter den Mitgliedstaaten auch eine Koalition der Willigen, die vor allem von Deutschland und Belgien angeführt wird, wobei aber jeder Mitgliedstaat eigene Einwände und Besorgnisse zeigt. Wichtig ist auch wahrzunehmen, dass es in der Zivilgesellschaft eine große Entschlossenheit gibt, sich für eine deutliche Verbesserung des Kommissionsvorschlags einzusetzen. Wir sind als Europäisches Jugendforum Mitglied einer Koalition, in der wir Organisationen zusammenbringen, die sich mit formaler, nicht formaler und informeller Bildung wie auch mit dem lebenslangen Lernen beschäftigen. Alle sind von dem neuen Vorschlag betroffen. Wir haben gemeinsame Positionen erörtert, um deutlich zu machen, dass wir uns nicht gegenseitig in die Quere kommen sondern zusammen an einem Strang ziehen.
jfe: Gibt es für Sie zwischen der Forderung des Europäischen Jugendforums nach einem eigenständigen Jugendprogramm und dem Vorschlag der Kommission gangbare Kompromisslinien? Wenn ja, welche wären das?
Peter Matjašič: Soviel uns bekannt ist, gibt es einen Kompromissvorschlag bzw. mehrere, die alle in Richtung eines separaten Kapitels für Jugend innerhalb der vorgeschlagenen Gesetzesgrundlage gehen. Das bedeutet, dass die meisten eingesehen haben, dass sich der jetzige Kommissionsvorschlag nicht stark genug für den Jugendsektor einsetzt. Wir fordern nach wie vor, dass Programmaktionen für Projekte, die von selbständigen und weitgehend ehrenamtlichen Jugendorganisationen gestaltet und umgesetzt werden, von einem eigenständigen Programmkomitee definiert werden und weiterhin von einer eigenständigen Jugendabteilung umgesetzt werden, und in den Agenturen von eigenständigen und auf die spezifischen Bedürfnissen von Jugendorganisationen ausgerichtete Abteilungen betreut werden. Kurz gefasst: Der gesellschaftliche Auftrag von repräsentativen Jugendverbänden darf nicht mit denjenigen von professionellen Bildungsbehörden und -anbietern verwechselt werden.
jfe: Das Jugendforum hat eine Kampagne mit dem Titel „Where are you going” ins Leben gerufen. Was sind die zentralen Botschaften ihrer Aktion?
Peter Matjašič: Wir deuten darauf hin, dass auch unsere politischen Entscheidungsträger es vermocht haben, durch nicht formale Lernerfahrungen wertvolle soziale Kompetenzen zu erwerben und dadurch in der Gesellschaft wichtige Rollen und Funktionen zu übernehmen. Hätte dies in einem europäischen Rahmen stattgefunden, könnten sie sich heute vielleicht besser verständigen.
Die zentralen Botschaften unserer Aktion beziehen sich auf die Tatsache, dass junge Leute in Zeiten von Krise und Sparmaßnahmen nicht schöne Worte brauchen sondern starke Investitionen. Die Jugend muss eine politische und finanzielle Priorität für Europa sein.
Daher richten wir uns an das Europäische Parlament und die EU-Mitgliedstaaten mit der Forderung nach einem starken und unabhängigen Programm JUGEND IN AKTION zur Unterstützung von nicht formaler Bildung, Jugendarbeit und demokratischer Jugendorganisationen sowie einen ambitiösen europäischen Jugendbeschäftigungsplan. Junge Leute und Jugendorganisationen verdienen nichts weniger!
jfe: Was können Ihrer Meinung nach Jugendorganisationen - national, regional und kommunal - tun, um für ein eigenständiges EU-Jugendprogramm bei den nationalen Regierungen und den Europaabgeordneten zu werben?
Peter Matjašič: Es wäre wichtig, dass sich Nutzer und Begünstige des jetzigen JUGEND IN AKTION-Programms auf allen Ebenen klar für die Beibehaltung der wichtigsten Aktionen einsetzen und den Wert ihrer Arbeit für die Gesellschaft deutlich machen; z.B. durch besseres Vorstellen der Ergebnisse und Aktivitäten ihrer Projekte, durch die Darstellung des Mehrwerts und die Verbindung von Europa mit der lokalen, regionalen und/oder nationalen Ebene. Sie sollten deutlich machen, wieso es Sinn macht, EU-Gelder für solche Aktivitäten einzusetzen. Im Fall von Deutschland, Polen oder Spanien ist es wichtig zu zeigen, wie die Jugendlichen auf regionaler Ebene von solchen Aktivitäten profitierten und welche Bedeutung die von Jugendlichen an- und ausgeführten Aktivitäten und Projekte für die persönliche Entwicklung junger Menschen und ihrer Fähigkeiten hat.
Zu beachten wäre auch die Frage der finanziellen Investition. Von derzeit 100 Euro Steuern, die von einem europäischen Staatsbürger bezahlt werden, fließen nur 2,80 Euro in die EU. Von diesen 2,80 Euro werden nur 0,1% zur Finanzierung des EU-Jugend-Programms genutzt. Im Durchschnitt betragen die aktuellen JUGEND IN AKTION-Kosten also weniger als 0,28 Cent pro Jahr für jeden europäischen Bürger. Investitionen in die Jugend und in Jugendorganisationen ist eine äußerst kosteneffiziente Weise, die Ziele der Schaffung von Arbeitsplätzen und Innovation, soziale Integration und nachhaltiges Wachstum zu erreichen. Für nur 0,28 Cent im Jahr, hat JUGEND IN AKTION zwischen 2007 bis 2013 rund einer Million jungen Europäern die Chance gegeben, wertvolle Erfahrungen durch nicht formale Bildung und Mobilität zu sammeln, die ihr soziales, bürgerliches und politisches Engagement sowie ihr Verantwortungsbewusstsein verbessern. Darauf sollte man stolz sein und dies auf allen Ebenen laut verteidigen.
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